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Die Nebenwirkungen der Gemütlichkeit

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Gemütlich, aber nicht unproblematisch: das offene Feuer im Kamin. Foto: muh. / PhotoCase.com
Die Abgase aus Dieselfahrzeugen galten bislang als besonders schädlich. Doch der Rauch aus Kachel- und Holzöfen kann nicht weniger Gefahren bergen, wiesen Züricher Forscher in Vergleichsexperimenten nach. Obendrein können Kaminbesitzer beim Heizen viel falsch machen und dadurch die Giftfracht aus dem Schornstein noch um ein Vielfaches in die Höhe treiben.

Der Wind treibt die Schneeflocken durch die Luft. Draußen ist es bitter kalt. Bei diesen Temperaturen ist es verlockend, vor einem warmen Kamin zu sitzen, den lodernden Flammen zuzusehen und dem Knistern des Holzes zu lauschen. Behagliche Wärme breitet sich aus. Doch durch den Schornstein betrachtet entpuppt sich der Kaminzauber als schmutziges Vergnügen, warnen Züricher Forscher. Sie haben zum ersten Mal im Auftrag der Schweizer Behörden die Abgase aus dem Kamin mit denen eines Dieselfahrzeugs verglichen. Dazu leiteten sie die Schadstoffe auf Lungenzellen von Hamstern und verfolgten deren Entwicklung in Glasschalen.

Die als Schmutzfinken viel gescholtenen Dieselfahrzeuge sind gar nicht allein auf weiter Flur, fanden die Forscher heraus: „Offene und geschlossene Holzöfen sind eine weitere wichtige Quelle von Feinstaub, die wir unterschätzt haben“, sagt Thomas Nussbaumer vom Züricher Ingenieurbüro Verenum. „Selbst bei einem gut betriebenen Holzofen müssen wir davon ausgehen, dass die Abgase mindestens genauso gefährlich sind wie bei einem Dieselfahrzeug.“

Die Ergebnisse erstaunten den Forscher selbst, der sich in seiner Jugend für Kachelöfen begeisterte und gerne einen besessen hätte. Dieselmotoren und Öfen setzen schon im Normalbetrieb ähnlich große Mengen an Feinstaub frei. Die Teilchen sind großteils so klein, dass sie in die Verästelungen der Lunge eindringen können. Toxikologen gehen davon aus, dass sie dort Entzündungsreaktionen hervorrufen können und auf Dauer Herz-Kreislauferkrankungen, Asthma und Bronchitis begünstigen. „Aus einem Kamin entweichen neben dem Staub auch noch organische Abgase in Form feiner Tröpfchen“, ergänzt Nussbaumer. „Sie bestehen aus polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen. Gerade diese sind sehr giftig. Insgesamt gibt es keinen Grund zur Annahme, dass die Emissionen aus Dieselfahrzeugen gefährlicher sind als jene aus dem Kamin.“

Wird feuchtes Holz im Kamin verheizt oder die Luftzufuhr geschlossen, steigt die Schadstofffracht sogar um ein Vielfaches. Das Brenngut verbrennt dann unvollständig. Ohne Luft schwelt das Feuer vor sich hin: Der russartige Holzstaub, der dann entsteht, ist rund zehnmal schädlicher für die Zellen und das Erbgut als Dieselruß, offenbarten Nussbaumers Experimente. Zugleich liegt die Menge an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen rund zwanzigmal so hoch. „Die Abgase aus einem so betriebenen Kamin sind in jedem Fall weitaus schädlicher als Dieselruß“, warnt der Ingenieur.

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Deshalb rät das Umweltbundesamt in seiner neuesten Broschüre dringend dazu, Kamine nur mit trockenem, unbehandelten Holz zu füllen und die Luftzufuhr nie ganz zu schließen. Auch sollte man die Brennkammer nicht überladen, damit das Feuer ausreichend Sauerstoff und Raum zur Verfügung hat, rät Anja Behnke, Autorin der Broschüre.

Schädliche Feinstäube können außerdem vermieden werden, indem die Holzscheite von oben angesteckt werden. Dünne Späne werden dazu auf dem Brenngut versetzt übereinander gestapelt und dann das Feuer entfacht. Das garantiert einen sauberen Abbrand, versichern die Züricher Forscher, die sich diese Anzündtechnik ausgedacht haben. Gewöhnlich zünden die meisten Kachelofenbesitzer das Brenngut von unten an. Bis das Feuer sich nach oben durchgefressen hat, brennt es jedoch nicht vollständig, da es nicht ausreichend Sauerstoff bekommt. Es entstehen unnötig viele Stäube und giftige Abgase.

Generell ist sichtbarer, grauer Rauch ein sicheres Zeichen für eine schmutzige Verbrennung. Die dunklen Fahnen rühren von giftigem Holzfeinstaub und von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen. Im Schornstein lassen sie eine glänzende Rußschicht zurück. „Wenn sauber mit Holz geheizt wird, sieht man nur farblose Schlieren aufsteigen“, beschreibt Nussbaumer. Bei modernen Holzpelletheizungen müsse das der Normalfall sein. Dagegen wird der Rauch bei einem Kaminfeuer naturgemäß etwas dicker ausfallen. „Einen offenen Kamin kann man beispielsweise gar nicht emissionsarm betreiben. Die Verbrennungsbedingungen lassen sich nicht steuern“, fügt Behnke an. Graue oder gar schwarze Schwaden dürfen es dennoch nicht sein.

Wer schmutzig heizt, schadet sich im Übrigen selbst, warnt Behnke: Sobald die Ofentür geöffnet wird, entweicht ein Teil des giftigen Rauchs in die Wohnung und verpestet die Luft. „Man kann davon ausgehen, dass die Gehalte an Feinstäuben im Innenraum erhöht sind.“ Auch die Anwohner leiden unter unbedachten Heizern. „In dicht besiedelten Gebieten kann das bei Inversionswetterlagen, also bei fast stehender Luft, zu einem Problem werden“, so Nussbaumer. Der Feinstaub aus dem Ofen sammelt sich über der Siedlung wie unter einer Käseglocke und beschert allen Bürgern schlechte Winterluft. Der Züricher Ingenieur rät deshalb, bei solcher Witterung auf das Kaminfeuer ganz zu verzichten.

Trotzdem will der Umweltforscher den Kachelofen nicht zum bloßen Schmuckstück degradieren. Nussbaumer hat Verständnis dafür, dass an kalten Wintertagen ein Kaminfeuer verlockt. Er empfiehlt lediglich, die Tipps zum sauberen Betrieb zu beachten. Verschiedene Hersteller bieten zusätzlich Kaminaufsätze an, die einen Teil des Feinstaubs aus dem Abgas filtern. Damit kann die düstere Kehrseite der Behaglichkeit zumindest aufgehellt werden.

ddp/wissenschaft.de – Susanne Donner
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