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Umwelt+Natur

Die Nutrias machen sich breit

Nutrias fühlen sich auch im urbanen Umfeld wohl. Sie unterscheiden sich von Bibern vor allem durch das Fehlen des abgeflachten Ruderschwanzes. (Bild: Anna Schertler)

An vielen Gewässern Europas haben sich die südamerikanischen Riesennager bereits etabliert und das war offenbar nur der Anfang: Die Nutrias werden sich wohl zunehmend ausbreiten, geht aus einer Studie hervor. Demnach gibt es noch viele potenzielle Lebensräume für die problematischen Exoten, die auch die Nähe des Menschen nicht scheuen. Außerdem wird im Zuge des Klimawandels auch der Norden zunehmend zu einem geeigneten Lebensraum für die invasive Art, berichten die Forscher.

Zu groß für eine Ratte, doch ein Biber kann es auch nicht sein – wer an einem europäischen Gewässerufer ein seltsames Nagetier erblickt, hat es wahrscheinlich mit einer Nutria (Myocastor coypus) zu tun. Auf den ersten Blick ähneln diese Tiere unserem größten einheimischen Nagetier, doch ihre Schwänze sind rund und bilden kein abgeflachtes Ruder. Stattdessen besitzen sie an den Hinterfüßen Schwimmhäute, mit denen sie sich gut im Wasser fortbewegen können. Ursprünglich kommen die bis zu 70 Zentimeter langen und neun Kilogramm schweren Verwandten des Meerschweinchen aus Südamerika.

Pelzige Südamerikaner im Visier

Dort besiedeln die Nutrias Uferbereiche von Gewässern in den subtropischen und gemäßigten Klimazonen. Sie ernähren sich hauptsächlich von Pflanzen, verschmähen aber auch kleine Wassertiere nicht. Nach Europa kamen die Nager bereits Ende des 19. Jahrhunderts: Sie wurden wegen ihres Fells in Pelztierfarmen gezüchtet. Freigesetzte oder entkommene Tiere erwiesen sich dann als überlebensfähig in der europäischen Natur und konnten vielerorts Kolonien bilden.

Heute sind die Nutrias in vielen Ländern Europas bereits weit verbreitet. So auch in Deutschland, wo sie in allen Bundesländern zu finden sind. Je nach den lokalen Begebenheiten leben die Nutrias in Schilfnestern oder graben Höhlen in die Uferböschungen. Da sie kaum Scheu vor dem Menschen zeigen, konnten sie sich auch in urbanen Bereichen etablieren. Die Nutria steht in Europa bereits auf der Liste der invasiven Arten mit dem Ziel, eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Doch bisher gab es kaum systematische Untersuchungen über ihr Vorkommen und das weitere Ausbreitungspotenzial.

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Diesem Thema haben sich nun Forscher der Universität Wien gewidmet. Sie trugen dazu Informationen zum Vorkommen der Art aus ganz Europa zusammen und identifizierten anhand der Merkmale der Habitate die Bedingungen, bei denen sich die Nutrias besonders gut halten können. Anschließend erfassten sie, wo die Nager diese Voraussetzungen finden könnten, aber noch nicht vorkommen – also das Ausbreitungspotenzial der invasiven Art.

Großes Ausbreitungspotenzial

„Es zeigte sich, dass die derzeit bekannten Vorkommen nicht einmal die Hälfte der potentiell geeigneten Fläche in Europa abdecken und dass somit in den nächsten Jahren mit einer weiteren deutlichen Ausbreitung zu rechnen ist“, resümiert Co-Autor Franz Essl das Ergebnis der Studie. „Im Zuge des Klimawandels und milderer Winter werden auch nördlichere Regionen zunehmend nutriafreundlicher. Wie die Art auf trockenere und heißere Bedingungen im Süden reagieren wird, sollte aber noch genauer erforscht werden“, sagt die Erstautorin der Studie Anna Schertler. Es scheint allerdings klar, dass sich die Nutrias wohl kaum mehr aus Europa vertreiben lassen werden und zunehmend zu einem Problem heranwachsen könnten. „Bei hohen Populationsdichten entstehen beträchtliche Schäden an Uferbefestigungen und in der Landwirtschaft, etwa auf Maisfeldern. Auch natürliche Lebensräume und seltene Pflanzenarten können geschädigt werden“, sagt Schertler. Außerdem sind Nutrias potentielle Überträger diverser Krankheiten, etwa der Toxoplasmose.

Es ist daher sinnvoll, sich auf eine Reduktion der Populationsdichten und somit einhergehender Ausbreitung und Schäden zu konzentrieren, sagen die Wissenschaftler.
Vor allem in urbanen Gebieten ist ihnen zufolge Aufklärungsarbeit gefragt. Denn dort werden die possierlichen Nager offenbar auch von Tierfreunden gefüttert, was zu einer starken Zunahme der Bestände führt. „Auch sind viele länderübergreifende Vorkommen, etwa entlang von Grenzflüssen, zu finden. Hier ist eine koordinierte internationale Zusammenarbeit essentiell“, so Anna Schertler.

Wer bei einem Spaziergang auf den pelzigen Exoten trifft, kann auch einen Beitrag zur weiteren Erforschung der Verbreitung der Nutria in Europa leisten, sagen die Wissenschaftler: Über die Smartphone-App „NaturaList“ kann man eine Sichtung bequem mit den entsprechenden Ortsinformationen melden.

Quelle: Universität Wien, Fachartikel: NeoBiota, doi: 10.3897/neobiota.58.33118

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