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Umwelt+Natur

Die Tier-Ärzte

Schimpansen und selbst Fruchtfliegen verfügen über medizinisches Wissen, das für uns Menschen wertvoll ist.

Bei akutem Befall mit Darmparasiten pflücke man die Blätter des Korbblütlers Aspilia, falte sie zu kleinen Päckchen und schlucke sie unzerkaut in den frühen Morgenstunden, vorzugsweise auf nüchternen Magen. Oder man kaue das Mark eines jungen Zweigs vom Bitterspinat. Binnen 20 Stunden sollte eine deutliche Besserung eintreten. Vorsicht: Von einer Überdosierung wird dringend abgeraten. Beachten Sie außerdem: Die Medikamente gehören nicht in Kinderhände!

Schimpansen in Ostafrika befolgen dieses „Rezept“ seit Generationen – obwohl sie es selbstverständlich weder lesen noch mündlich weitergeben können. Die Tiere legen große Strecken zurück, um Pflanzen zu finden, die weder nahrhaft noch wohlschmeckend sind. Lange wunderten sich Forscher darüber. Erst als sie entdeckten, dass Einheimische die gleichen Pflanzen zu sich nehmen, kam ihnen die entscheidende Idee: Aspilia und Co könnten eine heilende Kraft haben, die Tier und Mensch gleichermaßen hilft.

In einem Labor am anderen Ende der Welt entschlüsselte Michael Huffmann von der Universität Kyoto in Japan die chemische Zusammensetzung der Pflanzen. Ergebnis: Das Mark des Bitterspinats enthält etliche Phytochemikalien, die entzündungshemmend und desinfizierend wirken. Auch Aspilia birgt pharmazeutisch wirksame Stoffe, darunter Thiarubrin-A, eine Substanz, die das Wachstum von Parasiten und Mikroorganismen hemmt.

Doch weshalb schlucken die Affen die Aspilia-Blätter unzerkaut? Schließlich behindert dies die Freisetzung des Arzneistoffs. Der Dung lieferte des Rätsels Lösung: Der Forscher fand darin gefaltete Blätter, an denen Würmer hängen geblieben waren. Er vermutete daher, dass die Heilkraft des Korbblütlers vor allem auf seiner rauen, mit Widerhaken versehenen Blattoberfläche beruht. Zudem reizen die unverdaulichen Blätter die Darmwände, woraufhin diese sich zusammenziehen und so helfen, die Plagegeister loszuwerden.

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Der Primatenforscher Volker Sommer hat eine Liste mit insgesamt 309 Pflanzenarten zusammengestellt, die in der Gaschaka-Region Nigerias vorkommen und von Menschen, Schimpansen und Pavianen eingenommen werden. Dass sich Menschen bei der Suche nach Heilpflanzen von ihren tierischen Verwandten inspirieren lassen, ist seit Langem bekannt: Im alten indischen Ramayana-Epos etwa schleppt der Affengott Hanuman gleich einen ganzen Berg von Heilkräutern heran, um den verwundeten Prinzen Rama zu retten. Der Urwald sei eine Apotheke, schreibt Sommer in seiner Enzyklopädie für Verhaltensforschung.

Schwarze Pflaume gegen Schlangengift

Ein besonders vielseitiges Heilmittel ist die Schwarze Pflaume (Vitex doniana): Ihre Inhaltsstoffe bekämpfen Bakterien, Viren und Pilze, und sie wirken gegen manches Schlangengift. Menschen wie Affen verspeisen Blätter und Früchte. Aus der Rinde lässt sich auch ein Tee zubereiten, der bei Gelbfieber, Magenschmerzen oder Hautproblemen hilft. Die Früchte des „Multitalents“ wirken zudem bei Menstruationsbeschwerden und sind empfängnisverhütend.

Nicht nur die Liste der Heilpflanzen wächst ständig. Verhaltensforscher entdecken auch immer mehr Tiere mit „ medizinischen Kenntnissen“. So schlucken Bären vor ihrer Winterruhe unzerkaute Blätter, um Parasiten loszuwerden. Und Gänse bekämpfen mit Grashalmen lästige Schädlinge. Sogar Insekten behandeln sich selbst, weiß der Biologe Jacobus de Roode von der Emory University in Altlanta.

„Sie nutzen die Heilpflanzen ganz ähnlich wie Menschen ihre Arzneimittel“, erklärt de Roode. „Entweder behandeln sie bereits bestehende Erkrankungen oder sie nehmen die Pflanzen vorbeugend ein.“ Die „Wolliger Bär“ genannte Raupe der Gemeinen Amerikanischen Tigermotte beispielsweise frisst verstärkt alkaloidhaltige Pflanzen, wenn sie von Parasiten befallen ist. Noch sind sich die Forscher allerdings nicht sicher, ob die Pflanzenstoffe die Parasiten direkt angreifen oder ob sie vielmehr das Abwehrsystem der Raupe stimulieren.

Alkohol ist gut für den Nachwuchs

Manche Tierarten schützen sogar ihren Nachwuchs mithilfe von Pflanzen. Wenn weibliche Fruchtfliegen bemerken, dass in ihrer Umgebung Parasiten leben, legen sie ihre Eier in vergärende Früchte. Ähnlich der Monarchfalter: Von Schädlingen befallene Weibchen legen ihre Eier bevorzugt auf solche Seidenpflanzengewächse, die einen hohen Gehalt an Cardenoliden aufweisen, die für ihre Fressfeinde giftig sind. Den Raupen des Schmetterlings schaden diese Steroide nicht. Ganz im Gegenteil: Die Stoffe sammeln sich im Gewebe an und machen die Raupe ungenießbar.

Die Erkenntnisse über den Heilpflanzengebrauch durch Insekten lassen sich natürlich nicht eins zu eins auf den Menschen übertragen. Dafür ist der Stoffwechsel von Krabbeltier und Mensch viel zu verschieden. Doch es hat durchaus Vorteile, das Verhalten von Insekten zu studieren. Denn Affen in Baumkronen hinterher zu steigen, ihr Fressverhalten und ihre Kotproben zu untersuchen, ist aufwändig. Und da sich die Tiere nur langsam fortpflanzen, sind langfristige Effekte schwer zu belegen. Da haben es die Forscher mit Fruchtfliegen oder Schmetterlingen bedeutend leichter: Ob sie von der Selbstmedikation profitieren, lässt sich ganz einfach messen – anhand ihrer Überlebensrate oder ihrer Nachkommenzahl.

Propolis bei schlechtem Immunsystem

Der Gebrauch von Heilpflanzen begann lange, bevor der Mensch auftauchte. „Tiere kämpfen seit Millionen von Jahren mit Parasiten und haben gelernt, mit ihnen fertig zu werden“, betont de Roode. Und er ist überzeugt: „Von ihnen können wir eine Menge lernen.“ Denn möglicherweise nutzen Tiere Arzneistoffe, die uns Menschen noch unbekannt sind. Bis heute gehen drei Viertel aller Medikamente auf die chemische Analyse traditioneller Heilpflanzen zurück. „Pflanzen sind und bleiben die ergiebigste Quelle zukünftiger Medikamente“, sagt de Roode.

Der Forscher hofft auch auf Erkenntnisse über die Evolution des Abwehrsystems. „Entweder hat ein Tier ein gutes Immunsystem entwickelt, das bei einer Infektion effizient reagiert, oder es kann sich mit Medizin helfen“, erklärt er. „Das sind parallele Strategien.“ Bienen zum Beispiel haben ein im Vergleich zu anderen Insekten schlechtes Immunsystem, können aber ein antibakteriell wirkendes Bienenharz, das Propolis, herstellen. Damit kompensieren sie ihre mangelnde Abwehrkraft, meint de Roode.

Ein Verständnis dieser „verhaltensbedingten“ Immunität hält er für wichtig, um die Entwicklung und Verbreitung von Parasiten nachvollziehen zu können. Ein Beispiel: Verfügt ein Wirt über die Fähigkeit zur Selbstmedikation, macht er seinen Parasiten das Leben schwer. Nur besonders widerstandsfähige Schädlinge überleben den Ein- satz von Heilpflanzen und haben viele Nachkommen. „Und weil Wachstum mit Virulenz zusammenhängt, also mit der Gefährlichkeit eines Parasiten, selektiert die Selbstmedikation höhere Virulenz“, erklärt der Forscher. Das heißt: Die Parasiten werden mit der Zeit immer aggressiver.

Während der Heilpflanzengebrauch bei Insekten größtenteils angeboren ist, müssen die sogenannten höheren Tiere ihn meist lernen. Das geschieht zum Beispiel, indem sie zufällig herausfinden, dass ihre Beschwerden nach dem Verzehr einer bestimmten Pflanze nachlassen. Effizienter ist allerdings, bei anderen abzugucken: Schimpansenkinder beobachten sorgfältig, welche Blätter ihre Artgenossen verspeisen, bevor sie selbst zugreifen. Auch Lämmer orientieren sich an den Fressgewohnheiten ihrer Mütter und anderen Herdenmitgliedern, wie Forscher der Utah State University herausfanden.

Die Erkenntnisse über die Selbstmedikation bei Tieren könnte sogar für die Nutztierhaltung von Interesse sein: Stünde Schafen und Kühen ein natürliches Nahrungsangebot zur Verfügung, könnte man vielleicht auf den üblichen Masseneinsatz von Antibiotika verzichten. So fressen die Paarhufer bevorzugt Futterpflanzen mit hohem Gerbstoffgehalt, wenn sie von Würmern befallen sind, stellte Juan Villalba von der Utah State University fest. Ist die Infektion bekämpft, kehren sie zu ihren gewöhnlichen Fressvorlieben zurück. Doch um ihre Fähigkeit zur Selbstmedikation überhaupt nutzen zu können, benötigen sie das entsprechende Futterangebot – und eine Herde, in der sie lernen können. •

MANUELA LENZEN ist davon überzeugt, dass auch ihr Kaninchen über medizinische Kenntnisse verfügt.

von Manuela Lenzen

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