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Neue Pilzart

Die „Trüffel“ der Bonobos

Gemeinsam mit dem Gemeinen Schimpansen repräsentieren die Bonobos unsere nächsten Verwandten im Tierreich. Im Bildausschnitt ist der Trüffel-artige Pilz zu sehen. (Bilder: Alexander Georgiev)

Aromatische Knollen aus dem Untergrund stehen offenbar auch bei den Bonobos hoch im Kurs: Unsere tierischen Verwandten aus der Kongo-Region haben Wissenschaftler mit einem Trüffel-artigen Pilz bekannt gemacht. Die bisher unbeschriebene Art bekam deshalb den Namen Hysterangium bonobo. Das besondere Merkmal der unterirdisch wachsenden Fruchtkörper ist ihre seltsam kristalline Außenschicht. Vermutlich gibt es in der Region noch eine große Pilzvielfalt, die zwar den Einheimischen, aber nicht der Wissenschaft bekannt ist, sagen die Forscher.

Überall auf der Welt schießen sie aus Wald und Wiese: Die Fruchtkörper der meisten Speisepilze sind mit bloßem Auge erkennbar. Doch es gibt berühmte Ausnahmen: die Trüffel. Neben den kulinarisch bedeutenden Arten werden weitere Pilzfamilien mit diesem Begriff bezeichnet, die knollenartige Fruchtkörper im Untergrund ausbilden. Die sogenannten echten Trüffel aus der Gattung Tuber gehören zu den teuersten Lebensmitteln der Welt. Um sie zu finden, nutzt der Mensch bekanntlich die feine Nase von Hunden oder Schweinen: Sie können die feinen Aromen der Knollen im Untergrund erschnüffeln.

Mysteriöse Knollen auf dem Speiseplan

Der Duft und der Geschmack der unterschiedlichen Vertreter der Trüffel-artigen Pilze besitzen eine Funktion: Es ist im Interesse der Pilze, wenn ihre Fruchtkörper gefressen werden. Denn Tiere tragen zur Verbreitung der Sporen bei, die das Verdauungssystem schadlos überstehen können. Im Fall von Hysterangium bonobo leisten diesen Dienst offenbar Menschenaffen, berichtet das internationale Forscherteam. Wie der Co-Autor Alexander Georgiev von der Bangor University in Wales berichtet, bildeten Beobachtungen freilebender Bonobos (Pan paniscus) im Kokolopori-Bonobo-Reservat in der Demokratischen Republik Kongo die Grundlage der Studie: Er sah, wie sie die Knollen verspeisten.

Nach den Beobachtungen sammelte Georgiev Proben der Knollen, um sie von Experten bestimmen zu lassen. Dabei zeigte sich, dass es sich um eine Art aus der Gruppe der sogenannten Schwanztrüffel (Hysterangium) handelt, die der Wissenschaft bisher nicht bekannt war. Dabei liegt die Betonung auf „Wissenschaft“, heben die Forscher hervor. Denn wie sich herausstellte, war der Pilz den lokalen Menschen aus dem Volk der Kokolopori durchaus schon lange bekannt. Sie nennen ihn „Simbokilo“.

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Nur für die Wissenschaft neu

Sie verwenden die Knollen als Köder in Fallen für kleine Säugetiere, berichten die Forscher. Mit den Bonobos pflegen die Kokolopori allerdings ein freundliches Verhältnis und offenbar wussten sie auch bereits, dass die Affen ebenfalls eine Vorliebe für die Knollen haben. „Das traditionelle Wissen über die Ernährung von Tieren wie Bonobos, Duikern und Nagetieren, das auch für die Wissenschaft neue Aspekte umfasst, sollte geschätzt, bewahrt und geschützt werden“, sagt Co-Autor Albert Lotana Lokasola von der Universität von Kisangani im Nordkongo.

Wie die Forscher berichten, sieht der Fruchtkörper des „Bonobo-Trüffels“ wie eine kleine Kartoffel aus und besitzt eine Besonderheit: Die unregelmäßig geformte Außenschicht weist kristallin verkrustete Fäden auf, die möglicherweise zum Schutz oder zur Aromaverbreitung dienen, sagen die Wissenschaftler. Bei dem Gebilde handelt es sich um die Fruchtkörper – das eigentliche Lebewesen besteht wie bei anderen Vertretern der Basidiomyzeten aus einem feinen Geflecht, das den Boden weiträumig durchzieht. Es steht mit den Pflanzenwurzeln in Verbindung und leistet vermutlich auch im Fall von Hysterangium bonobo einen wichtigen Beitrag zur Nährstoffversorgung der Bäume.

Spezielle Delikatessen?

Offenbar dienen die Knollen dieses Pilzes wiederum einigen Tieren als Nährstofflieferanten, sagen die Forscher. „Warum die Bonobos die Trüffel fressen, wissen wir zwar nicht genau“, sagt Georgiev. „Doch vielleicht kann man vereinfacht sagen, dass sie ihnen eben gut schmecken. Ich persönlich liebe Pilze und habe noch nie darüber nachgedacht, was ich von ihnen ernährungsmäßig bekomme. Sie sind nunmal lecker“, so der Wissenschaftler. Wahrscheinlich machen die Bonobos die Knollen anhand des verlockenden Geruchs ausfindig, der auch aus dem Boden dringt. Obwohl bisher noch wenig über die Art bekannt ist, hat Hysterangium bonobo möglicherweise einige ähnliche Merkmale wie die für ihren hohen kulinarischen Wert berühmten Vertreter der Trüffel, sagen die Wissenschaftler.

Abschließend hebt der Hauptautor der Studie Todd Elliott von der University of New England in Armidale erneut hervor: „Obwohl wir eine ’neue‘ Spezies für die westliche wissenschaftliche Gemeinschaft präsentieren, handelt es sich in Wirklichkeit um eine Art, die den Einheimischen der Region seit Generationen bekannt ist. Dies verdeutlicht, dass wir uns als Wissenschaftler die Zeit nehmen müssen, um Ureinwohner oder Einheimische zu befragen und von ihnen zu lernen. Denn häufig wissen sie über die Organismen, die wir für neu halten, schon bestens Bescheid“, so der Wissenschaftler.

Quelle: Florida Museum of Natural History, Fachartikel: Mycologia, doi:10.1080/00275514.2020.1790234

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