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Die unterschätzte Gefahr

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Das Bakterium Bordetella pertussis befällt die Atemwege und verursacht eine starke Schädigung der Schleimhäute, die sich in den typischen krampfartigen Hustenanfällen äußert.
Keuchhusten ist mittlerweile dank konsequenter Impfprogramme keine typische Kinderkrankheit mehr, belegt eine neue Studie aus den Niederlanden: Stattdessen sind es nun hauptsächlich ältere Jugendliche und Erwachsene, die sich nach Abklingen des Impfschutzes mit dem Erreger infizieren und so auch als Hauptüberträger fungieren. Gezeigt haben die Forscher das mit Hilfe zweier neuartiger statistischer Modelle, mit denen sie genauer als bislang möglich die Verteilung und Ausbreitung des Erregers simulieren konnten. In dieser Verschiebung liege eine nicht zu unterschätzende Gefahr, mahnen die Forscher: Da die Krankheit in den nun vorrangig betroffenen Altersgruppen keine oder nur sehr schwache Symptome verursacht, wird sie häufig gar nicht bemerkt. Das wiederum kann zu teilweise lebensgefährlichen Infektionen von Säuglingen führen, die noch zu jung für eine Impfung sind. Es sei daher dringend notwendig, entweder lebenslang wirksame Impfstoffe zu entwickeln oder für eine konsequente Auffrischung des Impfschutzes bei Erwachsenen zu sorgen, berichten Mirjam Kretzschmar von der Universität in Utrecht.

Keuchhusten wird vom Bakterium Bordetella pertussis ausgelöst. Es befällt die Atemwege und verursacht, insbesondere durch die Produktion eines bestimmten Giftstoffs, eine starke Schädigung der Schleimhäute, die sich in den typischen krampfartigen Hustenanfällen äußert. Vor allem für sehr kleine Kinder können diese Attacken lebensbedrohlich sein, daher empfiehlt die Ständige Impfkommission eine Grundimmunisierung gegen Keuchhusten noch während des ersten Lebensjahrs. Die erste Impfung kann allerdings nicht vor dem vollendeten zweiten Lebensmonat stattfinden, so dass die Kinder aufgrund der Dauer des Immunisierungsprozesses tatsächlich erst ab einem Alter von etwa fünf Monaten geschützt sind.

Mittlerweile ist die Impfrate bei Kindern in den meisten europäischen Ländern sehr hoch. Trotzdem nimmt die Anzahl der Keuchhustenfälle vor allem in den letzten Jahren wieder zu. Eine der Hauptursachen dafür ist nach Ansicht von Kretzschmar und ihren Kollegen die verschobene Altersstruktur bei den Betroffenen. Entdeckt hatten die Forscher diese Veränderung einerseits mit Hilfe von Daten aus Blutproben und andererseits auf der Basis von Informationen über die Art sozialer Kontakte in unterschiedlichen Altersgruppen aus Finnland, Deutschland, Italien, den Niederlanden und Großbritannien. Die aus beiden Datensätzen abgeleiteten statistischen Modelle zur Ausbreitung des Erregers sind vor allem deswegen hilfreich, weil zum einen die milden Verläufe nicht als Keuchhusten registriert werden und es zum anderen keine flächendeckende Meldepflicht für die Krankheit gibt. Beide Methoden hätten sehr gut übereinstimmende Ergebnisse geliefert, berichten die Wissenschaftler. Demnach gibt es zwei Hauptgruppen, in denen der Erreger vorkommt: Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren und Erwachsene um die 40.

Erklären lasse sich das Phänomen damit, dass die aktuell verwendeten Impfstoffe einen Schutz von maximal 12 Jahren vermitteln und eine erneute Ansteckung danach ohne weiteres möglich ist, so die Forscher. Sie plädieren daher dafür, dass nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene in regelmäßigen Abständen eine Auffrischungsimpfung bekommen sollten. Ohne eine derartige Strategie oder einen lebenslang wirksamen Impfstoff bestehe die Gefahr, dass sich der zirkulierende Erreger weiterentwickelt und so möglicherweise irgendwann eine Variante hervorbringt, der die Impfung nichts anhaben kann.

Mirjam Kretzschmar (Universität in Utrecht) et al.: PLoS Medicine, Bd. 7, Nr. 6, Artikel e1000291 ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel
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