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Umwelt+Natur

Die Ursprünge des Hausschweins

Schweine
Das Hausschwein ist eines unserer wichtigsten Nutztiere. (Bild: t-lorien/ istock)

Ob als Fleischlieferant oder Trüffelsucher: Schweine gehören zu den wichtigsten Nutztieren des Menschen und erfreuen sich inzwischen auch als Haustiere zunehmender Beliebtheit. Doch wann und wo begann die Geschichte unserer heutigen Hausschweine? Genau das haben Forscher nun herausgefunden: Ursprünglich stammen die Tiere demnach von domestizierten Schweinen aus der Region des Fruchtbaren Halbmonds ab. Kreuzungen mit europäischen Wildschweinen ließen dieses Erbe im Laufe der Zeit jedoch mehr und mehr aus ihren Genen verschwinden. Höchstens vier Prozent des Schweineerbguts sind heute noch auf diesen Ursprung aus dem Nahen Osten zurückzuführen. Damit hat das Hausschwein nach seiner Einführung in Europa einen beispiellosen genetischen Wandel durchgemacht.

Vor rund 12.500 Jahren nahm der große Wandel seinen Anfang. In der Region des Fruchtbaren Halbmonds begannen unsere Vorfahren, dem bewährten Jäger-und-Sammler-Dasein den Rücken zu kehren: Sie wurden zu sesshaften Bauern. Diese ersten Farmer breiteten sich im Laufe der Zeit immer weiter nach Norden und Westen aus – und brachten dabei die ersten domestizierten Pflanzen und Tiere mit nach Europa. Neben Ziegen und Schafen gehörten der gängigen Annahme nach auch Hausschweine zu den Mitbringseln aus dem Nahen Osten. Unklar war bisher jedoch, ob unsere modernen Hausschweine wirklich die Nachfahren dieser Schweine sind oder ob die Europäer später noch einmal unabhängig davon die in Europa heimischen Wildschweine domestizierten.

Vorfahren aus dem Osten

Um dieses Geheimnis zu lüften, haben sich Laurent Frantz von der Queen Mary University in London und seine Kollegen nun auf genetische Spurensuche begeben. Für ihre Studie analysierten die Forscher mitochondriale DNA und Genomsequenzen von archäologischen Schweinefunden und verglichen diese mit dem Erbgut heutiger Haus- und Wildschweine. Die Auswertungen enthüllten: Das moderne Hausschwein geht tatsächlich auf die ersten domestizierten Schweine aus dem Fruchtbaren Halbmond zurück, die vor rund 8.500 Jahren in Europa ankamen. Bei Hausschweinen, die kurz nach dieser Zeit in Europa lebten, ließ sich dieses Erbe klar im Genom nachweisen. Im Laufe der Zeit aber verschwand der charakteristische genetische Fingerabdruck aus dem Nahen Osten nach und nach, wie das Team feststellte. Die in Europa eingeführten Hausschweine vermischten sich offenbar immer stärker mit lokalen Wildschweinpopulationen.

So tragen 7.100 bis 6.000 Jahre alte Hausschweine aus Europa bereits deutliche Erbgutanteile beider Regionen in sich. Danach verliert sich das Erbe der Ur-Hausschweine zusehends: Bei späteren Schweinen beträgt dieser Genanteil den Ergebnissen zufolge nur noch rund vier Prozent oder weniger. „Die weitere Kreuzung mit europäischen Wildschweinen reichte aus, um die ursprüngliche genetische Abstammung von Schweinen aus dem Nahen Osten fast ganz auszuradieren“, erklären die Wissenschaftler. Zu den wenigen Relikten, die noch auf diesen Ursprung hindeuten, gehört eine Genvariante für die Fellfarbe. Diese Mutation ist bei Hausschweinen offenbar für eine schwarze oder schwarz-weiße Fellfärbung verantwortlich und kommt bei Wildschweinen nicht vor. Lediglich auf einigen Mittelmeerinseln setzte sich ein größerer Anteil des ursprünglichen Erbes in den Genen der Hausschweinpopulationen durch. Wahrscheinlich sorgte die Isolation vom Festland dafür, dass es dort zu weniger Begegnungen mit europäischen Wildschweinen kam, so die Vermutung der Forscher.

Beispielloser Wandel

Insgesamt ist das Ausmaß des genetischen Wandels beim Hausschwein den Wissenschaftlern zufolge beispiellos: Zwar lassen sich genetische Einflüsse lokaler Wildpopulationen auf eingeführte domestizierte Tiere auch bei Pferden, Rindern, Hunden und anderen Haustieren nachweisen. „Schweine sind aber die einzige Spezies, die einen so substanziellen genomischen Umschlag erlebt hat, dass ihre ursprüngliche Abstammung in modernen Populationen kaum noch nachweisbar ist“, betonen Frantz und seine Kollegen. Demnach müssen diese Tiere weitaus mehr Kontakt zu ihren wilden Entsprechungen gehabt haben, als dies bei anderen auf dem Kontinent eingeführten domestizierten Arten wie Rindern oder Hunden der Fall war.

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„Alles in allem deuten unsere Ergebnisse daraufhin, dass Schweine in Europa zwar nicht unabhängig domestiziert wurden. Der Großteil der menschenvermittelten Selektion in den vergangenen 5.000 Jahren hat sich aber auf den Genanteil der europäischen Wildschweine konzentriert und nicht auf jenen, den die steinzeitlichen Farmer einst zu Beginn des Domestikationsprozesses auswählten“, resümiert das Team. „Die initiale Domestikation gilt gemeinhin als der große, wichtige Wandel. Doch unsere Erkenntnisse legen nahe: Die erste Zeit der Schweinedomestikation hat für die Entwicklung der modernen europäischen Hausschweine kaum eine Rolle gespielt“, ergänzt Frantz. Künftige Untersuchungen sollen nun zeigen, welche weiteren Merkmale heutiger Schweine womöglich auf die wenigen noch erhaltenen Gene ihrer Vorfahren aus dem Osten zurückgehen. „Wir wollen herausfinden, ob die frühen Schweinezüchter ein weiteres Erbe neben der Fellfarbe hinterlassen haben“, schließen die Forscher.

Quelle: Laurent Frantz (Queen Mary University of London) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.1901169116

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