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Umwelt+Natur

Die vertriebene Zeit

Endlich Freizeit! Aber dann geht für manche der Streß erst so richtig los.

Freizeit ist für die Deutschen ein Problem. „Da gibt es schließlich niemanden, der einem sagt, was man tun soll“, spottet der satirische englische Reiseführer „Xenophobe’s Guide to the Germans“. Um die Zeit nicht sinnlos zu verplempern, würden die Germanen Alt-Isländisch lernen oder in die Selbsthilfegruppe „Kfz-Mechanik für Mütter“ gehen.

Das mag übertrieben sein. Doch die Lage ist immerhin so ernst, daß die Freizeitforschung sich des Problems annehmen mußte. Ihr bekanntester Vertreter heißt Horst Opaschowski, steht im Sold eines Tabakkonzerns und diagnostiziert regelmäßig öffentlich die Situation. Auch seiner Meinung nach haben die Menschen „Angst zu versagen und das Problem Freizeit nicht zu lösen“. Er glaubt, daß sie „in ihrer freien Zeit mehr getrieben werden, als daß sie selbst agieren“. Dabei ist der von Helmut Kohl geschmähte „Freizeitpark Deutschland“ keineswegs ein modernes Phänomen. Hier wie andernorts hatten die Menschen während des größten Teils ihrer Geschichte eher wenig zu tun. In frühen Agrargesellschaften war ungefähr die Hälfte des Jahres frei, so wie noch heute die Kapauka auf Neuguinea nichts davon halten, zwei Tage hintereinander zu arbeiten. Im Europa des 13. Jahrhunderts hatte das Jahr 141 Ruhetage, zu denen viele Handwerker noch 30 Tage Urlaub erhielten.

Erst mit der Industrialisierung gingen die müßigen Zeiten zu Ende. Ausgerechnet die Maschinen, die den Menschen eigentlich Arbeit abnehmen sollten, sorgten dafür, daß sie malochen mußten wie nie zuvor – bis zu 16 Stunden am Tag. Der Fluch der Technik traf keineswegs nur Fabrikarbeiter. Seit es einen Staubsauger gibt, muß der Dreck in der Wohnung auch regelmäßig beseitigt werden. Deshalb arbeiten moderne Hausfrauen länger als Bauersfrauen der zwanziger Jahre, als die Höfe noch nicht über Strom verfügten.

Doch obwohl die Hektik erst vor ein paar Jahrhunderten begann, hat sie die Menschen in den entwickelten Ländern geprägt. Galt einst viel freie Zeit als Kennzeichen des Adels, schuftet sich heute halb zu Tode, wer etwas gelten will. Da fällt es schwer, einfach umzuschalten, nur weil gerade Wochenende oder Urlaub im Kalender steht.

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Glücklicherweise helfen Maschinen auch, die Freizeit zu bewältigen. Zwar lieben die Deutschen, Umfragen zufolge, ihr TV-Gerät nicht besonders. Doch sie widmen ihm mehr freie Zeit als jeder anderen Beschäftigung. Der Fernseher bringt Ordnung in die Leere des Feierabends. Niemand muß überlegen, was er um 20 Uhr tun soll, denn da läuft das Pflichtprogramm Tagesschau. Und wer am Wochenende nichts mit sich anzufangen weiß, kann sich im Freizeitpark organisiert zerstreuen.

Nicht nur Deutsche tun sich schwer mit freier Zeit. Ein schönes Beispiel lieferte der amerikanische Sozialpsychologe Robert Levine. Er hatte sich vor 20 Jahren von seiner Universität beurlauben lassen und war zu einer Weltreise gestartet – ohne Route oder Pläne.

Seine erste Station war Japan. Er war begeistert – zunächst. „Meine Freude hielt eine halbe Minute an. Dann kam die Angst. Was würde ich ein ganzes Semester lang ohne Zeitplan anfangen? Ich blickte in die Zukunft und sah ein großes Nichts. Ich habe mich nie in meinem Leben so sehr nach einer Verabredung gesehnt – egal mit wem, egal wozu.“

Nach drei Tagen hatte er die große Freiheit durchorganisiert. Jetzt besuchte er Bäder, Buddhas und Gärten nach einem so exakten Zeitplan, daß man die Uhr nach ihm stellen konnte.

Später, als Gastprofessor in Brasilien, merkte Levine, daß die Einheimischen dort – anders als er – problemlos ohne festes Zeitraster leben. Viele Studenten trafen zu seinem Seminar erst ein, als es fast vorbei war, und lächelten freundlich. Als er – pünktlich – zu einer Verabredung mit der Fachbereichsleiterin kam, von der er sich solche Landesbräuche erläutern lassen wollte, war niemand da. Seine Chefin erschien erst eine Dreiviertelstunde später, bot ihm einen Kaffee an und ging wieder. Als sie zehn Minuten später wieder erschien, widmete sie sich erst einmal ihrer Post.

Solche Erlebnisse waren kein Zufall, wie Levine feststellte, als er daranging, das Verhältnis zur Zeit in verschiedenen Kulturen systematisch zu erforschen. Seine Mitarbeiter und er testeten in 31 Ländern beispielsweise, wie lange Schalterbeamte brauchten, um eine Briefmarke zu verkaufen. Sie stoppten die Zeit, in der Fußgänger zwanzig Meter zurücklegten. Und sie überprüften, wie genau öffentliche Uhren gingen.

Selbst bei solch banalen Aktivitäten zeigten sich deutliche Unterschiede. Brasilien landete auf dem drittletzten Platz. Dahinter kamen nur noch Indonesien und Mexiko, was niemanden überraschte. Auf Bali antwortet ein Busfahrer auf die Frage nach dem Abfahrtstermin schon mal mit „Vier Uhr Gummizeit“. Und in Mexiko müssen sich Leute auf die Frage „Kommst du zum Putzen?“ gefaßt machen, wenn sie zur offiziellen Anfangszeit einer Konferenz den Saal betreten.

Das entspannte Verhältnis zur Zeit hat Vor- und Nachteile. Offenbar läßt es sich nicht gut mit einer effizienten Wirtschaft vereinbaren, fand Levine: In reichen Ländern lebt man durchgängig schnell – hier bilden die Schweiz, dahinter Irland und Deutschland die Spitze. Eidgenössische Uhren geben die Zeit mit einer Abweichung von durchschnittlich nur 19 Sekunden vor. Andererseits sterben an „schnellen Orten“, so lautet eines der Ergebnisse des US-Sozialpsychologen, mehr Menschen an Herzinfarkt. Sie erkranken offenbar nicht wegen der Hektik an sich, sondern weil sie mehr rauchen und sich ungesünder ernähren.

Kein Wunder, daß Eile in Sonntagsreden auch hierzulande als des Teufels gilt. Einige Entschlossene gründeten unlängst einen „Verein zur Verzögerung der Zeit“ namens „Tempus“. Die Mitglieder sind gehalten, in der Freizeit nicht zwischen Fitness-Studio und heimischem Fernseher hin und her zu hetzen, sondern beispielsweise lieber in aller Ruhe mit der Familie picknicken zu gehen.

Bei Arbeitslosen ist das anders. Sie tun sich schwer mit dem Überfluß an Zeit. Für sie ist Freizeit ein „tragisches Geschenk“, wie eine Forscherin schon vor 50 Jahren in einer klassischen Untersuchung resümierte. Neuen Zahlen zufolge leiden 59 Prozent der Arbeitslosen unter Langeweile, so viele wie in keiner anderen Bevölkerungsgruppe. Sie verkraften es nur schlecht, wenn alle äußeren Zeitstrukturen auf einmal wegfallen.

Ganz ähnlich ergeht es Rentnern. Vor allem Ruheständler, die in ihrem Berufsleben kaum je eigene Entscheidungen zu treffen hatten, tun sich schwer. Zunächst freuen sie sich darauf, die oft ungeliebte Arbeit endlich loszuwerden. „Später berichten sie jedoch über eine große Leere“, notierte die „Zeitschrift für Gerontopsychologie und -psychiatrie“. Die muß gefüllt werden.

Wissenschaftler haben auch untersucht, wie die Älteren das machen. Das überraschende Ergebnis lautet: Durchschnittliche Senioren verbringen so viel Zeit mit Schlafen, Essen, Hausarbeit und zusätzlichen mehr oder weniger dringenden Pflichten, daß am Schluß nur noch 6,3 Stunden echter Freizeit pro Tag übrig bleiben – oder zumindest kommt es ihnen selbst so vor.

Wenn die Auguren recht behalten, dann werden mit zunehmender Arbeitszeitverkürzung immer mehr Menschen mit viel freier Zeit umgehen müssen. Aber immerhin: Der Hang zur Beschleunigung – mit dem Vertreiben der so gewonnenen freien Zeit im Schlepptau – als Verhaltensmodell scheint durch den gegenläufigen Trend, die Entschleunigung, mittlerweile Konkurrenz bekommen zu haben. Das hätte den 1944 verschollenen Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry mit Sicherheit gefreut. Er hat diese Art zu leben in seinem bekanntesten Werk „Der kleine Prinz“ literarisch karikiert: Ein Händler bietet eine Pille an, die das Trinken überflüssig macht. Das spart in der Woche genau 53 Minuten Zeit – zur freien Verfügung. „Aber“, sagt sich der kleine Prinz, „wenn ich 53 Minuten Zeit hätte, würde ich lieber ganz langsam zu einer Quelle gehen.“

Jochen Paulus
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