DIE WURZELN VON GEIZ UND GIER - wissenschaft.de
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DIE WURZELN VON GEIZ UND GIER

Gut 50 Billionen Euro – das ist der Wert aller Waren, die Menschen weltweit pro Jahr kaufen und verkaufen. Ein fiktives Szenario zeigt, wo die biologischen Wurzeln solcher Geschäftstüchtigkeit liegen.

Der Mann steht plötzlich auf einer Holzkiste an der Wall Street, direkt vor der Tür der New Yorker Börse. Er schreit: „ Hört mich an! Es ist Zeit, dass ihr die Wurzeln eures Tuns begreift!“ Hektische Betriebsamkeit weicht verdutzten Gesichtern. Schlagartig herrscht Ruhe, weil so etwas hier noch nie vorgekommen ist. „Wahrlich, ich sage euch, bald werdet ihr begreifen, dass euch die Evolution bei euren Entscheidungen die Hand führt.“ Die Ersten tippen sich an die Stirn. Jemand ruft nach dem Sicherheitsdienst. Doch der weißbärtige, altmodisch in Tweed gekleidete Alte predigt unbeirrt mit britischem Akzent weiter: „Wollt ihr wissen, warum ihr das globale Finanzsystem nicht mehr im Griff habt?“ Immer mehr Augen von Brokern und Bankern, Managern und Investoren, die durch die Wall Street hetzen, richten sich auf den merkwürdigen Alten: Sieht er nicht wie der auferstandene Charles Darwin aus?

„Was ist das, was ihr euren Geschäftssinn nennt? Woher kommt er? Ihr geht Risiken ein – mal mehr, mal weniger? Ihr bringt euren Geschäftspartnern Vertrauen entgegen – mal mehr, mal weniger? Ihr wägt ab zwischen eurem guten Ruf und eurem Profit – manchmal jedenfalls?“ Zustimmendes Gemurmel. „All das habt ihr nicht im Betriebswirtschafts-Studium gebüffelt. Ihr habt es im Blut, das ist eure Biologie!“

Der Mann nimmt den Hut ab, streicht sich über die Halbglatze und fährt fort: „Bei einem Geschäft erwarten wir eine gewisse Fairness des Handelspartners, richtig? Vor ein paar Jahren hat der Ökonom Björn Wallace vom schwedischen Karolinska Institut in Zwillingsstudien gezeigt, dass dieser Sinn für Fairness zu mehr als 40 Prozent von unseren Genen mitbestimmt wird. Er hatte Testpersonen das sogenannte Ultimatum-Spiel spielen lassen. Das geht folgendermaßen: Stellen Sie sich vor, jemand gibt Ihnen 100 Dollar unter der Bedingung, dass Sie sich das Geld mit einer anderen Person teilen müssen. Weder kennen Sie die Person noch sehen Sie sie. Allerdings dürfen Sie wählen, wie viel von den 100 Dollar Sie der unbekannten Person anbieten. Die Sache hat nur einen Haken: Wenn die andere Person Ihr Angebot ablehnt, dann bekommen beide nichts. Die meisten Testpersonen wählen 50 Dollar, denn das ist das fairste Angebot und wird deshalb mit ziemlicher Sicherheit akzeptiert. Aber es werden auch riskantere Angebote gemacht: 40, 30, 20 Dollar. Damit steigt jedoch das Risiko, gar nichts zu bekommen, wenn der Spielpartner das Angebot als unfair empfindet und zurückweist.“

DIE KOSTEN DER FAIRNESS

„Wieso zurückweist?“, ruft jemand dazwischen. „Dann bekommt doch keiner was!“ „Richtig, es ist eigentlich sinnlos. Und trotzdem tun die Leute das! Eben weil sie einen Sinn für Fairness haben. Jedenfalls interpretieren die Forscher das so. Menschen erwarten Kooperationsbereitschaft und sind bereit, eine Fairness-Norm durchzusetzen und unfaire Kooperationspartner zu bestrafen – selbst wenn sie das den Gewinn kostet. Und sie handeln nicht nur im Labor so, sondern auch in Wirklichkeit, etwa wenn es um das Verteilen knapper Nahrungsmittel in einer Gruppe geht oder wenn übermäßige Profitgier eines Unternehmens von Verbrauchern mit Boykott-Aktionen quittiert wird. Eben dieser Sinn für Fairness ist nicht nur erlernt, sondern offenbar zum Teil angeboren, von Genen mitbestimmt.“

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Inzwischen hat sich eine Traube von Neugierigen um den Alten auf der Kiste versammelt. Einer ruft: „Und was für Gene sollen das sein?“ Der Mann lächelt. „Es gibt bereits einige Hinweise. Aber das Feld der sogenannten Genoeconomics ist noch sehr jung. Erst vor drei Jahren hat der Verhaltensgenetiker Richard Ebstein von der Hebrew University in Jerusalem gezeigt, dass Variationen eines Gens mit dem Namen AVPR1a das Ergebnis des sogenannten Diktator-Spiels beeinflussen. Mit diesem Spiel versuchen Ökonomen, Altruismus zu messen, also die Neigung zu uneigennützigem Verhalten. Dabei wird einer Testperson, die den Diktator spielt, ein Geldbetrag gegeben, sagen wir wieder 100 Dollar. Das Geld soll sie zwischen sich und einer weiteren Person aufteilen, die allerdings nur akzeptieren kann, was ihr angeboten wird. Der Rest verbleibt auf jeden Fall beim Diktator. Eine gute Gelegenheit, alles Geld einzustreichen, nicht wahr? Aber ist das fair? Was würden Sie tun, meine Damen, meine Herren? Gibt es jemanden, der das Geld 50 zu 50 aufteilen möchte?“

EINE GEN-VARIANTE MACHT GEIZIG

Irritiertes Gemurmel. Zögern. Zaghaft melden sich ein paar Broker, die anderen schauen zu Boden. „Immerhin! 10, vielleicht 20 Prozent von Ihnen sind großzügig. Und würde jemand ein Drittel oder ein Viertel der Summe spenden? Aha, 80 Prozent etwa. Ich kann Sie beruhigen, Sie sind nicht selbstsüchtiger als andere. So läuft es auch im Labor ab. Ebstein fand nun aber heraus, dass jene Leute in der Diktator-Rolle am wenigsten Geld spenden, die eine verkürzte Variante des AVPR1a-Gens haben. Die Vermutung liegt also nahe, dass das Gen in die Funktion oder Entwicklung jener Hirnstrukturen eingreift, die uns zum Altruismus befähigen.“

„Wie soll denn ein Gen ein so komplexes Verhalten wie Risikobereitschaft oder Altruismus beeinflussen?“, ruft jemand. „ Aus Gen-Informationen werden Proteine gemacht“, belehrt ihn der Alte, „und die greifen in den Stoffwechsel und in den Aufbau oder die Funktion des Gehirns ein – zum Beispiel, indem mehr oder weniger Hormone ausgeschüttet werden. Studien des Ökonomen Ernst Fehr vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung in Zürich belegen zum Beispiel, dass das Vertrauen in einen Geschäftspartner unter dem Einfluss von Oxytocin steigt, weil dieses Hormon die Furcht erzeugenden Nervenzellen in der Amygdala und im Mittelhirn hemmt. Gene, die Oxytocin kontrollieren, sind deshalb interessant für die Forschung. Gleiches gilt für Testosteron. Frauen unter Testosteron-Einfluss feilschen fairer, hat ein Experiment gezeigt. Und dann hat Fehr auch noch einen Zusammenhang zwischen einer Hirnregion im rechten vorderen Stirnlappen und der Fähigkeit hergestellt, einen kurzfristigen Gewinn gegenüber einem langfristigen Reputationsgewinn abzuwägen. Ein Problem, das Ihnen bekannt vorkommen dürfte, meine Damen und Herren von der Wall Street: Faule Kredite zu verkaufen, bringt nur kurzfristig Gewinn und führt langfristig zum Verlust des guten Namens. Als Fehr bei seinen Testpersonen den rechten vorderen Stirnlappen mit einem harmlosen Magnetpuls für kurze Zeit lahm legte, waren sie nicht mehr in der Lage, den Reputationsverlust zu berücksichtigen. Sie waren plötzlich nur noch auf den kurzfristigen Gewinn aus – rücksichtslos.“

EINE RISKANTE MUTATION

Immer mehr Passanten bleiben stehen, hören dem Alten zu. „Wenn ich etwas ergänzen darf“, hebt plötzlich ein junger Mann an, der lässig an einem Blumenkübel lehnt. „Auch die Risikobereitschaft scheint teilweise von Genen und Hormonen abhängig zu sein. Verzeihung, mein Name ist David Rand, Biologe am Institut für Evolutionäre Dynamik der Harvard University in der Arbeitsgruppe von Martin Nowak. Wir haben Studenten unserer Universität, in diesem Fall nur Männern, jeweils 250 Dollar gegeben, und sie konnten selbst entscheiden, wie viel sie davon für ein Spiel einsetzen wollten. Dann haben wir eine Münze geworfen. Bei Kopf wurde der Einsatz halbiert, bei Zahl verdoppelt. Wir haben Blutproben genommen, um den Testosteron-Gehalt zu messen, und wir haben die DNA der Studenten auf ein spezielles Gen hin untersucht, DRD4, das steht für Dopamin-Rezeptor D4. Eine bestimmte Mutation dieses Gens setzt die Sensitivität der Nervenzellen für den Botenstoff Dopamin herab, der im Gehirn für ein Belohnungsgefühl sorgt. Wir vermuteten, dass diese Personen zu extremen Verhaltensweisen neigen würden, um so die gleiche Intensität des Belohnungsgefühls zu erleben wie andere. Und tatsächlich waren die Männer mit der DRD4-Mutation in unserer Studie deutlich risikobereiter. Außerdem hatten sie eine erhöhte Testosteron-Konzentration.“

Ein paar wütende Flüche aus der Menge: „Das mag ja für Harvard-Studenten gelten! Aber man kann doch komplexes Verhalten intelligenter Menschen nicht auf ein Gen und ein Hormon reduzieren“, ruft ein Mann dazwischen, auf dessen Schlips das Emblem der Yale University prangt. „Natürlich nicht“, nickt Rand. „Doch die statistische Analyse ergibt, dass diese biologischen Faktoren etwa ein Viertel der Variation der Risikobereitschaft dieser Studenten erklären können.“ Der Yale-Mann lässt nicht locker: „Und das heißt dann ja wohl, dass 75 Prozent durch andere, kulturelle Faktoren – wie Lernen, Erziehung und einfach Nachdenken – bestimmt werden, oder? Und außerdem: Was sagen solche Labortests schon darüber aus, wie wir uns im wirklichen Leben entscheiden?“

BRIDGE SPIELEN FÜR DIE FORSCHUNG

„Deshalb haben wir das Experiment auf einem Bridge-Turnier wiederholt“, berichtet Rand. „Bei diesem Spiel ist die riskantere Option mitunter die bessere, manchmal aber auch nicht. Es gibt also ‚gute‘ und ‚schlechte‘ Risiken bei diesem Spiel. Das Ergebnis war wieder, dass die Spieler mit der DRD4-Mutation dazu neigen, Risiken einzugehen. Doch dann kommt Erfahrung ins Spiel: Unter den erfolgreicheren Bridge-Spielern haben die Spieler mit der Mutation gelernt, die ‚guten‘ Risiken zu wählen. Nur die schlechten Spieler mit der Mutation wählen häufig die ‚schlechten‘ Risiken. Gene geben uns also eine gewisse Verhaltens-Veranlagung, aber sie sind weit davon entfernt, unser Verhalten zu determinieren. Mit Erfahrung und Training ist man in der Lage, den Effekt der Gene zu kanalisieren.“

„Was Doktor Rand sagen möchte“, ergreift der Alte wieder das Wort: „Gene spielen eben auch eine Rolle und es lohnt, nach ihnen zu suchen, um herauszufinden, wovon unser Verhalten beeinflusst wird. Erst kürzlich hat Doktor Rand das Erbgut von mehrfachen Firmengründern auf Mutationen in drei Genen durchsucht.“ „Ja, wir haben entdeckt, dass Seriengründer doppelt so häufig die lange Version des AVPR1a- Gens haben.“ „Was bedeutet, dass diese Firmengründer eher uneigennützig sind?“, fragt der Alte. „Wir haben sie als ‚umgänglich‘ eingestuft, als sozial kompetent. Jedenfalls fallen Seriengründer nicht durch Gen-Varianten auf, die aggressiver oder risikobereiter machen, wie man hätte erwarten können.“

SUCHE IN DER GENOM-DATENBANK

„Aber es werden doch mehr als diese paar Gene involviert sein in das, was Sie Geschäftssinn nennen“, ruft jemand. „Ja, derzeit laufen eine Reihe von Studien, die im großen Stil nach Korrelationen zwischen Gen-Varianten und ökonomischem Verhalten suchen“, holt Rand aus. „Eine davon, die Ages-Studie, läuft in Reykjavik. Sie nutzt die isländische Genom-Datenbank, um das Erbgut von 2000 Individuen nach auffälligen Variationen zu durchsuchen. Und der vorhin schon erwähnte Ernst Fehr führt in Zürich eine Studie durch – genauer gesagt, sein Mitarbeiter Daniel Schunk, ein Ökonom und Statistiker, der in den letzten zwei Jahren von rund 1000 Studenten DNA-Proben genommen hat und die jungen Leute einer Reihe von ökonomischen Tests unterzogen hat. Übrigens ist er gerade hier in New York und steht dort vorne in der ersten Reihe. Herr Schunk, haben Sie schon etwas herausgefunden?“

„Wir sind noch dabei“, sagt Schunk vorsichtig. „Wir wollen noch sehr viele weitere Probanden testen, damit wir statistisch verlässliche Aussagen treffen können. Dabei werden uns Kollegen in München und Innsbruck helfen. Wir testen unter anderem die Risikobereitschaft, indem wir die Leute Lotterie spielen lassen: Wollen Sie 100 Euro bar auf die Hand? Oder lieber eine Münze werfen, wobei Sie bei Zahl 300 Euro und bei Kopf gar nichts bekommen? Risikobereite Studenten wählen die Lotterie, risikoscheue die 100 Euro. Auch die Geduldsgrenze eines Studenten lässt sich ziemlich genau ermitteln. Sie liegt irgendwo zwischen den Fragen: Wollen Sie heute 100 Euro oder in drei Monaten 101 Euro? Und: Wollen Sie 100 Euro heute oder 500 in drei Monaten? Außerdem testen wir, wie fair sich unsere Probanden im Ultimatum-Test verhalten. Wir beobachten dabei große Unterschiede. Obwohl Menschen grundsätzlich kooperieren, gibt es immer wieder Leute, die sich an keine Fairnessnorm halten. Aber es gibt auch Leute, die sich rein altruistisch verhalten – ohne langfristig das Eigeninteresse im Hinterkopf zu haben.“

VOR 1,8 MILLIONEN JAHREN

„Aber warum und seit wann ist Homo sapiens eigentlich ein Homo oeconomicus? Wann wurde unserem Erbgut der Geschäftssinn eingeprägt?“, will ein neugieriger Broker wissen und schaut von einem Experten zum anderen. „Bis vor etwa 10 000 Jahren spielten Handeln und Wirtschaften wohl keine zentrale Rolle für das Überleben der Menschen“, antwortet der bärtige Alte. „Erst als sich die Mehrheit der Menschen auf Landwirtschaft umstellte, wurden der Austausch von Waren und Nahrung überlebenswichtig. Doch die grundlegenden Fähigkeiten für Handel wie Arbeitsteilung, Zahlen- und Mengenverständnis, Kommunikation und so weiter müssen bereits vor dem Wechsel zur Landwirtschaft existiert haben, eben weil die Menschen sonst zur Landwirtschaft nicht fähig gewesen wären. Der Paläoökonom Haim Ofek von der Binghamton University hat darüber ein Buch geschrieben: ‚Second Nature – Economic Origins of Human Evolution‘. Darin argumentiert er, dass die 1,8 Millionen Jahre alten Ansammlungen von Steinwerkzeugen und Knochen in der Olduvai-Schlucht ein Hinweis auf erste Tauschbeziehungen seien. Allein die große Anzahl der Steinwerkzeuge und Knochen weise darauf hin, dass Austausch nicht nur innerhalb einzelner Familien, sondern zwischen Gruppen von Menschen stattgefunden haben müsse. Und archäologische Funde in Afrika belegen, dass vor etwa einer Million Jahren Menschen damit begonnen haben, Rohmaterial wie Steinwerkzeuge über Distanzen von bis zu 100 Kilometern zu transportieren. Die Frühmenschen in den Jahrmillionen davor kamen über 15 Kilometer nicht hinaus. Ab etwa 130 000 Jahren vor unserer Zeit, seit der mittleren Steinzeit also, messen Archäologen einen vermehrten Austausch von Rohmaterialien, was für die Entwicklung von Handelsnetzwerken spricht.“ Die New Yorker Geschäftsleute schweigen beeindruckt. In solchen Zeiträumen zu rechnen, ist keiner von ihnen gewohnt. „ Allerdings müssen wir davon ausgehen“, schlägt der Alte einen Bogen in die Gegenwart, „dass die Wirtschaftskultur, die wir selbst geschaffen haben, den Menschen auch heute noch verändert, dass sie Einfluss nimmt auf unsere Biologie, unsere Gene. In ihrem Buch ‚The 10 000 Year explosion‘ belegen die Anthropologen Henry Harpending und Gregory Cochran von der University of Utah diese These. Als der Mensch vor rund 10 000 Jahren begann, Weizen, Gerste, Erbsen und Linsen anzubauen, und sich von der Jäger- und Sammler-Gesellschaft verabschiedete, ging das mit gewaltigen Veränderungen für die Lebensbedingungen der Menschen einher. Diese selbst geschaffenen Umweltbedingungen lösten neue Anpassungsprozesse aus. Menschen mit Mutationen, die zufällig vorteilhaft für das Überleben unter den neuen Bedingungen waren, setzten sich durch.“

„Das klingt aber verdammt nach Sozialdarwinismus“, ruft jemand aufgebracht. „Ich mag den Begriff nicht“, sagt der Alte etwas unwirsch. „Es geht mir nur darum zu zeigen, dass Kultur – insbesondere die Art zu wirtschaften – auf unser Erbgut zurückwirkt. Nehmen wir zum Beispiel die Mutation, denen wir Europäer unsere blasse Haut verdanken. Es ist weitgehend akzeptiert, dass Menschen in den nördlicheren Breitengraden eine hellere Haut haben, weil nur so ausreichend UV-Licht in die Haut dringt, um Vitamin D zu produzieren. Diese erhellende Mutation trat aber erst auf, nachdem die Landwirtschaft eingeführt war. Vorher konnten die Jäger und Sammler den Vitamin-D-Bedarf selbst in nördlichen Gefilden über ihren Fleischkonsum decken. Die Mutation setzte sich also erst durch, nachdem der Mensch seine Lebensweise verändert hatte.“ Noch einige andere Beispiele aus der Genetik nennt der belesene Alte, dann wird er grundsätzlich: „ Mit der Landwirtschaft rückten die Menschen auch näher zusammen. Das hatte persönlichkeitsverändernde Konsequenzen, meinen Cochran und Harpending. Wie ihren Haustieren züchteten sich die Menschen selbst ein Stück Kampfbereitschaft ab. So finden sich nicht nur bei Hunden Mutationen in den Serotonin-Genen, die mit reduzierter Aggressivität einhergehen, sondern auch im menschlichen Erbgut. Gemäß dem Motto ‚Besser auf den Knien leben als aufrecht sterben‘ verbreiteten sich bevorzugt friedlichere Naturen. Aggressive Menschen hatten dagegen in der neuen hierarchischen und stärker bevölkerten Welt oft das Nachsehen.“

ANREIZE FÜR EGOISMUS

„Okay, wir wissen jetzt, dass wir Kooperation und Geschäftssinn auch Gen-Varianten zu verdanken haben, die sowohl in der frühen als auch in der späten Evolution entstanden sind“, ruft jemand ungeduldig aus dem Gedränge. „Aber was hilft uns das nun auf dem Börsenparkett oder gar gegen Finanzkrisen?“ „Wenn wir verstehen, wie sich Menschen verhalten, wenn sie kooperieren und Handel treiben, und wenn wir auch die biologischen Wurzeln für ihre Verhaltensweisen durchschauen, dann können wir die Finanzsysteme und Regularien entsprechend anpassen“, sagt der alte Mann bedeutungsvoll. Dann überlässt er Daniel Schunk das Wort.

„Derzeit sind die Anreize eher so gesetzt, dass man für Egoismus belohnt wird“, sagt der junge Forscher bedächtig. „Durch die Kurzfristigkeit der Geschäftsstrukturen lohnt es sich kaum, eine langfristige Reputation als guter Geschäftspartner aufzubauen. Wenn man früher im Dorf dreimal jemanden betrogen hatte, dann kam halt keiner mehr, dann war man rasch bankrott. Aber wenn heute jemand mit einer Bonuszahlung schon nach drei Jahren genug für die Rente hat, fehlen die Anreize, die Fairnessnorm einzuhalten. Würde man stattdessen Sanktionen einführen, um Abweichler von der Fairness-Norm zu bestrafen, dann würden fast alle kooperieren. Ohne dieses Werkzeug besteht die Gefahr, dass über kurz oder lang keiner mehr kooperiert.“

„Ich glaube nicht, dass es das Bestrafen ist, was menschliche Kooperation ermöglicht oder aufrechterhält“, widerspricht ihm David Rand. „Den Laborexperimenten zu diesem Thema fehlen zwei wesentliche Komponenten realer Kooperation: Reputation und Repetition, also Leumund und Wiederholung. Andere Experimente, in denen die Spieler mehrere Runden miteinander spielen, zeigen, dass Bestrafung zwar die Kooperation innerhalb der Gruppe erhöht, aber der Gruppe am Ende Schaden zufügt, weil die destruktive Komponente des Bestrafens den durchschnittlichen Gewinn reduziert – sowohl für die Gruppe als auch für die bestrafenden Spieler.“

bestrafen zerstört werte

„Soll das etwa heißen, dass es keinen Sinn hat, die Jungs hier zu bestrafen, wenn sie unfaire Geschäfte machen mit dem Geld anderer Leute?“ Aus dem Menschenauflauf heraus, der sich inzwischen bis auf die Fahrbahn ausgedehnt hat, droht ein Taxifahrer mit der Faust. „Jedenfalls haben wir in einem anderen Test gezeigt, dass es zum Vorteil aller ist, wenn man nicht nur bestrafen, sondern auch belohnen kann“, sagt Rand. „Wir können beweisen, dass man mit Belohnung genauso gut wie mit Bestrafung Kooperation aufrecht erhalten kann. Und dass die Kooperationsgruppen, die auf Belohnung statt auf Bestrafung setzen, ein ganzes Stück besser wegkommen, wenn am Ende der Gewinn abgerechnet wird. Denn Bestrafen zerstört Werte, Belohnen erhält sie dagegen. Es ist Bestrafung genug, wenn diejenigen, die keinen Beitrag zur Gruppe leisten, auch selbst keine Hilfe bekommen.“ „Aber das funktioniert nur unter ganz bestimmten Bedingungen“, wirft der Alte ein. „Nämlich dann, wenn man die Geschäftspartner kennt. Nur so kann man nachvollziehen, wer faire Spieler sind und wer nicht. Die fairen können sich dann mit der Zeit Vertrauen erarbeiten, während die unfairen ihr Vertrauenskontingent verspielen.“

Dann hebt er zum Schlusswort an: „Meine Damen und Herren, eine Lehre wäre also, dass die Politik besser dafür sorgen muss, dass unfaire, unkooperative, egoistische Geschäftspartner erkennbar gemacht werden, damit sie ihre Reputation verlieren. Ich behaupte ja gar nicht, dass Gene, Hormone oder Nervenzellen uns ein Patentrezept diktieren werden, mit dem die derzeitige Anarchie der globalen Handelsbeziehungen besser organisiert und reglementiert werden kann. Ich hoffe nur, dass in Zukunft die Natur des Menschen berücksichtigt wird. Und dass das System an seiner biologischen Basis ausgerichtet wird.“

Beifall brandet auf. Doch dann rückt der Sicherheitsdienst der Börse vor und räumt den Platz. Die Menge zerstreut sich, die Geschäfte müssen weitergehen. Die Broker kehren zurück an ihre Computer, das Gestikulieren in Handelssaal beginnt wieder. Der alte Mann ist verschwunden. Nur die Holzkiste steht noch da. ■

Die Finanzkrise motivierte den Wissenschaftsjourna- listen SASCHA KARBERG, sich mit „Genoeconomics“ zu befassen.

von Sascha Karberg

MEHR ZUM THEMA

LESEN

Haim Ofek SECOND NATURE Economic Origins of Human Evolution Cambridge University Press Cambridge 2001, ca. € 45,–

Henry Harpending, Gregory Cochran THE 10 000 YEAR EXPLOSION How Civilization Accelerated Human Evolution Basic Books, New York 2009, ca. € 20,–

KOMPAKT

· Ein Sinn für Fairness ist uns angeboren. Allerdings gibt es große Variationen von Mensch zu Mensch.

· Hormone können im Gehirn Veränderungen auslösen, die uns vertrauensseliger machen, als wir es gewöhnlich sind.

· Manche Menschen sind besonders risikofreudig, weil bei ihnen ein Gen verändert ist, das in Nervenzellen wirkt.

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