Ein Land auf der Couch - Psychologen blicken der Ex-DDR in die Seele - wissenschaft.de
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Ein Land auf der Couch – Psychologen blicken der Ex-DDR in die Seele

Ein (gewesenes) Land liegt auf der Couch: Bei der 50-Jahres-Tagung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) in Frankfurt blickten die Analytiker am Wochenende der Ex-DDR in die Volksseele. Therapeuten berichteten von typischen psychischen Störungen nach der Wende, analysierten die Strukturen des untergegangenen Staates und suchten dabei auch nach den Ursachen des neuen Rechtsextremismus.

Der Leipziger Psychoanalytiker Jochen Schade hat seit der Wende zahlreiche Ost-Deutsche mit psychischen Problemen behandelt. Er deutet die kollektive Seelenlage vieler als „Scham-Abwehr“. Wie die Nachkriegsgeneration das NS-Regime verdrängt habe („Schuld-Abwehr“), könnten viele DDR-Bürger nicht zulassen, dass sie sich für ihr feiges Mitläufertum eigentlich schämen müssten („Scham-Abwehr“). Schade zitierte einen Patienten, der sagte: „Im privaten Leben schämen wir uns, wenn ein Besucher entdeckt, wie verkommen unsere Wohnung ist. Warum schämen wir uns nicht für die Verkommenheit der DDR?“ Die Folgen dieses Konflikts könnten Minderwertigkeitsgefühle sein, Wut, Depression, die Ablehnung von West-Deutschen oder Ausländerhass.

Ein zweites, seiner Meinung nach typisches „Erbe“ der DDR- Gesellschaft sieht Schade in der mangelhaften Individualisierung. Der Kommunismus mit seinem Credo des „Alle sind gleich“ habe die Ausprägung von eigenständigen Persönlichkeiten weitgehend verhindert. Das räche sich im individualistischen Westen: „Die brutalen Ungleichkeiten sind für Ostdeutsche weitaus schwerer zu ertragen“, sagte Schade. Auch hier könnte eine Ursache für Rechtsextremismus liegen, denn Ausländer seien geradezu der Inbegriff des Ungleichen. Wegen der verordneten Gleichheit – die auch vietnamesische Gastarbeiter und russische Soldaten einbezog – hätten DDR-Bürger den Umgang mit Anderem, Fremdem nicht erlernen können.

Für Volkhard Knigge, Direktor der Stiftung Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar, spielt auch eine Rolle, dass die DDR seiner Meinung nach die NS-Vergangenheit nicht bewältigt hat. Hier könnten Gründe für eine tiefe Verankerung braunen Gedankenguts liegen. „Den deutschen Kommunisten ist es nicht gelungen, Hitler die Stirn zu bieten. Und das KZ Buchenwald ist von den falschen Befreiern, nämlich der US- Armee, befreit worden“, sagte er aus historischer Sicht. Dennoch habe die DDR sich stets als Sieger über den Faschismus gebärdet. So sei eine echte Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit verhindert worden.

„Eine Tyrannei lebt weiter in den Charakteren Überlebender“, merkte der Prager Analytiker Michael Sebek an. Sie könne fortleben in autoritären Familienstrukturen oder eben in Fremdenhass. In der seelischen Unsicherheit, die nach der Befreiung von Diktaturen entstünde, suchten sich „unreife Persönlichkeiten“ gerne starke Autoritäten, die neue Sicherheit versprächen.

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Genau hier könnte man ansetzen, glauben die Psychoanalytiker. „Null Toleranz gegen asoziales Verhalten“ empfahl der Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA), Prof. Otto Kernberg. Das einzig sinnvolle Rezept gegen Rechtsradikalismus seien feste soziale Strukturen, gesunde Autorität, Kontrolle und ein starker Rechtsstaat, sagte er. Aus psychologischer Sicht würde er ein Verbot sämtlicher rechtsradikaler Parteien eindeutig befürworten.

dpa
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