Ein Plädoyer für Plagegeister - wissenschaft.de
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Umwelt+Natur

Ein Plädoyer für Plagegeister

Auch die unbeliebten Blutsauger haben eine sachliche Betrachtung verdient! (Foto: abadonian/iStock)

Fiese, tödliche Blutsauger: Stechmücken werden in Kampagnen zur Malaria-Bekämpfung regelrecht verteufelt – die Botschaft lautet: Rottet sie aus! Doch nun machen sich Forscher in einem Kommentar im Wissenschaftsmagazin „Science“ für die unbeliebten Insekten stark und warnen vor Haudrauf-Aktionen. Die unangebrachte Dämonisierung der Stechmücken könnte ihnen zufolge zu unüberlegten Vernichtungsaktionen führen, die Wasser-Ökosysteme gefährden. Man sollte erst einmal bei der Beseitigung der menschengemachten Brutstätten der Krankheitsüberträger ansetzen, so die Forscher.

Der Anlass der kritischen Äußerung von Axel Hochkirch von der Universität Trier und seinen Kollegen ist eine aktuelle Kampagne der Bill & Melinda Gates Foundation, die sich der Bekämpfung der Malaria widmet. Den Forschern zufolge werden die Stechmücken auch in der Präsentation dieses Projekts erneut unsachlich dargestellt. Eingeleitet werden die Informationen beispielsweise durch den Aufhänger: „Welche Tiere töten die meisten Menschen? Moskitos!“ Hochkirch sagt dazu: „Malaria ist natürlich eine schlimme Krankheit, doch mich hat die generelle Verurteilung von Mücken in der Kampagne sehr gestört“. Denn dem Biodiversitätsforscher zufolge haben auch Stechmücken und ihre Rolle als Krankheitsüberträger eine sachliche Betrachtung verdient.

Sachlichkeit ist angesagt!

„Wer sich für Stechmücken einsetzt, macht sich keine Freunde“, sagt Hochkirch. Nichtsdestotrotz ergreifen er und seine drei internationalen Kollegen Partei für die ungeliebten Plagegeister. Wie sie in dem Kommentar hervorheben, sind nur wenige der über 3500 weltweit Mücken-Arten überhaupt Überträger von Krankheiten. Im Fall der Malaria handelt es sich um Stechmücken aus der Gattung Anopheles, die den Plasmodium-Parasiten durch einen Stich weitergeben können. Diese Insekten haben beim Thema Malaria natürlich eine große Bedeutung – es handelt sich aber nur um die Boten und nicht die eigentlichen Verursacher der Krankheit, betonen die Forscher.

Bei der Diskussion rund um die Stechmücken sollte ihnen zufolge klar sein: „Für viele Ökosysteme sind diese Insekten unverzichtbar. Sie sind nicht nur Nahrung für viele andere Lebewesen, sondern auch ein Ausdruck für ein gesundes Ökosystem“, so Hochkirch. Das gilt für die Feuchtgebiete in Deutschland und die darin heimischen Stechmückenarten ebenso, wie für die tropischen Ökosysteme, die im Fokus der Malaria-Problematik stehen. „Schlechte Presse“ zieht den Forschern zufolge generell das Ansehen dieser Naturgebiete und ihrer Bewohner weiter nach unten. Für Pandas, Wale und Co setzen sich viele Menschen ein – doch auch Wesen und Lebensräume, die uns weniger attraktiv erscheinen, benötigen Schutz, so die Wissenschaftler.

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Wo Malaria-Bekämpfungs-Programme den Moskitos an den Kragen gehen sollen, sind oft empfindliche biologische Systeme in Gefahr, warnt Hochkrich. Behandlungen mit der chemischen Keule könnten dort Gleichgewichte destabilisieren und unterm Strich viel Schaden anrichten. Denn oft werden die Bekämpfungsmittel großflächig über Binnengewässern eingesetzt, wo zahlreiche Insektenarten betroffen sind.

Menschengemachte Kleinstgewässer im Fokus

Man könnte nun der Meinung sein: Die Malaria-Gefahr ist das Risiko und den Kollateralschaden wert. Doch den Forschern zufolge sind die Prioritäten im Kampf gegen die Malariaerreger falsch gesetzt. Wie sie erklären, sind die Brutstätten der Moskitos, die Malaria, aber auch andere Krankheiten wie Zika, Dengue und Co übertragen, hauptsächlich von Menschen geschaffene „Kleinstgewässer“: In Wasserflaschen, Plastikabfall oder Regentonnen, wo keine natürlichen Feinde wie etwa Libellenlarven leben, vermehren sich die Mücken besonders gut. Der Appell der Wissenschaftler lautet deshalb: Man sollte den Fokus nicht auf das Anprangern der „bösen Moskitos“ legen, sondern gezielt den Umweltschutz fördern und vor allem erst einmal die künstlichen Brutstätten dieser Insekten im Müll bekämpfen.

Quelle: Universität Trier, Science, doi: 10.1126/science.aau5573

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