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Umwelt+Natur

Ein Viertel aller fleischfressenden Pflanzen ist bedroht

fleischfressende Pflanzen
Beispiele von bedrohten fleischfressenden Pflanzen. (Bild: Robinson/ Krueger/ Fleischmann)

Ein Viertel aller fleischfressenden Pflanzenarten sind weltweit vom Aussterben bedroht, so neueste Analysen. Die grünen Überlebenskünstler können zwar dank ihrer fleischhaltigen Kost auf sehr nährstoffarmen, nassen Böden wachsen. Doch das wird zunehmend zum Problem: Menschengemachte Einflüsse wie die Zerstörung von Lebensräumen, die Überdüngung und der Klimawandel machen den karnivoren Pflanzen zu schaffen.

Fleischfressende Pflanzen können mit ihren umgewandelten Blättern Insekten und andere Kleintiere anlocken, fangen und verdauen. Die Fangmethoden reichen je nach Spezies von klebrigen Drüsenhaaren über Klappfallen bis hin zu falltürähnlichen Saugapparaten. Die so gewonnenen Nährstoffe verwenden sie für ihr Wachstum. Damit gleichen die Pflanzen den Mangel an Nährstoffen an ihren nährstoffarmen Standorten aus.

Bedrohungsstatus aller Arten erfasst

Für ihr Überleben sind die speziellen Pflanzen auf solche nährstoffarmen und zumeist feuchten Standorte angewiesen. Typische Lebensräume sind Moore, sauberen Quellbäche, nährstoffarme Gewässer, tropische Regenwälder oder auch nasse Felsen. Gerade diese Lebensräume jedoch werden immer seltener. Um sich ein Bild von dem Ausmaß der Bedrohung zu machen, hat nun ein internationales Forscherteam um Adam Cross von der Curtin University in Westaustralien alle fleischfressenden Pflanzenarten nach den Rote-Liste-Kategorien der Internationalen Artenschutzkommission (IUCN) für bedrohte Arten klassifiziert.

Im Rahmen ihrer Arbeit erfassten sie die Verbreitungsgebiete und Lebensräume aller 869 bekannten karnivoren Pflanzenarten und ermittelten Bedrohungen und Aussterberisiken. Dafür untersuchten sie unter anderem Faktoren wie die Veränderung von Lebensräumen, Arteninvasionen, die Umweltverschmutzung und den Klimawandel. „Durch unsere Arbeit konnten wir 100 Prozent aller weltweit bekannten fleischfressenden Pflanzen zusammen mit ihrem Rote-Liste-Naturschutzstatus erfassen“, so Cross‘ Kollege Andreas Fleischmann. „Diese Quote ist besonders erfreulich, da wir bei den weltweit bekannten ca. 300.000 Blütenpflanzen nur den Gefährdungsstatus von etwa zehn Prozent kennen.“

In allen Pflanzengattungen sind Arten gefährdet

Das Ergebnis: „Unsere Studie hat gezeigt, dass etwa 25 Prozent aller bekannten fleischfressenden Pflanzen heute ein erhöhtes Aussterberisiko haben“, berichtet Cross. Beispiele für vom Aussterben bedrohte Arten sind insbesondere alle Spezies der fleischfressenden Pflanzengattung Philcoxia, ein Teil der Kannenpflanzen (Nepenthes) und Arten der Fettkräuter (Pinguicula). Außerdem stuften die Wissenschaftler bei allen Gattungen zumindest einige Spezies als gefährdet ein – insgesamt zählten sie dabei 47 Arten. Weitere 104 gelten als verwundbar.

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Auch die Betrachtung der Verbreitungsgebiete ergab ein klares Muster: „Nach Ländern geordnet finden sich heute die meisten vom Aussterben bedrohten fleischfressenden Pflanzen in Brasilien, gefolgt von Indonesien, den Philippinen, Kuba, Thailand und Australien“, erklärt Cross. „Diese Länder tragen eine besondere Verantwortung für den Erhalt der globalen Artenvielfalt von fleischfressenden Pflanzen. Hier handelt es sich vor allem um Arten, die meist nur in einem kleinen Gebiet in diesen jeweiligen Ländern vorkommen.“

Größte Bedrohung durch Landwirtschaft und Städtebau

Aber was sind die Ursachen für diese Bedrohung? Anhand ihrer Analyse stellten die Forscher fest, dass global gesehen die intensive Landwirtschaft eine der größten Bedrohungen darstellt. So schwinden – bedingt durch die Flächennutzung und den erhöhten Nährstoffeintrag – Lebensräume von derzeit etwa 170 der Pflanzenarten. „Ein weiteres Problem ist die flächenweite Überdüngung der Landschaft mit Stickstoff aus der Luft, wie er aus Stäuben von Industrie, Verkehr und Landwirtschaft stammt. Es gibt Orte in Deutschland, in denen regnen jedes Jahr fast zehn Kilogramm Stickstoff pro Hektar auf den Boden – auch in abgelegenen Moorstandorten“, erklärt Fleischmann. „Dies wird vor allem für sensitive Spezialisten zum Problem.“

Auch Bauvorhaben und die Ausweitung von Städten – wie beispielsweise im australischen Perth -gefährden die karnivoren Pflanzen erheblich: In einigen Regionen führten die Siedlungsentwicklung und damit einhergehenden Rodungen zum Verlust von mehr als 97 Prozent der natürlichen Vegetation. Grünflächen an Straßen und Bahnlinien sind meist der einzige verbleibenden Lebensraum für die fleischfressenden Pflanzen. Langfristig gesehen, erwartet das Forscherteam, dass auch Umweltveränderungen durch den Klimawandel zum Aussterben vieler fleischfressender Pflanzenarten führen. Ausgeprägte Hitze- und Dürreperioden machen heute schon etwa 160 der Pflanzen, die auf feuchte Böden und regelmäßige Wasserversorgung angewiesen sind, zu schaffen. Auch Invasionen exotischer Gräser und die Verschmutzung der Umwelt betrifft den Forschungen zufolge heute schon 130 der Fleischfresser-Arten.

Pflanzenschwund ist irreversibel

„Viele der festgestellten bedrohlichen Prozesse wirken sich auf ganze Populationen aus und bewirken rasche und oft irreversible Veränderungen der Ökosysteme und der biologischen Abläufe“, fassen die Forscher zusammen. „Unsere Studie bildet eine wichtige Grundlage, um die Vielfalt dieser Pflanzengruppe erhalten und schützen zu können.“ Ohne den Einsatz internationaler Organisationen und Naturschutzverbände werden nach Schätzungen der Forscher bald wohl einige der ökologisch einzigartigen Pflanzenarten aussterben.

Quelle: Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns, Fachartikel: Global Ecology and Conservation, doi: 10.1016/j.gecco.2020.e01272

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