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Ein zweifelhaftes Versprechen

Es klang fast zu schön, um wahr zu sein: Anfang der Woche meldeten mehrere Agenturen, ein Mitarbeiter der Berliner Charite habe eine pflanzliche Wirkstoffkombination entdeckt, die Männern mit Potenzproblemen besser helfen kann als der Viagra-Wirkstoff Sildenafil. Der von den Medien daher schnell „Bio-Viagra“ getaufte Cocktail stärke die Libido, verhelfe zu mehr Spaß am Sex und verbessere das allgemeine Wohlbefinden – ohne dabei die Nebenwirkungen zu haben, die Sildenafil und ähnliche Wirkstoffe vor allem für Männer mit Herz-Kreislauf-Problemen gefährlich machen können. Lediglich Durchfall trete auf, zitieren die Meldungen den Pillenerfinder Olaf Schröder, der nach eigenen Angaben bereits „eine hervorragende Wirkung“ in einer ersten Studie nachgewiesen haben will.

Mittlerweile gibt es allerdings erhebliche Zweifel – sowohl an der Seriosität der Daten als auch an der Wirksamkeit der pflanzlichen Mischung. Die Charité hat sich bereits von Schröders Aussagen distanziert: Bei der Untersuchung handele es sich um die Aktivität eines Mitarbeiters der Charité in eigener Verantwortung, Herr Schröder sei nicht berechtigt, Erklärungen für die Charité abzugeben. Momentan prüfe man, ob die Arbeiten den Richtlinien der Klinik für gute wissenschaftliche Praxis entsprächen, daher könnten bis auf weiteres auch keine Anfragen zum Ablauf und den Ergebnissen der Studie oder dem Vorgehen bei den angeblichen Tests gemacht werden. Nach veröffentlichten Ergebnissen sucht man ebenfalls vergeblich.

Auch die Frage, ob die Pflanzenmischung überhaupt einen Einfluss auf die Erektionsfähigkeit haben kann, ist nicht geklärt. Einer der Bestandteile, ein Extrakt des Erd-Burzeldorns, kann zwar laut verschiedener Tierversuche den Testosteronspiegel im Blut erhöhen, und fördert zumindest in Ratten wohl tatsächlich die Potenz. In einer ersten klinischen Studie beim Menschen ließ sich dieser Effekt hingegen nicht nachweisen, und auch die mögliche Ankurbelung der Testosteronproduktion ist beim Menschen mehr als umstritten.

Ähnliches gilt für einen zweiten Inhaltsstoff des Cocktails: die Maca-Pflanze. Auch hier gibt es aus Versuchen mit Mäusen und Ratten Hinweise auf eine aphrodisierende Wirkung, klinische Tests oder gar kontrollierte Studien sind jedoch ebenfalls Mangelware. Ergänzt werden die beiden Pflanzenextrakte durch Policosanol – einen Zuckerrübenextrakt mit cholesterinsenkender Wirkung –, die Aminosäure L-Arginin, die als gefäßerweiternd gilt, und einem Extrakt aus Weintrauben.

„Ich halte zwar nicht für ausgeschlossen, dass die Mischung die Potenz stärken kann, bin aber sehr, sehr skeptisch“, schätzt Professor Sabine Kliesch, Urologin an der Universitätsklinik Münster und Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Urologie die Situation ein. „Wenn man sich die bisherige Literatur anschaut deutet eigentlich nichts darauf hin, dass die betreffenden Wirkstoffe tatsächlich solch eine Wirkung hätten.“ Und selbst wenn der Cocktail wie behauptet den Testosteronspiegel erhöhen und die Wirkung des Hormons verstärken kann, heiße das noch lange nicht, dass er Patienten mit Erektionsstörungen auch wirklich helfen könne. „Es würde nur bei denjenigen wirken, bei denen das Problem in einem extremen Testosteronmangel begründet wäre – und das ist eher die Ausnahme.“

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Zudem will Olaf Schröder die Mischung nicht als Medikament, sondern als Lebensmittel beziehungsweise Nahrungsergänzungsmittel verkaufen – schließlich seien alle Inhaltsstoffe bereits auf dem Markt. Geplant sei das für 2010. „Diesen Ausweg nehmen viele, wenn sie keine echten geprüften Daten zur Verfügung haben“, kommentiert Christian Steffen, zuständiger Experte beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, wo Studien mit Arzneimitteln beantragt und zugelassen werden müssen. Und er wird noch deutlicher: „Auf das, was Nahrungsergänzungsmittel angeblich können, sollte man überhaupt nichts geben – meistens stimmt davon nämlich gar nichts“. Im Gegensatz zu Arzneimitteln werde dort nicht geprüft, ob die Inhaltsstoffe überhaupt die angegebenen Wirkungen haben oder nicht.

„Bei der Maca-Pflanze und beim Erd-Burzeldorn bin ich relativ sicher, dass sie so gut wie wirkungslos sind“, betont er. Die wenigen Studien, die es gibt, sind seiner Ansicht nach so zweifelhafter Herkunft, dass sie eigentlich gar nichts aussagen. Auch Sabine Kliesch ist hier ganz deutlich: „Sobald in einer Studie eine Wirkung nachgewiesen werden kann, handelt es sich ganz klar um ein Arzneimittel, das entsprechende Auflagen für eine Zulassung erfüllen muss. Die Behauptung, die Mischung wirkt, sei aber trotzdem ein Nahrungsergänzungsmittel, ist daher ein Widerspruch in sich“.

Aufgrund der vielen Anfragen rund um das pflanzliche Wundermittel der Charité hat Steffen auch selbst begonnen, sich für den Fall zu interessieren – und ist beim Recherchieren auf eine interessante Information gestoßen: „Das Institut für Transfusionsmedizin, an dem Olaf Schröder arbeitet, gibt etwa alle zwei bis drei Jahre eine derartige Meldung heraus“, erzählt er. So will man dort unter anderem einen pflanzlichen Wirkstoff gegen Vogelgrippe und einen gegen Depressionen entdeckt haben. „Da frage ich mich doch, was das mit Transfusionsmedizin zu tun hat und ob dort nicht andere, finanzielle Interessen eine Rolle spielen“.

Die angeblich so vielversprechenden Ergebnisse der Studie zum Bio-Viagra hat Steffen dabei übrigens nicht zu Gesicht bekommen. „Ich weiß noch nicht einmal, ob es so eine Studie gegeben hat“, erklärt er. In einem ist er jedoch sicher: „Das war ein spektakulärer PR-Coup – obwohl oder gerade weil möglicherweise überhaupt nichts dahinter steckt.“

ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel
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