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Alge des Jahres 2021

Eingeschleppte Alge verändert das Wattenmeer

Schlauchalge
Algenteppich von Vaucheria velutina (links) im Wattenmeer vor Sylt. (Bild: Karsten Reise)

Die Schlauchalge Vaucheria velutina ist die Alge des Jahres 2021 – allerdings aus einem wenig erfreulichem Grund: Obwohl diese eingeschleppte Algenart erst im Juni 2020 erstmals im norddeutschen Wattenmeer nachgewiesen wurde, hat sie sich mittlerweile explosionsartig verbreitet. Der ausgedehnte Algenteppich fängt den Schlick und verstopft die Gänge der Wattwürmer. Dadurch verändert die Meerespflanze bereits jetzt das Watt und könnte noch unabsehbare ökologische Folgen haben.

Immer häufiger gelangen gebietsfremde Lebewesen an die Küsten der deutschen Nord- und Ostsee. Durch das wärmere Wasser und die milden Winter können sich diesen oft aus südlicheren Regionen stammenden Arten zunehmend bei uns ansiedeln. Zu ihnen gehören Meerstiere wie beispielsweise Rippenquallen, bizarre Mondfische, die aus Asien eingeschleppte Strandkrabbe oder die Pazifischen Austern. Sie gefährden zunehmend die einheimischen Arten der Ostsee und des Wattenmeers. Aber auch Meeresalgen und andere Wasserpflanzen werden in unsere Gefilde eingeschleppt.

Neue Algenart überwuchert riesige Wattgebiete

Einer dieser Neuankömmlinge bereitet nun besondere Sorge. Wattforscher um Karsten Reise vom Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) haben im vergangenen Sommer vor der Insel Sylt in der Nordsee eine dort bislang unbekannte Algenart entdeckt und ihre Ausbreitung im Laufe des Jahres beobachtet. Das Erstaunliche: Mittlerweile bedeckt die Alge eine Fläche von mehr als 280 Fußballfeldern. „In meinen fast 50 Jahren als Wattforscher habe ich so eine rasante Ausbreitung einer neuartigen Alge noch nicht erlebt“, sagt Reise. „Bei Sylt hat sie schon riesige Areale erobert, die sehr weit draußen im Watt bis zum Horizont reichen und wo nur selten ein Kurgast hinkommt.“

Um herauszufinden, um welche Algenart es sich handelt, hat ein Forscherteam um Nataliya Rybalka von der Universität Göttingen Genproben einzelner der bis zu zehn Zentimeter langen Algenexemplare analysiert. Dafür untersuchten die Wissenschaftler einen kurzen charakteristischen Abschnitt im Genom der Sylter Algen-Proben. Dieser ermöglichte eine eindeutige Zuordnung zu den Schlauchalgen, einer Untergruppe der gelbgrünen Algen (Xanthophyceae). Die Forscher identifizierten die Art als Vaucheria velutina. „Der von uns untersuchte DNA-Abschnitt des rbcL genannten Gens enthält den Bauplan für ein Protein, das im Chloroplasten vorkommt“, erläutert Rybalka. „In diesem Abschnitt unterscheiden sich alle Vaucheria-Proben aus dem Sylter Watt von denen aus nah gelegenen Salzwiesen.“

Die Algenfäden im Watt scheinen als Klone alle von derselben Mutteralge abzustammen, wie die Forscher vermuten. Denn Schlauchalgen vermehren sich typischerweise über zwei Wege: Sowohl über abgeschnürte Stücke des Schlauches als auch durch Sporen, die ungeschlechtlich gebildet werden. Geschlechtlich pflanzen sich die Algen nur selten und unter Stressbedingungen fort. Die Schlauchstücke sowie die Sporen können mit den Gezeitenströmungen leicht über mehrere Kilometer treiben, was laut der Wissenschaftler die Entstehung der drei Algenrasen bei Sylt erklären könnte. Womöglich wurde der Mutterorganismus mit importierten Pazifischen Austern eingeschleppt, die in Netzbeuteln im Sylter Wattenmeer für den Verzehr „gemästet“ werden, schätzt Reise.

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Alge beeinflusst Wattleben schon jetzt

Aufgrund ihrer explosionsartigen Vermehrung im Watt haben Algenforscher der Deutschen Botanischen Gesellschaft Vaucheria velutina nun zur Alge des Jahres 2021 gewählt. Damit machen sie auch auf die noch unabsehbaren, ökologischen Folgen der Algeninvasion aufmerksam: Die Ausbreitung der Schlauchalgen wirkt sich laut Reise und seinen Kollegen bereits jetzt auf das Ökosystem Watt aus. So stellten sie fest, dass die Alge weite Sandwatten in Schlickwatt umwandelt. Feine Sedimentpartikel, die mit der Flut eingeschwemmt werden, bleiben zwischen den dicht an dicht aus dem Boden ragenden Algenfäden hängen.

So wachsen im Sylter Watt schon jetzt 20-mal mehr Algenfäden als es Sterne in der Milchstraße gibt, so Reise. „Im Verlauf von nur einem Sommer hat sich ein weiches Schlickpolster aufgeschichtet, das bis zu zwanzig Zentimeter höher als das umgebende Sandwatt ist“, erklärt er. „Unter der Oberfläche ist der weiche Schlick tiefschwarz und dünstet faulig riechenden Schwefelwasserstoff aus.“ Sollte die Schlickanhäufung im Sandwatt weitergehen, würde das laut der Wissenschaftler besonders den Wattwürmern zusetzen.

„Wenn der zwischen Vaucheria hängenbleibende Schlick die Gänge der Wattwürmer verstopft, ist alles Leben im Wattboden davon betroffen“, so die Forscher. „Das kann sogar Auswirkungen auf die Fähigkeit des Wattenmeeres haben, sich im Klimawandel dem schnell steigenden Meeresspiegel anzupassen. Derzeit verändert sich das Weltnaturerbe Wattenmeer unumkehrbar, direkt vor unseren Augen und durch eine eigentlich sehr kleine Alge.“ Ob sich der Algenrasen bei Sylt auch nach der Wachstumspause im Winter weiter vergrößert und wie die Algenart das Wattenmeer weiter verändern wird, bleibt abzuwarten.

Quelle: Georg-August-Universität Göttingen

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