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Einsamkeit nagt an Papageien-Erbgut

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Credit: Thinkstock
Sie reißen sich die Federn aus und dämmern stumpfsinnig vor sich hin – Einzelhaltung ist für Graupapageien eine Qual, sagen Experten. Nun berichten österreichische Forscher, dass sich das Leid der hoch-sozialen Vögel auch in deren Erbgut widerspiegelt. Einsam gehaltene Graupapageien besitzen demnach vergleichsweise kurze Chromosomenenden (Telomere) – ein Zeichen für vorzeitige Alterung. Auch beim Menschen nagt Stress an den Telomere, haben frühere Studien bereits gezeigt.

Das Erbgut tierischer Lebewesen ist im Kern einer jeden Körperzelle in Chromosomen, zusammengefasst. Die Enden dieser Strukturen werden als Telomere bezeichnet. Sie bestehen ebenso wie die Gene aus Nukleotiden, enthalten aber keine Bauanweisungen für Proteine oder Steuermoleküle. Beim Kopieren der DNA während der Zellteilung gehen an den Enden neuer DNA-Stränge immer einige Nukleotide verloren. Ohne die Pufferfunktion der Telomere büßt die Zelle bei jeder Teilung genetische Informationen ein. Dies ist auch eine Ursache der Zellalterung: Sind die Telomere nach einer bestimmten Anzahl von Zellteilungen aufgebraucht, werden die Erbinformationen angegriffen und schadhaften Zellen entstehen. Mehrere Studien am Menschen und an Tieren deuten bereits darauf hin, dass Stress die Telomere schneller schrumpfen lässt, jedoch gab es bisher keine Untersuchungen, die sich mit den Auswirkungen von sozialer Isolation auf Telomere befassen.

Die Forscher um Dustin Penn vom Konrad-Lorenz Institut für Vergleichende Verhaltensforschung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien (VetmedUni Vienna) haben für ihre Studie DNA Proben von Graupapageien im Alter von 1 bis 45 Jahre gesammelt und analysiert. Es handelte sich um einzeln beziehungsweise paarweise gehaltene Tiere. Bei ihren Untersuchungen verglichen die Forscher gezielt die Telomerlängen der Tiere in Bezug zu deren Alter, denn bei älteren Papageien sind die Telomere, unabhängig von der Haltungsform natürlich kürzer als bei jüngeren Tieren. Unter Berücksichtigung dieses Faktors kamen die Forscher dennoch zu dem Ergebnis: Einzeln gehaltenen Graupapageien besitzen deutlich kürzere Telomere als ihre Artgenossen, die mit einem Partner zusammenleben durften.

Ähnlich wie beim Menschen

„Untersuchungen beim Menschen haben gezeigt, dass übermäßig gestresste und sozial ausgegrenzte Personen ebenfalls über kürzere Telomere verfügen“, sagt Penn. Beispielsweise besitzen Menschen verkürzte Teleomere, die misshandelt wurden, in unglücklichen Lebensbedingungen aufgewachsen sind oder durch lange Arbeitslosigkeit belastet wurden. „In unserer Studie untersuchten wir erstmals den Einfluss von sozialer Isolation bei Tieren auf die Telomerlänge.“

Penn und sein Team haben zuvor bei Hausmäusen gezeigt, dass „crowding“, so nennt sich die Haltung von zu vielen Individuen in einer Behausung, ebenfalls zu beschleunigter Verkürzung der Telomere führt. „Die neuen Erkenntnisse zeigen nun, dass beide Extreme der sozialen Umgebung, Einsamkeit, aber auch zu dichte Behausung, einen Einfluss auf die Länge der Telomere haben. Um die Resultate zu untermauern, müssen wir in zukünftigen Langzeitstudien untersuchen, inwieweit Gesundheit und Lebenserwartung mit einer stressbedingten Telomerverkürzung zusammenhängen.“ Beim Menschen ist bereits bekannt, dass verkürzte Telomere mit einem erhöhten Risiko für Erkrankungen und einer geringeren Lebenserwartung verbunden sind.

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Franz Schwarzenberger vom Institut für Medizinische Biochemie, ein Co-Autor der Studie, betont einen weiteren wichtigen Aspekt der Ergebnisse: „Möglicherweise können Telomere in Zukunft als Marker für die Messung von Stressexposition und die Fähigkeit der chronisch-sozialen Stressanpassung fungieren.“ Entsprechende Tests könnten der aktuellen Studie zufolge also nicht nur die Belastung von Menschen sondern auch von Tieren erfassen.

Quellen:

© wissenschaft.de – Martin Vieweg
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