Eisgenuss auf Kosten der Tropenwälder - wissenschaft.de
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Umwelt+Natur

Eisgenuss auf Kosten der Tropenwälder

In industriell hergestelltem Speiseeis steckt meist nicht zertifiziertes Kokosfett. (Bild: Christina Vartanova/iStock)

Was die beliebte Sommer-Leckerei so cremig macht, stammt meist aus problematischen Quellen, prangert der WWF an: Vor allem bei der Verwendung von Kokosfett spielt ökologische und soziale Nachhaltigkeit bei den meisten deutschen Speiseeis-Produzenten keine Rolle, geht aus einer Analyse der Umweltorganisation hervor. Das in die Kritik geratene Palmöl zugunsten von nicht zertifiziertem Kokosöl zu ersetzten, ist Augenwischerei, so der WWF.

Sommer, Hitze, Sonnenschein – in Deutschland wird nun wieder tonnenweise Eiscreme vertilgt. Insgesamt sind es etwa 557 Millionen Liter im Jahr – durchschnittlich 8,3 Liter pro Kopf. Das meiste stammt dabei nicht aus traditionellen Eisdielen, sondern aus der industriellen Produktion: Schätzungen zufolge hat die Eisbranche im vergangenen Jahr rund 2,5 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Bereits 2018 hat der WWF auf den fragwürdigen Umgang mit den Rohstoffen zur Herstellung dieses besonderen Nahrungsmittels aufmerksam gemacht. Nun hat die Umweltschutzorganisation erneut nachgehakt: Die 17 größten deutschen Unternehmen der Eisbranche wurden gebeten, Einblicke in ihre Rohstoffe und deren Herkunft zu gewähren. Nur zwölf haben Informationen geliefert, berichtet der WWF.

Nachhaltigkeit Fehlanzeige

Die Angaben belegen erneut den Trend weg von dem in Verruf geratenen Palmöl – es wird kaum noch in der Eisproduktion eingesetzt. Wenn es doch Verwendung findet, handelt es sich um zertifizierte Ware, geben die Unternehmen an. Statt Palmöl wird vor allem Kokosfett verwendet – bis auf eine Ausnahme nutzen es alle Hersteller. Bei Langnese- und Magnum-Produkten bildet es sogar ausschließlich den Pflanzenöl-Bestandteil. Doch nun kommt der Haken: Kein einziges Unternehmen achtete beim Einkauf des Kokosfetts auf ökologische und soziale Anforderungen bei dessen Produktion, geht aus den Angaben hervor. Das sei haarsträubend, kritisiert der WWF: Unternehmen tauschen Palmöl gegen Kokos aus, da dieses als „grüner“ und weniger belastet beim Verbraucher gilt. Wenn es allerdings nicht aus nachhaltigem Anbau stammt, ist das nicht der Fall – im Gegenteil.

Das zeigt ein simpler Vergleich: Der Ertrag der Ölpalme liegt durchschnittlich bei etwa 3,8 Tonnen Öl pro Hektar. Der von Kokosöl hingegen nur bei 0,7 Tonnen. Weitet sich der Trend aus, Palmöl durch Kokosöl zu ersetzen, wird somit letztlich deutlich mehr Anbaufläche nötig sein. Das bedeutete, es müssten noch mehr Wälder in Plantagen verwandelt werden. An Kokosöl, das teilweise in den gleichen Ländern wie das viel diskutierte Palmöl angebaut wird, werden derzeit kaum Produktions-Anforderungen hinsichtlich ökologischer Nachhaltigkeit gestellt. „Wer den Kunden nicht zertifiziertes Kokosöl als grüne Alternative verkauft, betreibt Augenwischerei“, sagt Ilka Petersen vom WWF Deutschland.

Dazu kommt: Auch unter sozialen Gesichtspunkten ist der Kokosanbau mit vielen Problemen behaftet. So leben etwa 60 Prozent der Kokos-Kleinbauern im Hauptproduktionsland Philippinen unter der Armutsgrenze. „Ein Eis mit schlechtem Gewissen zu genießen, das ist weder für uns, noch für die Umwelt oder die Bauern vor Ort befriedigend“, sagt Petersen. „Es scheint den deutschen Eisproduzenten aber schlichtweg egal zu sein, wie und wo ihr Kokosfett hergestellt wurde“, resümiert sie das Ergebnis der Analyse.

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Verbraucher und Politik sind gefragt

Neben dem Einsatz von nicht zertifiziertem Kokosfett aus den Tropen offenbarte die Analyse noch weiteren ökologischen Unsinn in der Einkaufspolitik deutscher Eishersteller: Es kommt offenbar vor, dass die scheinbar heimischen Alternativen – Raps- und Sonnenblumenöl – aus entfernten Regionen wie Australien, China oder Lateinamerika importiert werden. Was die Nachhaltigkeit bei Milchfett und Sahne betrifft, gibt nur Friesland Campina für ihr Landliebe-Eis an, dass die Kühe mit gentechnikfreiem, zertifizierten Soja gefüttert werden, berichtet der WWF.

Die Umweltschutzorganisation hofft nun, dass vor allem beim Kokosöl der Druck der Verbraucher etwas bewirken kann. „Beim Palmöl gab es ein entsprechendes Umdenken“, sagt Petersen. Verbrauchern rät der WWF deshalb nun dazu, Eissorten mit Bio- oder Fairtrade-Zertifizierung zu kaufen und Eisdielen zu unterstützen, die Bio-Zutaten verwenden. „Die gute Eisdiele nebenan kann Unterstützung gebrauchen, denn der Anteil, den traditionelle Eisdielen am Eiskonsum haben, sinkt, sodass sich der Eismarkt auf immer weniger, immer größere Hersteller und Verkäufer konzentriert“, sagt Petersen.

Der WWF plädiert zudem für die Einführung eines Lieferkettengesetzes für Deutschland und die EU, das Unternehmen zur Achtung von Umweltstandards und Menschenrechten in ihren Wertschöpfungsketten verpflichtet. „Wenn Unternehmen die Zeichen der Zeit nicht erkennen können und freiwillig die Verpflichtungen aus den internationalen Abkommen zum Schutz von Weltklima und Artenvielfalt als Grundlage unseres Lebens umsetzen, dann braucht es eben Gesetze und Verordnungen durch die Politik“, meint Petersen.

Quelle: WWF World Wide Fund For Nature, Analyse des WWF Deutschland

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