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Empfindsame Pferdehälften

Neugeborene Fohlen sollten – wenn überhaupt – auf ihrer linken Seite gestreichelt werden: Welche Körperseite Menschen zu Beginn eines Pferdelebens berühren, hat nämlich Auswirkungen auf das spätere Verhalten der Tiere. Zu diesem skurril klingenden Ergebnis kommen französische und tunesische Verhaltensforscher. Sie konnten zeigen, dass Fohlen, die nach der Geburt ausschließlich auf ihrer rechten Seite berührt worden waren, später ausweichend und scheu auf Menschen reagierten – ihre Altersgenossen, die nur links berührt worden waren, waren dagegen deutlich zutraulicher. Diese Erkenntnisse werfen den Forschern zufolge spannende Fragen auf, was den Umgang mit neugeborenen Tieren und sogar mit Menschen betrifft. Über ihre Studie berichten die Forscher um Alice de Boyer des Roches von der französischen Forschungsorganisation CNRS in Rennes.

Die Forscher untersuchten insgesamt 28 Fohlen, die sie für ihre Studie unterschiedlich behandelten: Die einen bekamen Zuwendung von rechts, die anderen von links. Direkt nach der Geburt rieb dazu einer der Wissenschaftler für 60 Minuten die jeweilige Seite der Tiere mit der Hand. Als Kontrollgruppe dienten Fohlen, die nicht berührt wurden. Nach zehn Tagen untersuchten die Wissenschaftler dann das Verhalten der Tiere beim Kontakt mit dem Wissenschaftler, der sie nach der Geburt berührt hatte. Er näherte sich den Fohlen oder versuchte, sie zu berühren. Diese Versuche wurden fünf Tage lang einmal täglich durchgeführt.

Das Verhalten der Tiere aus den verschiedenen Gruppen unterschied sich deutlich, entdeckten die Wissenschaftler: Die von rechts berührten Fohlen waren am wenigsten zutraulich und wichen einer erneuten Berührung am häufigsten aus. Die Pferdchen, denen sich die Forscher von links genähert hatten, zeigten dagegen deutlich mehr Zutrauen zu Menschen. Interessanterweise waren jedoch die Tiere am gutmütigsten, die gar nicht von einem Menschen berührt worden waren. Dauerhaften Schaden trugen die Pferde aber auch durch den frühen Kontakt nicht davon, beruhigen die Wissenschaftler: Nach den fünf Tagen, in denen sie regelmäßige Begegnungen mit den Forschern hatten, waren kaum noch Verhaltensunterschiede in den Gruppen zu beobachten.

Die Forscher führen den Effekt auf den Stress zurück, den die menschliche Zuwendung direkt nach der Geburt bei den Fohlen auslöst: Es sei bekannt, dass Tiere auf Bedrohungen unterschiedlich stark reagieren, abhängig davon, von welcher Seite sie kommen. Dahinter steckt vermutlich die unterschiedliche Spezialisierung der beiden Hirnhälften, sagen die Wissenschaftler. So scheint bei den Pferden vor allem die linke Hälfte, die die rechte Körperseite steuert, für das Lernen von Zusammenhängen zwischen Erfahrungen und Emotionen zuständig zu sein. Sie speichert die Assoziation „Annäherung Mensch gleich Stress“ daher schneller und dauerhafter ab als die rechte – mit der Konsequenz, dass die Tiere auch später noch scheuer und abwehrender reagieren als ihre Artgenossen. Ähnliche Prinzipien könnten den Forschern zufolge möglicherweise auch bei anderen Tieren und sogar beim Menschen existieren. Es sei also nötig, weitere Untersuchungen durchzuführen, um beispielsweise den Umgang mit Neugeborenen zu optimieren, sagen die Forscher.

Alice de Boyer des Roches (Forschungsorganisation CNRS, Rennes) et al.: Biology Letters, doi: 10.1098/rsbl.2010.0979 dapd/wissenschaft.de ? Martin Vieweg
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