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Umwelt+Natur

Entlegene Inseln sind besonders bedroht

Rainbow Falls, Hawaii
Rainbow Falls auf Big Island/Hawaii. Alle Pflanzen hier sind inzwischen nicht-heimisch (Foto: Holger Kreft).

Entlegene Inseln mitten im Ozean bergen oft eine besonders exotische Tier- und Pflanzenwelt. Denn durch ihre große Entfernung von anderen Landflächen entwickelten sie sich weitgehend isoliert. Doch wie sich nun zeigt, macht gerade dies solche Inseln besonders anfällig für Eindringlinge: Werden neue Arten eingeschleppt, kann sich die heimische Natur kaum wehren. Als Folge können sich Bioinvasoren besonders gut und schnell ausbreiten, wie eine Studie dokumentiert.

Immer mehr Pflanzen- und Tierarten breiten sich heute in Gebieten aus, in denen sie ursprünglich nicht heimisch waren. Diese Bioinvasoren können gerade für seltene und bedrohte Arten zur Gefahr werden, wenn sie ihnen Konkurrenz machen und sie schließlich sogar völlig verdrängen. Schon seit längerer Zeit zeigen Studien, dass vor allem die Flora und Fauna von Inseln stark unter der Verbreitung nicht-heimischer Arten leidet. Die sogenannten Neobiota sind dort direkt oder indirekt schuld am Verschwinden von fast einem Drittel der bereits ausgestorbenen Arten. Weil viele dieser Inselarten nur auf „ihrer“ Insel und sonst nirgendwo auf der Welt vorkommen, bedeutet dies auch einen Verlust für die globale Biodiversität.

Bestandsaufnahme auf 275 Inseln

Doch warum sind einige Inseln stärker betroffen als andere? Um das zu verstehen, haben nun Ditmar Moser von der Universität Wien und seine Kollegen 257 tropische und subtropische Inseln und ihre Bewohner näher untersucht. Für ihre Studie verglichen sie die Anzahl an heimischen und nicht-heimischen Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Ameisen und Pflanzen und erfassten zusätzlich eine Reihe mutmaßlicher Einflussfaktoren.

Das Ergebnis: Wie erwartet spielt die Inselgröße neben weiteren Faktoren eine Rolle für ihre Anfälligkeit gegenüber Bioinvasoren. Je kleiner eine Insel ist, desto eher ist ihre Pflanzen- und Tierwelt anfällig für Bioinvasoren. Denn oft sind die Populationen der endemischen Organismen dort eher klein und die Ökosysteme weniger komplex. Ein weiterer naheliegender Faktor ist die menschliche Besiedelung: Inselstaaten mit größeren Häfen sind stärker betroffen als nur selten von Schiffen angefahrene Eilande, weil der Schiffsverkehr das Haupteinfallstor für neue Arten bildet.

Ausgerechnet die entlegenen haben mehr Neobiota

Doch die Forscher entdeckten bei ihren Auswertungen auch einen unerwarteten Zusammenhang:  „Was uns überrascht hat, war allerdings, dass der Isolationsgrad einer Insel, also ihre Entfernung vom Festland, einen exakt gegenläufigen Effekt auf die Anzahl heimischer und nicht-heimischer Art hat: Heimische Arten werden weniger, Neobiota nehmen zu“, erklärt Moser. Mit Ausnahme der Vögel beobachteten die Biologen für alle Artengruppen dasselbe Muster. Das aber bedeutet: Selbst wenn besser erreichbare und damit nahegelegener Inseln häufiger eine Einschleppung neuer Spezies erleben, scheinen die heimischen Arten besser gegen die Eindringlinge gewappnet. Auf den entlegenen Inseln ist dies dagegen nicht der Fall.

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Aber warum? Die mutmaßlichen Gründe für diesen erstaunlichen Befund erklärt Bernd Lenzner von der Universität Wien so: „Je weiter eine Insel vom Festland entfernt ist, desto evolutionsgeschichtlich isolierter und eigentümlicher sind die auf ihr heimischen Arten“, so der Forscher. Denn nur wenige Lebewesen können die großen Distanzen überwinden, so dass Flora und Fauna dieser Eilande über lange Zeiträume hinweg unter sich geblieben sind. Hinzu kommt, dass sich die erfolgreichen Individuen in genetischer Isolation an die spezifischen Gegebenheiten auf der Insel angepasst haben, erklärt Lenzner. Infolgedessen haben viele Arten Verteidigungsstrategien und Scheu gegen Konkurrenten und Fressfeinde verloren, da diese auf der Insel bislang fehlen. Neu vom Menschen eingebrachte Spezies haben dann leichtes Spiel.

Das aber bedeutet: Die isoliertesten Inseln konnten zwar eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt entwickeln, sie sind aber auch am stärksten durch nicht-heimischen Arten bedroht. „Gerade auf den entlegensten Inseln sollten daher besonders strenge Maßnahmen gegen die Einfuhr nicht-heimischer Arten internationaler Standard werden“, betont Moser.

Quelle: Universität Wien, Fachartikel: Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.1804179115

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