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Entwarnung kam zu früh

EIN OZONLOCH über der Antarktis! Bei dieser Entdeckung im Frühjahr 1984 schlugen die Wellen hoch. Die routinemäßig überprüfte Ozonkonzentration in der Stratosphäre fiel damals so stark ab, dass die Wissenschaftler der britischen Antarktis-Forschungsstation zunächst an einen Messfehler glaubten. Aber bereits in den 1970er-Jahren hatten die Chemiker und späteren Nobelpreisträger Mario Molina und Frank Sherwood Rowland davor gewarnt, dass aus FCKW-Treibgasen freigesetzte Fluor-, Chlor- und Bromverbindungen das vor UV-Strahlung schützende Ozon abbauen könnten. Die Reaktion kam prompt mit dem 1987 ausgehandelten Montréal-Protokoll: Der industriellen FCKW-Produktion wurde international ein Riegel vorgeschoben.

Indes: FCKW zerfallen erst nach Jahrzehnten. So dauerte es, bis das Abkommen Wirkung zeigte. Die Nachrichten blieben zunächst bedrohlich: „Ozonloch in Rekordgröße“, „Ozonloch wird immer größer“, „Ozonloch wieder größer“ – so kommentierte auch bdw die Entwicklung in den Jahren 1998, 2000 und 2003. „Geschrumpftes Ozonloch“ titelte bdw dann im Dezember 2004. Die World Meterological Organization prognostizierte Beruhigendes: Die Ozonschicht über der Antarktis werde sich bis Mitte des Jahrhunderts fast vollständig erholen. Dann wurde es still um das Thema Ozonloch, dem jetzt die alarmierenden Meldungen über die Klimaerwärmung den medialen Rang abliefen.

„Zu Unrecht“, meint Atmosphärenforscher Andreas Engel von der Universität Frankfurt. Er untersucht die Veränderungen in der chemischen Zusammensetzung der Stratosphäre und findet, das Geschehen in der Ozonschicht werfe nach wie vor „jede Menge spannende Fragen“ auf. Wie schnell die Konzentration an Chlor in der Stratosphäre sinken wird und ob das Halogen-Gas dort kein weiteres Ozon mehr abbauen kann, müsse sich erst noch zeigen. Vor allem aber beobachten die Frankfurter Forscher intensiv den Einfluss der globalen Erwärmung auf die Entwicklung des Ozonlochs.

„Wir erwarten, dass sich aufgrund des Klimawandels die Luftzirkulation in der Stratosphäre ändern wird“, sagt Engel. „So könnte es beispielsweise zu einer Intensivierung und Abkühlung des Polarwirbels über der Arktis kommen. Das würde auch zu starken Ozonverlusten über der Arktis führen, ähnlich dem Ozonloch über der Antarktis – falls dies passiert, ehe die Chlor-Konzentration ausreichend gesunken ist.“

Ozonverluste über der Nordhalbkugel der Erde gibt es schon seit den 1990er-Jahren. In den Medien tauchten daher immer wieder Meldungen über ein sich anbahnendes „Ozonloch über der Arktis“ auf. Doch so drastisch, dass diese Aussage berechtigt ist, fiel der Ozonabbau vor unserer Haustür erstmals im Frühjahr 2011 aus. Auch global gesehen hat sich die Ozonschicht ausgedünnt. Vor allem tropische Gebiete könnten in Zukunft stärkerer UV-Strahlung ausgesetzt sein.

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Neuerdings bereitet den Forschern ein neuer Faktor Kopfzerbrechen. Chlor und Brom gelangen nicht nur über industrielle FCKW in die Atmosphäre, sondern auch aus natürlichen Quellen. Natürliche Halogen-Verbindungen sind zwar oft kurzlebiger als die industriellen FCKW, aber ihre Quellen variieren dafür stärker. „Chlormethan und Brommethan werden vor allem von Pflanzen und Böden emittiert“, nennt Frank Keppler vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz zwei Beispiele. „Und diese Quellen sind stark temperatursensitiv.“

Das heißt: Bei einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur muss man damit rechnen, dass auch mehr Chlor und Brom in die Stratosphäre gelangen und dort ihr zerstörerisches Werk verrichten. Das Thema Ozonloch, so scheint es, ist noch längst nicht abgehakt. Maren Emmerich ■

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