Entzündungsfördernde Mitbewohner - wissenschaft.de
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Entzündungsfördernde Mitbewohner

Rheuma-Patienten beherbergen andere bakterielle Untermieter in ihrem Körper als gesunde Menschen: Sowohl ihre Mund- als auch ihre Darmflora ist ungewöhnlich zusammengesetzt, haben US-Mediziner jetzt entdeckt. In beiden mikrobiellen Gemeinschaften dominieren dabei Spezies, die im Körper Entzündungsreaktionen auslösen können – bei gesunden Menschen kommen diese Bakterienarten deutlich seltener vor. Diese Entdeckung halten die Forscher für einen wichtigen Beleg der These, dass die Körperflora eine Schlüsselrolle beim Entstehen von Autoimmunerkrankungen wie Rheuma spielt, bei denen das Immunsystem fälschlicherweise körpereigenes Gewebe angreift. Aktuell untersuchen sie, ob der Einsatz von Antibiotika den Verlauf der Krankheit beeinflussen kann.

Immer wieder gab es in der Vergangenheit Hinweise darauf, dass die im Körper lebenden Bakterien Autoimmunerkrankungen fördern können. So haben Rheuma-Patienten beispielsweise ungewöhnlich häufig bereits in jungen Jahren fortgeschrittene Zahnfleischentzündungen. Und auch die Darmflora steht seit langem im Verdacht, das Immunsystem fälschlicherweise auf den Plan zu rufen. Konkrete Daten zur Zusammensetzung der Mikrobengemeinschaften sind jedoch rar. Das Problem: Ein Großteil der Bakterien – Forscher gehen von bis zu 80 Prozent aus – lassen sich nicht oder nur sehr schwer im Labor kultivieren.

Jose Sher von der New York University und seine Kollegen wählten daher eine andere Strategie: Sie analysierten das Erbgut der gesamten Mund- und Darmflora von acht Rheuma-Patienten, drei Patienten mit Schuppenflechte – einer weiteren Autoimmunerkrankung – und neun gesunden Kontrollpersonen. Ergebnis: Sowohl im Darm als auch im Mund fanden sich klare Unterschiede. Im Darm der Rheumatiker machten Bakterien aus der Familie Prevotella beispielsweise durchschnittlich 38 Prozent der Mikroben aus, bei der Kontrollgruppe waren es nur 4,3 Prozent. Auch in der Mundhöhle fanden die Forscher ein Übermaß an Prevotella-Bakterien, die zusammen mit Spirochäten und Porphyromonas-Mikroben im Schnitt 53 Prozent der Flora stellten – bei Gesunden waren es 18,5 Prozent.

Ähnlich wie in früheren Studien fanden die Wissenschaftler zudem auch diesmal auffällige Veränderungen des Zahnfleischs bei den Rheumatikern: 66 Prozent litten unter Parodontitis, während von den Schuppenflechte-Patienten lediglich 25 und in der Kontrollgruppe nur 12 Prozent Probleme mit Zahnfleischentzündungen hatten. Vermutlich aktiviert die veränderte Zusammensetzung von Darm- und Mundflora eine bestimmte Art Immunzellen und bringt so das Gleichgewicht zwischen entzündungsfördernden und entzündungshemmenden Prozessen durcheinander, so die These der Forscher. Sie haben bereits begonnen, ihre Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen: In einer Pilotstudie mit 90 Freiwilligen wollen sie testen, ob eine Behandlung mit Antibiotika und damit eine Veränderung der Darmflora den Krankheitsfortschritt verlangsamt. Zusätzlich soll diese Studie helfen, die Wechselwirkungen zwischen Mikroben und Immunsystem besser zu verstehen.

Jose Sher (New York University) et al.: Vortrag auf dem Jahrestreffen des American College of Rheumatology in Atlanta dapd/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel
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