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EPO schützt Kinderhirne

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Frühgeborenes im Inkubator (thinkstock)
Erythropoietin (EPO) hat einen schlechten Ruf, denn die meisten Menschen assoziieren dieses Bluthormon primär mit Doping im Leistungssport. Doch für extrem Frühgeborene könnte sich EPO als segensreich erweisen, wie eine Studie Schweizer Forscher zeigt. Wird das Hormon den Frühchen kurz nach der Geburt gespritzt, dann senkt dies die Häufigkeit von Hirnschäden und Defiziten in der Gehirnentwicklung, wie sie sonst für vor der 32. Schwangerschaftswoche geborene Frühchen typisch sind.

Fast die Hälfte aller Neugeborenen sind Frühgeburten, die vor der 39. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen. Immer häufiger können Ärzte heute auch die Neugeborenen am Leben erhalten, die in der 32. Woche, also fast zwei Monate zu früh, auf die Welt kommen. In Europa sind dies jährlich immerhin 400.000 Kinder, weltweit schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO die Zahl auf 2,6 Millionen. Doch so positiv die Rettung dieser extremen Frühchen ist: Für die Kinder bleibt das zu frühe Ende ihrer Zeit im Mutterleib nicht ohne Folgen. Ihr Gehirn ist nicht voll ausgereift und trägt durch die zu frühe Geburt oft Schäden davon. Vor allen die weiße Hirnsubstanz, die die Übermittlung der Reize übernimmt, zeigt Defizite, wie Studienleiterin Petra Hüppi vom Universitätsspital Genf erklärt. Bisherige Studien zeigen, dass solche Frühchen daher auch später Probleme beim Lernen und im räumlichen Gedächtnis haben und schlechter abschneiden, wenn es darum geht, verschiedene Reize gleichzeitig zu verarbeiten.

Hüppi und ihre Kollegen suchten nach einem Mittel, um die Hirnschäden bei Frühchen zu minimieren – und kamen dabei auf das Bluthormon Erythropoetin (EPO). Dieses wird in der Medizin vor allem bei Anämien eingesetzt, erste Studien deuten aber auch darauf hin, dass es bei einigen neurologischen Erkrankungen das Gehirn schützen könnte. Deshalb beschlossen die Forscher, diese neuroprotektive Wirkung des EPO auch bei den extremen Frühchen zu testen. Ihre Studie führten sie mit 495 vor der 32. Schwangerschaftswoche Geborenen durch. 256 von diesen erhielten in den ersten drei Tagen nach der Geburt drei intravenöse Dosen EPO, der Rest bekam eine wirkstofffreie Lösung als Placebo. Knapp zwei Monate später untersuchten die Forscher das Gehirn aller Kinder mit Hilfe der Magnetresonanztomografie.

Weniger Hirnschäden nach EPO-Behandlung

„Wir stellten fest, dass die Gehirne der Kinder, die das EPO erhalten hatten, sehr viel weniger Schäden aufwiesen als die der Kontrollgruppe“, fasst Koautorin Russia Ha-Vinh Leuchter vom Universitätsspital die Ergebnisse zusammen. Während 36 Prozent der unbehandelten Frühchen Anomalien an der weißen Hirnsubstanz zeigten, waren es bei den mit EPO behandelten nur 22 Prozent. Noch deutlicher war der Unterschied bei der grauen Hirnsubstanz, hier fanden die Forscher nur bei 7 Prozent Hinweise auf Schäden, bei der Kontrollgruppe waren es 19 Prozent.

„Dies ist das erste Mal, dass der positive Effekt des EPO-Hormons auf die Gehirne frühgeborener Babys nachgewiesen wurde“, sagt Hüppi. Um herauszufinden, ob diese Behandlung sich auch auf die spätere geistige Entwicklung der Kinder positiv auswirkt, wollen sie die Frühchen ihrer Studie weiter begleiten. Geplant ist, dafür die geistige Entwicklung der Kinder im Alter von zwei und fünf Jahren zu testen. „Sollte sich der positive Effekt bestätigen, wäre ein wichtiger Schritt gelungen, Hirnschäden und ihre langfristigen Folgen bei Frühgeborenen zu vermeiden“, so Hüppi.

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Quelle:

© wissenschaft.de – Nadja Podbregar
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