Interview mit einem alten Knochen "Es gibt nichts Öderes als zu fossilieren" - wissenschaft.de
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Interview mit einem alten Knochen

„Es gibt nichts Öderes als zu fossilieren“

Hallo, meine erste Frage: Wie soll ich Sie ansprechen, mit UR 501? UR 501 ist schon okay, und sag ruhig „du“ zu mir. Ziemlich ungewöhnlicher Name, UR 501, klingt wie ein Roboter.

Ziemlich ungewöhnlicher Name, UR 501, klingt wie ein Roboter.

Stimmt, kein Mensch heißt so. Ich wurde nach einer Hose benannt. Dabei habe ich mein ganzes Leben keine einzige Hose getragen. Die Altertumsforscher Friedemann Schrenk und Tim Bromage haben sich das ausgedacht. Die beiden hatten diesen Knochentick, waren scharf auf Hominidenknochen. Je älter, desto besser. Deswegen sind sie nach Malawi gekommen.

Bei Paläoanthropologen ist beides ja naheliegend.

Wiege der Menschheit und so. Aber Hominidenfossilien sind selten. Die beiden haben dann erst mal nur Fossilien von Tieren gefunden: Antilopen, Elefanten, Krokodile. Zehn Jahre lang.

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Moment, wir waren bei deinem Namen und der Hose.

Gemach, dazu komme ich noch. Also, wie sie mich endlich hatten, waren sie natürlich aus dem Häuschen: der erste Hominide in Malawi, noch dazu Gattung Homo, und dann auch noch mein Alter – zweieinhalb Millionen Jahre!

Donnerwetter, aber jetzt zur Hose.

Eigentlich hätte ich UR-Vierhundertirgendwasneunzig heißen sollen. Viel zu kompliziert. Und genau da kommt die Hose ins Spiel, diese berühmte blaue Hose mit der Nummer 501, und die Werbung dazu: The Original. Haben die Jungs natürlich gesagt: 501 ist eine prima Nummer. Wenn du UR 501 auf Englisch liest, dann heißt das: You are the Original. Du bist das Original, quasi erster Mensch. Funktioniert aber leider nur auf Englisch.

Und was hast du 2,5 Millionen Jahre lang gemacht?

Was man eben so tut, wenn man im Sediment herumliegt: fossilieren. Es gibt nichts Öderes, das kannst du mir glauben. Zweieinhalb Millionen Jahre lang Sediment anglotzen und darauf warten, dass dich die Erosion an die Oberfläche bringt. Und dann das erste Mal wieder Himmel sehen und die Sonne und Ziegen und Hunde und Kinder, wow.

Das war dann doch mal eine Abwechslung!

Naja, einerseits. Man kann es aber auch so sehen: Erst brennt die Sonne runter, dann, in der Regenzeit, steht dir das Wasser wieder bis zum Unterkiefer. So geht das hin und her. Das macht auch mürbe. Und beinahe wäre ich zerfallen.

Aber dann hat dich Schrenk gefunden.

Ach was! Der war in Karonga auf der Bank. Geldgeschichten. Tyson Msiska, ein Grabungshelfer, hat mich gefunden. Mich, einen zerbrochenen und zerschundenen Unterkiefer, linke Seite hier, rechte Seite dort. Sonst war ja nichts mehr von mir da, bis auf ein kleines Stück Backenzahn, aber das lag irgendwo. Danach haben die lange gesucht, aber dann wussten sie: Ich bin ein Homo rudolfensis und der älteste Mensch.

Dann bist du prominent wie Lucy, die 3,2 Millionen Jahre alte Australopithecus-afaransis-Dame?

So ein Tamtam, bloß weil sie auf zwei Beinen gehen konnte, diese Lucy mit ihrem Minihirn. Ich hatte hochwertigen Grips in meiner Hirnschale und damit habe ich etwas erfunden, was die Welt verändert hat.

Und was war das?

Na die ersten Steinwerkzeuge, Riesensache damals! Werkzeuge zum Knochenaufschlagen und Nüsse-knacken. Meine Idee! Hammer, Computer und Mondrakete sind im Prinzip nur Weiterentwicklungen. Denk‘ da ruhig mal drüber nach.

Ganz schön selbstbewusst für einen Knochen!

GESPRÄCH: MANFRED BAUER

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