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Europa lagert Umweltfolgen aus

Palmölplantagen
Palmölplantage in Südostasien. (Bild: Yusnizam/ iStock)

Ob Kosmetik, Biotreibstoff oder pflanzenbasierte Materialien – all diese Produkte benötigen pflanzliche Rohstoffe für ihre Herstellung. Und das ist das Problem. Denn rund 65 Prozent der in Europa für Non-Food-Produkte verwendeten pflanzlichen Rohstoffe stammen aus anderen Kontinenten, wie nun eine Studie aufdeckt. Unser Konsum fördert damit unter anderem die Abholzung von Regenwäldern in Asien und den Ressourcenverbrauch – selbst wenn „Bio“ draufsteht.

Eigentlich ist es ökologisch durchaus erstrebenswert: Statt Erdöl und andere fossile Ressourcen als Rohstoffe für Materialien, die Energieproduktion, Alltagsprodukte und Chemikalien zu nutzen, steigt man auf nachwachsende pflanzliche Rohstoffe um. Das verringert den Treibhausgas-Ausstoß und tut damit der Umwelt gut – so könnte man meinen.

Biobasierte Produkte mit Schattenseiten

Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn Soja, Palmöl, Mais und andere Pflanzenrohstoffe benötigen Anbauflächen, Wasser und Düngung – und stehen in Konkurrenz zu natürlichen Lebensräumen. So werden für Palmölplantagen vor allem in Asien große Regenwaldflächen abgeholzt, anderswo breiten sich Monokulturen von Mais oder Soja aus. „Es wachsen die Belege dafür, dass eine Ausweitung der industriellen Bioökonomie unter anderem direkte und indirekte Landnutzungs-Veränderungen bewirkt und so die Treibhausgas-Emissionen erhöht und die Wasserqualität und -quantität beeinträchtigt“, erklären Martin Bruckner von der Wirtschaftsuniversität Wien und seine Kollegen.

Was aber heißt dies für den Verbrauch pflanzlicher Rohstoffe in Europa? Wie groß ist der ökologische Fußabdruck unseres Konsums von pflanzenbasierten Non-Food-Produkten? Und wo kommen die dafür nötigen Rohstoffe her? Das haben Bruckner und sein Team nun mithilfe mehrerer Modelle untersucht. Sie nutzten ein globales Handelsmodell, um landwirtschaftliche Produkte entlang internationaler Handelsrouten zu verfolgen. In dieses integrierten sie ein globales ökonomisches Modell, um industrielle Wertschöpfungsketten abzubilden.

65 Prozent der Pflanzenrohstoffe kommen von woanders

Die Auswertungen ergaben: Im Schnitt verbraucht jeder Europäer 103 Kilogramm pflanzliche Rohstoffe pro Jahr allein für Nicht-Ernährungsprodukte. Denn schon jetzt stecken in vielen Kosmetika, in Treibstoffen oder Chemikalien Rohstoffe wie Palmöl, Soja oder Mais. Doch ein Großteil dieser Pflanzenmaterialien kommt nicht aus heimischem Anbau, sondern wird importiert, wie die Forscher ermittelten. Rund 65 Prozent der benötigten pflanzlichen Rohstoffe stammen von anderen Kontinenten – vielfach aus tropischen Regionen.

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Das bedeutet: Unser Konsum biobasierter Materialien und Objekte sorgt für erhöhten Landverbrauch anderswo. Den größten Flächenbedarf erzeugen wir dabei in Asien: Allein die von Europa benötigte Baumwolle nimmt 1,7 Millionen Hektar Anbaufläche vor allem in Indien, China und Pakistan ein. An Palmöl importiert die EU pro Jahr rund 6,4 Milliarden Liter – geerntet auf einer Fläche von rund 1,6 Millionen Hektar, wie die Forscher berichten. Für diese Palmölplantagen, die größtenteils in Indonesien und Malaysia liegen, wird meist ökologisch wertvoller Regenwald abgeholzt.

Zudem liefert Asien Kautschuk von rund 1,3 Millionen Hektar Anbaufläche und Kokosöl von 0,7 Millionen Hektar nach Europa. Weitere 1,2 Millionen Hektar der Ackerflächen Asiens werden für die Viehzucht zur Herstellung von Leder und Wolle für den Konsum in Europa genutzt.

Verlagerte Umweltfolgen

„Unsere Ergebnisse unterstreichen, dass der Non-Food-Sektor eine treibende Kraft im wachsenden Biomassebedarf darstellt“, konstatieren Bruckner und sein Team. „Doch die EU bezieht ihre Quellen für diese Non-Food-Rohstoffe zunehmend aus tropischen Gebieten. Wir sehen damit, dass einige umweltpolitische Maßnahmen eher Probleme verlagern, als sie zu lösen.“ So könnte das Verbot von Einwegplastik die Nachfrage nach Biokunststoffen anheizen – und damit noch mehr Flächenbedarf für die dafür nötigen pflanzlichen Rohstoffe erzeugen.

Das Problem jedoch: Innerhalb Europas wird schon ein Großteil der Ackerflächen für die Nahrungsmittelproduktion benötigt. Zudem sind viele heimische Pflanzen weniger gut als Rohstoffe geeignet. Ein Beispiel ist die Nutzung von Rapsöl statt Palmöl: „Für die gleiche Menge an Öl bräuchten wir in Europa dreimal so viel Fläche, die Folge wären erhöhte Treibhausgasemissionen und Biodiversitätsverluste“, erklärt Bruckner. Seiner Ansicht nach bleibt da nur eine Lösung: „Nur durch eine starke Reduktion unseres Konsums können die Ökosysteme unseres Planeten effektiv geschützt werden“, betont der Forscher.

Quelle: Wirtschaftsuniversität Wien, Fachartikel: Environmental Research Letters, doi: 10.1088/1748-9326/ab07f5

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