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Umwelt+Natur

Europas Wälder werden löchrig

Waldlücke
Kahle Waldstellen durch Borkenkäferbefall in der Sächsischen Schweiz. (Bild: Cornelius Senf / TUM)

Lücken im Kronendach: Mehr als 36 Millionen Waldflächen in Europa haben keine geschlossene Vegetationsdecke mehr, sondern sind von Freiflächen durchbrochen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsteam, das mit Hilfe von über 30.000 Satellitenbildern die erste hochaufgelöste Karte von Kronendachöffnungen erstellt hat. Zu den Ursachen des Rückgangs der Wälder zählen Eingriffe durch die Forstwirtschaft, aber auch Ereignisse wie Stürme, Waldbrände oder Schädlingsbefall.

In Europa bedecken Wälder etwa 33 Prozent der gesamten Landfläche. Sie spielen eine wichtige Rolle für die Natur, aber auch für uns Menschen. Denn das Ökosystem Wald übernimmt lebenswichtige Aufgaben: Die Bäume binden nicht nur das Kohlendioxid aus der Atmosphäre, sondern sind auch Teil des Wasserkreislaufs und schützen den Boden vor Erosion. Das Problem: Die steigende Nachfrage nach Holz, eine erhöhte Landnutzung und der Klimawandel setzen den Wäldern stark zu.

Immer mehr kahle Stellen im Wald

Um der Frage auf den Grund zu gehen, wie sehr sich das Waldvorkommen Europas im Laufe der letzten drei Jahrzehnte verändert hat, haben Cornelius Senf von der Technischen Universität München (TUM) und seine Kollegen mehr als 30.000 Satellitenbilder aus dem Zeitraum von 1986 bis 2016 analysiert. Dabei betrachteten sie die räumliche Variation, die Häufigkeiten und die Schweregrade der Waldschäden, die sich anhand der Lücken der Kronendächer erkennen lassen. Durch die Analyse gelang den Forschern erstmals, eine hochaufgelöste Karte des Kronendachs der europäischen Wälder zu erstellen.

Kronendachkarte
Karte aller Kronendachöffnungen in Europa. (Bild: Cornelius Senf / TUM)

Die neue Karte zeigt, dass die Lücken in der Vegetationsdecke in ganz Europa stark zugenommen haben. Von den insgesamt 210 Millionen Hektar Waldgebieten sind über 36 Millionen Flächen von Freiflächen oder Beständen sehr junger Bäume durchbrochen. Dies entspricht einem Verlust des Kronendaches von 17 Prozent innerhalb der vergangenen 30 Jahre, wie die Wissenschaftler berichten. Die Größe der Waldlöcher ist allerdings sehr unterschiedlich. So hat zum Beispiel Schweden mit durchschnittlich knapp zwei Hektar Fläche die größten Lücken im Kronendach, die im Schnitt kleinsten Freiflächen haben die Wälder in der Schweiz. Die Kronenlücken sind dort mit gerade einmal 0,6 Hektar kleiner als ein Fußballfeld. In Deutschland lag die durchschnittliche Flächengröße bei 0,7 Hektar, in Italien bei 0,75 Hektar. Die größte von den Forschern dokumentierte Öffnung im Kronendach liegt in Spanien, während die Wälder in Portugal die höchste Anzahl an Lücken aufweisen.

Kombination aus natürlichen und anthropogenen Ursachen

Die neu erstellte Kronendach-Karte zeigt aber nicht nur, wie viel Waldfläche verloren gegangen ist: Sie ermöglicht es auch, die Ursachen der Veränderungen zu erkennen. Wie die Daten belegen, ist die Häufigkeit der Schäden in über 70 Prozent der Waldbestände mit den Jahren konstant angestiegen. Der Schweregrad der jeweiligen Zerstörung nahm hingegen vielerorts ab. „Aber selbst, wenn einzelne Lücken noch klein sind, können mehrere von ihnen im Laufe der Zeit durch weitere Störungen zu größeren Freiflächen heranwachsen“, erklären die Forscher.

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Insgesamt sehen sie den Grund für die Zunahme der Kronendach-Lücken in einer Kombination aus natürlichen Ursachen und zunehmenden Eingriffen durch die Fortwirtschaft. Letztere hat sich in vielen Länder intensiviert, weil die Nachfrage nach Holz in den letzten Jahren stetig zugenommen hat. Zu den natürlichen Ursachen gehören Sturmschäden, Trockenheit und Waldbrände- beispielsweise verbrannte ein Feuer im Jahr 2012 in Spanien ganze 17.000 Hektar Wald auf einmal. Zusätzlich breiten sich Schädlinge wie Borkenkäfer immer weiter aus und befallen großflächig Baumbestände, die von anhaltenden Hitzeperioden bereits geschwächt sind.

Auf den Klimawandel vorbereiten

Den Wissenschaftlern zufolge können die gewonnen Erkenntnisse auch Chancen für den künftigen Umgang mit den Waldlandschaften Europas eröffnen. Denn die Karte zeigt, „wo Wälder gegebenenfalls Gefahr laufen, irreversibel geschädigt zu werden“, so Senf. Das kann dabei helfen, in Zukunft gezielter Schutzmaßnahmen gegen Borkenkäfer, Waldbrände oder Stürme zu treffen. Auch zur Anpassung der Wälder an den Klimawandel kann die Karte beitragen.

„Die neuen Karten helfen uns zu verstehen, wie sich Europas Wälder wandeln. Denn zunehmende Öffnungen im Kronendach sind ein Risiko für den Wald, bieten aber auch die Chance, dass sich eine neue, besser an den Klimawandel angepasste Baumgeneration etablieren kann“, erklärt Seidl. „Die Karten können zum Beispiel helfen, Flächen zu identifizieren, wo durch gezieltes Pflanzen die Regeneration gefördert werden muss oder wo der Wald sich selbst verjüngen kann.“ Für eine Erholung brauche es meist nur ausreichend Samenmaterial auf den zerstörten Flächen. „Somit kann der Wald für den Klimawandel fit gemacht werden, eine Aufgabe, die gerade in den vergangenen zwei Jahren an Dringlichkeit gewonnen hat.“

Quelle: TU München; Fachartikel: Nature Sustainability, doi: 10.1038/s41893-020-00609-y

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