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Exotische Stechmücken erobern den Norden

Aedes albopictus
Die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) kann beim Stich krankmachende Viren übertragen. (Bild: CDC/ James Gathany) Photo by James Gathany Centers for Disease Control

In den nächsten 30 Jahren könnten einige Tropenkrankheiten auch bei uns häufiger werden. Denn die Stechmücken, die viele krankmachende Viren übertragen, breiten sich zügig nach Norden aus, wie Forscher ermittelt haben. So bewegt sich die Gelbfiebermücke Aedes aegypti zurzeit mit rund 250 Kilometer pro Jahr in den USA nach Norden. In Europa expandiert dagegen vor allem die Asiatische Tigermücke Aedes albopictus. Sie dringt zurzeit mit 150 Kilometern pro Jahr Richtung Mitteleuropa vor und könnte schon in 30 Jahren fast flächendeckend in Frankreich und Deutschland verbreitet sein. Triebkraft dieser Ausbreitung sind der Klimawandel, aber auch die menschliche Mobilität.

Bisher gibt es in Europa kaum Tropenkrankheiten, viele dieser meist von Mücken übertragenen Virusinfektionen kommen bei uns nicht vor – noch nicht. Das liegt vor allem daran, dass die häufigsten Überträger von Dengue, Gelbfieber, Chikungunya oder dem Zika-Virus bisher bei uns nicht heimisch waren – die Stechmücken der Gattung Aedes. „Die Übertragung dieser Viren hängt mit wenigen Ausnahmen von der Präsenz der Gelbfiebermücke Aedes aegypti und der Asiatischen Tigermücke Aedes albopictus ab“, erklären Moritz Kraemer von der University of Oxford und seine Kollegen. Weil diese Spezies ursprünglich aus wärmeren, tropischen Gefilden stammen, konnten sie sich bisher im kühleren Europa nicht halten. Doch mit dem Klimawandel werden auch bei uns die Winter milder und die Sommer heißer. Schon länger prognostizieren Epidemiologen deshalb, dass sich diese krankheitsübertragenden Mückenarten künftig weiter nach Norden ausbreiten werden.

Gelbfiebermücken kommen bis nach Chicago

Wie weit Aedes aegypti und Aedes albopictus nach Europa und Nordamerika vordringen werden und wie schnell diese Ausbreitung passieren könnte, haben nun Kraemer und sein Team näher untersucht. Dafür werteten sie zunächst Daten zu Funden der beiden Mückenarten in Europa und den USA der letzten 32 bis 39 Jahre aus. Dann nutzen sie Klimaprognosen sowie Daten zur menschlichen Bevölkerungsentwicklung und Mobilität, um die künftige Ausbreitung dieser Spezies bis zum Jahr 2020, 2050 und 2080 zu ermitteln. „Frühere Prognosen zur Ausbreitung dieser beide Arten haben sich allein auf das Klima konzentriert – trotz der bekannten Bedeutung der Urbanisierung und andere sozioökonomischer Faktoren für ein geeignetes Habitat dieser Mücken“, sagen die Forscher. Doch heute wisse man, dass die Expansion dieser Spezies komplexer sei, deshalb habe man nun diese Faktoren mit berücksichtigt.

Mithilfe ihrer Daten konnten die Wissenschaftler ermitteln, wie schnell sich die beiden Mückenarten nordwärts ausbreiten. „Dabei haben wir überraschende Unterschiede zwischen beiden Spezies festgestellt“, sagt Kraemer. So wird Aedes aegypti offenbar häufiger über große Distanzen hinweg eingeschleppt und bildet dann lokale Vorkommen. In den USA hat sich Aedes aegypti dadurch bisher um 250 Kilometer pro Jahr weiter nach Norden ausgebreitet. „Für die Zukunft sagt unser Modell eine weitere Expansion vor allem durch Einschleppung in urbane Zentren voraus“, berichten die Forscher. Bis 2050 könnte diese Mückenart dadurch bis auf die Höhe von Chicago vordringen. In Europa dagegen wird diese Spezies trotz des Klimawandels kaum Fuß fassen können: „Selbst unter den extremsten Klimaszenarien wird Aedes aegypti bis 2080 nur in einigen isolierten Regionen Süditaliens und der Türkei vorkommen“, prognostizieren Kraemer und sein Team.

Tigermücken überwinden die Alpen

Anders aber sieht dies mit der Asiatischen Tigermücke aus. Weil diese weniger tropische Bedingungen benötigt, wird sie sich in Europa früher und weiter nach Norden ausbreiten. Tatsächlich gibt es schon jetzt einzelne Populationen dieser Mückenart in Süddeutschland, wie Funde von Eiern, Puppen und erwachsenen Exemplaren belegen. Nach Angaben von Kraemer und seinem Team liegt die Ausbreitungsrate von Aedes albopictus in Europa bei rund 100 Kilometern pro Jahr, in den letzten fünf Jahren ist das Tempo sogar auf 150 Kilometer pro Jahr gestiegen. „Noch wirken die Alpen als Barriere, die die Ausbreitungsrate bremst“, so die Forscher. „Doch wenn diese Barriere überwunden ist, werde die Ausbreitungsraten nördlich der Alpen ähnlich hoch sein wie schon jetzt in Italien.“ Den Prognosen nach wird sich diese Mückenart innerhalb der nächsten 30 Jahren über weite Teile Europas ausbreiten, darunter auch Frankreich und Deutschland.

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Insgesamt prognostizieren die Forscher, dass bis zum Jahr 2050 schon 49 Prozent der Weltbevölkerung in Gegenden leben werden, an denen diese Mückenarten etabliert sind – wenn der Klimawandel ungebremst weiter anhält. „Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel zu bremsen, dann werden in vielen städtischen Gebieten Hotspots für diese Mücken entstehen“, warnt Kraemer. Die dort lebenden Menschen haben dann ein erhöhtes Risiko, sich durch Mückenstiche mit Viruskrankheiten anzustecken.

Quelle: Moritz Kraemer (University of Oxford) et al., Nature Microbiology, doi: 10.1038/s41564-019-0376-y

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