„Fischchen“ in der Extrem-Wüste entdeckt - wissenschaft.de
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„Fischchen“ in der Extrem-Wüste entdeckt

Bis zu sieben Zentimeter lang können die skurrilen Verwandten unserer Silberfischchen werden. (Bild: Alvaro Zúñiga-Reinoso, Universität Köln)

Sie gilt als die trockenste Wüste der Welt – doch sogar in der chilenischen Atacama leben Insekten, berichten Forscher. Es handelt sich um Vertreter aus der Gruppe der Fischchen (Zygentoma), zu denen auch die berühmt-berüchtigten Silberfischchen gehören, die bei uns durch so manches Bad flitzen. Die nächsten Verwandten der deutlich größeren Atacama-Fischchen leben allerdings in den weit entfernten nordafrikanisch-arabischen Wüsten. Die gemeinsamen Vorfahren dieser Tiere könnten demnach schon auf dem Urkontinent Gondwana gelebt haben, sagen die Forscher.

Das Leben meistert bekanntlich auch extreme Herausforderungen – einige Tiere und Pflanzenarten überleben sogar in den kargen Wüstengebieten der Erde. „Ganz so lebensfeindlich sind viele dieser Regionen aber oft gar nicht“, sagt Reinhard Predel von der Universität Köln. „Die meisten Wüsten beherbergen eine hochspezialisierte Fauna, und manche sind sogar ziemlich artenreich.“ Doch es gibt auch besonders karge Wüsten unter den Wüsten: Kritisch wird es dort, wo überhaupt keine Pflanzen mehr leben können und der Wind auch kein organisches Material aus benachbarten Bereichen hereinweht. Dann können auch die raffiniertesten Wüstenspezialisten nicht überleben.

Existenz am Limit

Genau das nahm man bisher für das Kerngebiet der chilenischen Atacama-Wüste an. Nur Mikroorganismen wurden dort bisher im Boden nachgewiesen. Wegen ihrer extremen Trockenheit und extremen Sonneneinstrahlung dient die Atacama der NASA sogar als Modell für die Marsoberfläche. „Wir haben die Tiere daher eher unerwartet und zufällig entdeckt“, sagt Predel. Der Fund glückte ihm und seinem Kollegen Alvaro Zúñiga-Reinoso im Rahmen von Arbeiten des Forschungsprojekts „Earth – Evolution at the Dry Limit“, bei dem Wissenschaftler die langfristige Entwicklung von Landschaften bei extremer Trockenheit untersuchen.

Lange Fühler zeichnen die Atacama-Fischchen aus. (Bild: Alvaro Zúñiga-Reinoso, Universität Köln)

Wie die Forscher berichten, handelt es sich um Insekten aus der Gruppe der sogenannten Fischchen (Zygentoma). Ihre bekanntesten Vertreter sind die Silberfischchen (Lepisma saccharina). Diese etwa einen Zentimeter großen Flitzer sind für ihre Fähigkeit bekannt, von winzigen Nahrungspartikeln in unseren Bädern überleben zu können. Während diese „Haustierchen“ nur etwa einen Zentimeter groß werden, erreichen die Versionen aus der Atacama hingegen bis zu sieben Zentimeter Länge. Sie verfügen zudem über sehr lange Fühler und sind ausgesprochen agil, berichten die Wissenschaftler. Sie konnten bereits fünf unterschiedliche Arten nachweisen, die alle der Fischchen-Gruppe der Maindronia zuzuordnen sind.

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Geheimnisvolle Überlebenskünstler

Von dieser Gruppe waren bisher erst drei Arten aus Wüstenregionen bekannt: eine aus dem Sudan, eine von der arabischen Halbinsel und eine wurde bereits zuvor in Chile entdeckt. „Offensichtlich ist bisher keiner auf die Idee gekommen, tiefer in die Wüste zu laufen und dort zu suchen. Nachdem wir die ersten Tiere in der Atacama entdeckt hatten, gab es allerdings kein Halten mehr. Es sind scheinbar die Wüstentiere schlechthin“, sagt Predel. Bisher können die Forscher allerdings noch nichts über die physiologischen Anpassungen der fünf Fischchen-Arten an die extremen Bedingungen im Kerngebiet der Atacama sagen. Sie vermuten aber, dass die Tiere einen mit bloßem Auge unsichtbaren Biofilm aus Mikroorganismen ernten. Diesem Verdacht wollen sie nun genauer nachgehen und auch der Frage, warum die Tiere ein Fühler-System besitzen, das an Höhlentiere erinnert.

Klar scheint allerdings, dass ihre Anpassungen an die Extrembedingungen sehr weit zurückreichen. Da die Arten aus der Atacama den bekannten Maindronia aus arabischen Gebieten sehr ähneln, liegt nahe: Die Tiere könnten vor Jahrmillionen auf dem südlichen Großkontinent Gondwana schon genauso gelebt haben wie heute. Im Umkehrschluss könnte das bedeuten, dass es in Südamerika und im nordafrikanisch-arabischen Gebiet seit mehr als 100 Millionen Jahren immer irgendwo extrem trockene Lebensräume gegeben hat, die Maindronia-Arten das Überleben gesichert haben. „Solche lebenden Fossilien verraten uns also auch etwas über die Entwicklung unserer Erde“, sagt Predel abschließend.

Quelle: Universität Köln, Fachartikel: Global and Planetary Change, doi: 10.1016/j.gloplacha.2019.103007

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