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Flüsse und Seen verlieren ihre Riesen

Mit einem Gewicht von bis zu rund 130 Kilogramm ist der bizarre Alligatorhecht einer der größten Süßwasserfische Nordamerikas. (Bild: Zeb Hogan)

Ob Fisch, Säugetier oder Reptil – für die Bewohner der Binnengewässer gilt einer Studie zufolge: Die großen haben auch die größten Probleme. Demnach sind weltweit die Bestände vieler Süßwasser-Tierarten mit über 30 Kilogramm Gewicht von 1970 bis 2012 um 88 Prozent zurückgegangen. Der Verlust bei der Süßwasser-Megafauna ist damit doppelt so hoch wie bei den großen Meeres- oder Landwirbeltieren. Mehr Aufmerksamkeit für den Schutz der großen Bewohner der Seen und Flüsse ist somit angesagt, betonen die Forscher.

Es wirkt erstaunlich: Binnengewässer machen zwar nur etwa ein Prozent der Erdoberfläche aus, beherbergen aber ein Drittel aller Wirbeltierspezies der Erde. Es handelt sich somit um ausgesprochene Hotspots der Artenvielfalt. Leider sind ausgerechnet diese Lebensräume besonders intensiv vom Menschen bedroht. Umweltverschmutzung, Übernutzung und Denaturierung sorgen für ein rapides Artensterben und schwindende Bestände. Große Tierarten gelten in diesem Zusammenhang als besonders gefährdet. Ihre komplexen Lebensraumanforderungen und Fortpflanzungsstrategien sowie ihre teils lange Entwicklungsdauer machen sie oft speziell empfindlich.

Der sogenannten Süßwasser-Megafauna hat nun ein Forscherteam unter der Leitung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin (IGB) eine Studie gewidmet. Zu dieser Tiergruppe gehören alle Wirbeltierarten, die 30 Kilogramm oder mehr wiegen, wie zum Beispiel Flussdelfinarten, Biber, Krokodile, einige Schildkröten und die großen Fischarten. Im Rahmen ihrer Untersuchung haben die Wissenschaftler Bestandsdaten von 126 Süßwasser-Megafauna-Arten weltweit sowie historische und aktuelle geografische Verbreitungsdaten von 44 Arten in Europa und den USA zusammengetragen und ausgewertet. Der Untersuchungsrahmen umfasste dabei die Zeit von 1970 bis 2012.

Rückgang um 88 Prozent

„Die Ergebnisse sind erschreckend und bestätigen die Befürchtungen von Experten, die sich mit der Erforschung und dem Schutz von Süßwassertieren beschäftigen“, sagt Co-Autorin Sonja Jähnig. Im untersuchten Zeitraum sind die Bestände großer Süßwassertierarten demnach insgesamt um 88 Prozent zurückgegangen. Gerade in Europa war im Untersuchungszeitraum ein sehr intensiver Schwund zu verzeichnen, mahnen die Forscher. Wie sie berichten, sind besonders die großen Fischarten wie Störe, Lachsfische und Riesenwelse vom Rückgang betroffen. Sie führen mit 94 Prozent die Liste an, vor den Reptilien mit 72 Prozent Schwund.

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Zudem sind die Verbreitungsgebiete vieler großer Süßwasserbewohner weltweit stark geschrumpft, berichten die Wissenschaftler. Beispielsweise büßten 42 Prozent der Süßwasser-Megafauna-Arten Europas mehr als 40 Prozent ihrer einstigen Heimatbereiche ein. Ein besonders krasser Fall ist der Europäische Stör (Acipenser sturio): Sein Verbreitungsgebiet ist um 99 Prozent geschrumpft. Ihm wurde vor allem die Nachfrage nach Kaviar und die Verwendung von Störhaut für Luxusartikel und Medizinprodukte zum Verhängnis. „Der Rückgang von großen Fischarten wie dem Stör liegt auch an der zunehmenden Verbauung von Fließgewässern, durch die der Zugang zu Laich- und Futtergründen versperrt wird. Diesbezüglich gibt es leider auch keine guten Aussichten: Derzeit befinden sich weltweit 3700 große Staudammprojekte in Planung beziehungsweise im Bau, berichten die Wissenschaftler. „Mehr als 800 dieser Anlagen betreffen Gebiete mit besonders vielen Vertretern der Süßwasser-Megafauna, darunter die Amazonas-, Kongo-, Mekong und Ganges-Flusseinzugsgebiete“, sagt Co-Autor Fengzhi He vom IGB.

Erfolge und neue Projekte machen Hoffnung

Neben den bedrückenden Ergebnissen haben die Wissenschaftler aber auch Ermutigendes zu berichten: In Asien nimmt etwa der Bestand des bedrohten Irawadidelfins (Orcaella brevirostris) nun wieder zu. Und auch in den USA haben sich dank gezielter Schutzmaßnahmen die Bestände von 13 Süßwasser-Megafauna-Arten stabilisiert oder wachsen sogar wieder. Das gilt beispielsweise für den Grünen Stör (Acipenser medirostris) und den Amerikanischen Biber (Castor canadensis). Auch sein europäischer Cousin feierte in den letzten Jahren ein Comaback: Castor fiber hat sich in vielen Regionen wieder angesiedelt. Darüber hinaus sind weitere Projekte zum Schutz bestimmter Arten entstanden. In Deutschland engagiert sich das IGB beispielsweise dafür, die heimischen Störarten in ihren einstigen Verbreitungsbereichen erneut zu etablieren.

Den Wissenschaftlern zufolge benötigen die Süßwassertierarten allerdings noch deutlich mehr Aufmerksamkeit: „Laut der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN gilt über die Hälfte aller bewerteten Megafauna-Arten im Süßwasser als vom Aussterben bedroht. Dennoch erhalten diese Arten weniger Aufmerksamkeit von Forschung und Naturschutz als die Megafauna in terrestrischen oder marinen Ökosystemen“, mahnt Jähnig abschließend.

Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, Fachartikel: Global Change Biology, doi: 10.1111/gcb.14753

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