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Forscher: Traum- und Wachbewusstsein sind identisch

Warum wir träumen, ist noch immer ein großes Geheimnis. Aber auf die Frage, wie wir träumen, hat die Forschung einige wichtige Antworten gefunden. Dazu haben die Beobachtung des Gehirns Träumender mit bildgebenden Verfahren entscheidend beigetragen. Besondere Bedeutung hat die Einsicht, dass Traum- und Wachbewusstsein strukturell gleich sind, wie der Traumforscher Michael Schredl im Gespräch mit der Zeitschrift „Psychologie heute“ (Weinheim) sagte.

Der Traum ist demnach ein Erlebnis wie andere auch. Das bestätigt die allnächtliche Erfahrung, dass das Traumgeschehen als genau so wirklich wie das Leben im Wachen erlebt wird, auch wenn es noch so fantastisch, wirr, bar jeder Ratio und Logik anmutet. Die Identität von Traum-Ich und Wach-Ich bedeutet zudem, dass der Mensch aus Traumerlebnissen ebenso wie aus Wacherlebnissen etwas über sich und seine Welt lernen kann. Das ist für den im Schlaflabor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (Mannheim) arbeitenden Schredl eine wichtige Folgerung aus den neuen Erkenntnissen.

Wie Schredl im Gespräch mit der dpa formulierte, bieten Träume „die Möglichkeit, Erfahrung verschiedenster Art zu machen – Erfahrung, die die eigene Wacherfahrung erweitert. Man erlebt im Traum Dinge, die das eigene Wacherleben oder die eigene Wachpersönlichkeit erweitern – man hat mehr Freiraum.“

Entsprechende Erfahrungen haben schon früher speziell Schriftsteller geäußert. Der Traum erzieht uns, heißt es bei Novalis, und er zeigt uns an, was wir tun sollen, wie Friedrich Hebbel schrieb. Zwar hat ein Großteil der Träume mit den gegenwärtigen und alltäglichen Erfahrungen zu tun, doch darüber hinaus können Träume auch eine ferne eigene Vergangenheit und die Gegenwart miteinander verknüpfen.

Dies macht ebenfalls eine Sammlung von Selbstzeugnissen deutscher Dichter deutlich. Man kann sich im Traum als Kind erleben, aber auch „als ein hinter allen Metamorphosen (Verwandlungen) des Alterns unzerstörbares, außerraumzeitliches Wesen, als Persönlichkeitskern, den wir unwandelbar in uns bewahren“. Auch hier bietet sich die Möglichkeit, aus Träumen etwas über sich selbst zu erfahren und sich Wichtiges ins Bewusstsein zu rufen. Einerseits werden etwa Ängste in Träumen besonders deutlich, andererseits können Träume Verdrängtes in persönlichen Beziehungen aufzeigen.

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Neben der psychologischen Traumforschung verweist Schredl auf die beiden anderen großen Forschungsströmungen – nämlich erstens die tiefenpsychologische und zweitens die biologische. Beide haben ihre „Schwierigkeiten“: So sei bei der von Sigmund Freud begründeten Psychoanalyse unklar, ob sie über Fallstudien hinausgehende, verallgemeinerbare Ergebnisse bringt – unabhängig von ihrer klinisch- therapeutischen Praxis. Und auch Forscher der „Traumbiologie“ müssten erkennen, dass es mit der Traumfunktion nicht so einfach ist, wie viele dachten.

Diese biologische Schule erlebte mit der Entdeckung des so genannten REM-Schlafs 1953 einen jahrzehntelangen Boom. Sie hatte zunächst festgestellt, dass die von schnellen Augenbewegungen (rapid eye movements = rem) begleiteten Traumphasen vom Hirnstamm gesteuert werden, also einer Hirnregion, die viel mit der Regulation von Atmung und Körperwärme zu tun hat, aber nur wenig mit Geist und Bewusstsein. Der amerikanische Schlafforscher Allan Hobson verstand den Traum als Zufallsprodukt verschiedener Nervenaktionen.

Abgesehen davon, dass Menschen auch außerhalb der REM-Phasen träumen, weiß man inzwischen jedoch, dass der REM-Schlaf nicht die physiologische Basis des Träumens ist, wie der britische Neuropsychologe Marc Solms im Interview einer früheren Ausgabe von „Psychologie heute“ konstatierte. REM könne ein Mechanismus sein, der das Traumgeschehen auslöst – aber man könne auch ohne diesen Anstoß träumen. Solms schließt aus seinen Untersuchungsbefunden, dass Träume nicht von primitiven, sondern von höheren Gehirnzentren produziert werden. Solchen, die für Motive, Emotionen, Gedächtnis und Wahrnehmung zuständig sind.

Das psychologische Verständnis des Träumens bedeutet auch, dass Unterschiede zwischen den Träumen von Männern und denen von Frauen nicht eine biologische Grundlage haben. Sie müssen vielmehr als Ausdruck der jeweiligen Lebenswelt verstanden werden. Es existieren keine Geschlechtsunterschiede des Traums, sondern nur des Wachens, die sich dann allerdings im Traum widerspiegeln.

Rudolf Grimm (dpa)
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