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Umwelt+Natur

Fragmentierung trifft Tropenfauna stärker

Tropenwald
Tropenwald auf Borneo. (Bild: Matt Betts/ Oregon State University)

Unberührte Natur ist rar geworden: 70 Prozent der globalen Waldfläche liegt weniger als einen Kilometer vom nächsten Waldrand oder der nächsten Straße entfernt und die Fragmentierung der Lebensräume nimmt immer weiter zu. Jetzt haben Forscher herausgefunden, dass Tiere in den Tropen sechsmal sensibler auf die Störeffekte solcher Fragmentierungen reagieren als Tiere in unseren Breiten. Das hat erhebliche Bedeutung auch für den Artenschutz.

Ob durch Abholzung, Straßenbau oder das Ausweiten von Siedlungen: In vielen Regionen der Erde müssen die Wälder einer vom Menschen gestalteten und genutzten Landschaft weichen. Und selbst dort, wo der Wald erhalten bleibt, wird er zunehmend von Straßen oder Bahnlinien durchschnitten. Für die Fauna dieser Wälder bedeutet dies, dass ihr Lebensraum einerseits schrumpft und andererseits auch immer stärker durch Störungen geprägt wird.

Wie sensibel reagieren Waldtiere weltweit auf Störungen?

Das Problem dabei: Wie gravierend sich diese Fragmentierung des Lebensraums auf eine Tierart auswirkt und wie sensibel sie auf Störungen reagiert, ist extrem unterschiedlich. Einige Spezies tolerieren Störungen durch den Menschen oder Fahrzeuge, während andere sich aus solchen gestörten Waldgebieten zurückziehen und in Ermangelung eines ungestörten Rückzugsgebiets sogar komplett aussterben können. Das Wissen um diese Reaktionen ist jedoch wichtig, um beispielsweise Schutzgebiete zu planen: “Wie designen wir Wildreservate? Machen wir viele kleinere oder wenige große? Oder brauchen wir Korridore?”, fragt Erstautor Matthew Betts von der Oregon State University in Corvallis.

Um diese Fragen zu klären, haben Betts und seine Kollegen jetzt erstmals in globalem Maßstab untersucht, wie Waldbewohner auf die Fragmentierung ihres Lebensraums reagieren. Sie wollten dabei vor allem wissen, ob es übergeordnete, möglicherweise geografisch bedingte Tendenzen gibt. Für ihre Studie werteten sie Datensätze zur Fragmentierung von Waldstücken weltweit und zur Verbreitung von insgesamt 4489 Arten aus vier Großgruppen des Tierreichs aus – Arthropoden, Vögel, Reptilien und Amphibien sowie Säugetiere. Mithilfe eines Modells untersuchten sie, ob die verschiedenen Spezies zu den Vermeidern von gestörten Randbereichen gehörten und wie stark ihr Verbreitungsgebiet durch menschliche Aktivitäten gestört ist.

Mehr “Randvermeider” in ungestörten Tropenwäldern

Die Auswertung ergab: Die meisten Waldgebiete in den mittleren Breiten sind weit stärker durch Störungen geprägt als die ausgedehnten Wälder der Tropen – und dies spiegelt sich auch in der Sensibilität der in diesen Wäldern lebenden Tierarten wider. Denn wie Betts und sein Team feststellten, leben in den Regionen nahe am Äquator sechsmal mehr “Randvermeider” als in den gemäßigten Zonen. “Die Biodiversität nimmt zum Äquator hin stark zu, aber selbst wenn wir das berücksichtigen, sind dort weit mehr Arten sensibel für die Fragmentierung”, erklärt Betts. Sein Co-Autor Robert Ewers vom Imperial College London ergänzt: “Schon etwas so Einfaches wie der Bau einer Straße durch den Wald hat daher in den Tropen weit größere ökologische Auswirkungen als in den gemäßigten Breiten.”

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Was aber ist der Grund für diese größere Sensibilität der Tropenarten? Die Forscher führen dies auf eine Art Gewöhnungseffekt zurück: Weil die bei uns heimischen Waldbewohner es schon länger gewohnt sind, in kleineren, vom Menschen geprägten Waldstücken zu leben, haben sie sich im Laufe der Zeit an die Störungen angepasst. In den Tropen jedoch gibt es noch immer weite Waldgebiete, die weitgehend unberührt sind und in denen anthropogenen Störungen etwas völlig Neues darstellen. Gestützt wird diese Hypothese von den Daten: “Ein substanzieller Anteil von 51,3 Prozent der Waldarten aus wenig gestörten Regionen gehört zu den Randvermeidern”, berichten die Forscher. “In Regionen mit häufigen Störungen gehören nur 18,1 der waldlebenden Spezies dazu.”

Nach Ansicht der Wissenschaftler erklären ihre Ergebnisse auch, warum bisherigen Studien zur Auswirkung der Fragmentierung häufig zu abweichenden Ergebnissen kamen – der jetzt entdeckte geografische Effekt wurde nicht berücksichtigt. Konkrete Bedeutung haben die neuen Erkenntnisse aber vor allem für den Artenschutz und die Planung von Schutzgebieten: “Die Resultate erklären, warum Pläne, die an einem Ort funktionieren, an einem anderen fehlschlagen können”, sagt Ewers. “Jetzt haben wir mehr Einblicke darin, wie wir unsere Schutzpläne an die ökologische Geschichte des betreffenden Gebiets anpassen müssen.”

Quelle: Oregon State University, Imperial College London; Fachartikel: Science, doi: 10.1126/science.aax9387

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