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Galoppierende Fragmentierung der tropischen Wälder droht

Die Luftaufnahme zeigt Fragmente des Regenwaldes im Nordosten Brasiliens, umgeben von Zuckerrohrplantagen. (Foto: Mateus Dantas de Paula)
Keine gute Nachricht: Die Tropenwälder der Erde sind inzwischen so stark zerstückelt, dass sich ihr Zustand einem kritischen Punkt nähert. Ab diesem Punkt könnte die Zahl der Fragmente exponentiell ansteigen – was für die wertvollen Ökosysteme und ihren Artenreichtum fatal wäre.


Die Tropenwälder sind die „grüne Lunge“ unseres Planeten. Zudem sind sie wahre Hotspots der Artenvielfalt: Mehr als die Hälfte aller bekannten Spezies leben in den Regenwäldern Afrikas, Südamerikas und Asiens. Doch dieser Schatz der Natur ist immer stärker gefährdet. „In den letzten Jahrzehnten, haben Rodungen, die Zunahme der Landwirtschaft und das Wachstum von Siedlungen zu beispiellosen Verlusten tropischer Waldgebiete geführt“, sagen Franziska Taubert vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und ihre Kollegen.

Immer kleinere Stückchen

Doch neben dem Verschwinden ganzer Waldgebiete sind die Tropenwälder noch durch ein anderes Problem gefährdet: die Fragmentierung. Durch Straßen, Rodung von Teilstücken und den Siedlungsbau werden viele einst zusammenhängende Waldgebiete zerstückelt. Wie stark diese Fragmentierung der Tropenwälder inzwischen fortgeschritten ist, haben Taubert und ihre Kollegen nun mithilfe von hochaufgelösten Satellitendaten ermittelt.

Das Ergebnis: Insgesamt sind die Tropenwälder inzwischen in mehr als 130 Millionen Einzelstücke zerteilt. In allen untersuchten Tropenregionen stehen heute nur noch sehr wenige große ungestörte Waldgebiete vielen kleinen zerstückelten Waldflächen gegenüber. Rund zehn Prozent der Waldflächen sind dabei bereits kleiner als 10.000 Hektar, wie die Forscher ermittelten.

Zu wenig Platz zum Leben

Das Problem dabei: Sind tropische Wälder stark fragmentiert, hat das deutlich negative Auswirkungen auf das Ökosystem. Die Artenvielfalt in diesen Biodiversitäts-Hotspots leidet, weil zahlreiche seltene Tierarten auf großflächige und ungestörte Lebensräume angewiesen sind. So braucht der Jaguar beispielsweise etwa 10.000 Hektar zusammenhängende Waldfläche zum Überleben. Je kleiner ein Waldstück zudem ist, desto eher können Störeinflüsse wie Lärm, Klimaveränderungen oder Menschen bis in dessen Kern vordringen und so selbst Tiere mit kleinerem Revier stören.

Auch das Klima leidet unter der zunehmenden Zerstückelung der Wälder, wie die UFZ-Forscher bereits im Frühjahr letzten Jahres herausgefunden hatten: Demnach lässt die Zerschneidung einst zusammenhängender tropischer Waldgebiete die Kohlenstoff-Emissionen weltweit um ein Drittel ansteigen. Die Ursache dafür ist ebenfalls ein Randeffekt: Weil in den Randgebieten der Waldfragmente viele Bäume absterben, wird dort weniger Kohlenstoff gespeichert.

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Fragmentierung am kritischen Punkt

Doch es gibt noch eine Neuigkeit: Als die Forscher ihre Daten näher analysierten, stellten sie fest, dass sich das Muster der Fragmentierung auf allen drei Kontinenten erstaunlich stark ähnelte. „Überraschend ist das, weil sich die Landnutzung von Kontinent zu Kontinent durchaus unterscheidet“, sagt Taubert. Beispielsweise werden im Amazonas-Gebiet eher sehr große Waldflächen in Agrarland umgewandelt. In den Wäldern Südostasiens, etwa auf Borneo, werden dagegen oft nur wirtschaftlich interessante Baumarten dem Wald entnommen.

Auf der Suche nach Gründen wurden die UFZ-Modellierer in der Physik fündig. „Die Verteilung der Größen der Waldfragmente nimmt gemäß eines Potenzgesetzes ab, dessen Exponent bei allen drei Kontinenten ähnlich ist“, erklärt Tauberts Kollege Andreas Huth. Doch dieses Modell besagt auch, dass es einen kritischen Punkt gibt, ab dem dann eine Fragmentierung sprunghaft ansteigt. „Insbesondere nahe dem kritischen Punkt sind bereits bei relativ geringfügigen Rodungen dramatische Auswirkungen zu erwarten“, sagt Taubert.

Und diesem kritischen Punkt sind die meisten Tropenwaldgebiete schon jetzt bedrohlich nahe. Als die Forscher modellierten, wie sich die Waldfragmentierung bis zum Jahr 2050 entwickeln wird, zeigte sich Alarmierendes: Schreitet die Entwaldung in den mittel- und südamerikanischen Tropen so wie bisher voran, nimmt die Anzahl der Waldfragmente um das 33-fache zu und die durchschnittliche Größe der Waldstücke verringert sich von 17 auf nur noch 0,25 Hektar.

Verhindern ließe sich dies nur noch, wenn man die Entwaldung stoppt und mehr Flächen aufforsten als rodet – ein erstrebenswertes, aber wohl eher unwahrscheinliches Szenario.

Quelle: Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) , Fachartikel: Nature, doi: 10.1038/nature25508

© natur.de – Nadja Podbregar

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