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Gegenspieler: Alzheimer und Krebs

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Entartete Zellen einerseits, geringeres Alzheimerrisiko andererseits: Tumorerkrankungen und Demenz scheinen biologische Gegner zu sein. (Thinkstock)
Alzheimer ist eine typische Alterskrankheit. Und auch das Risiko für Krebs steigt in höherem Alter fast exponentiell an. Dass man aber von beiden Erkrankungen gleichzeitig heimgesucht wird, kommt ungewöhnlich selten vor – das hatten bereits mehrere Studien nahegelegt. Nun hat ein italienisches Forscherteam diesen eigenartigen Effekt erneut nachgewiesen – in der bis jetzt größten Untersuchung zum Thema. Warum die eine Krankheit offenbar das Risiko für die andere senkt, ist allerdings bisher unklar. Einige Ursachen konnte das Team nun jedoch ausschließen.

Für ihre aktuelle Untersuchung werteten die Wissenschaftler die Daten von insgesamt 204.468 Norditalienern aus, die 60 Jahre oder älter waren. Der Studienzeitraum betrug knapp zehn Jahre. In dieser Zeit entwickelten 21.451 Probanden laut einem Krebsregister der Region eine Krebserkrankung, während bei 2.832 Teilnehmern Alzheimer diagnostiziert wurde. Lediglich 161 hatten beides – eine Zahl, die viel geringer war, als rein statistisch zu erwarten gewesen wäre, erläutert Studienleiter Massimo Musicco vom Santa-Lucia-Krankenhaus in Rom. Eigentlich hätten in der Alzheimer-Gruppe nämlich 281 Krebsfälle und in der Krebsgruppe 246 Alzheimerfälle auftreten müssen, berechneten er und seine Kollegen.

Weniger Krebs bei Demenz, seltener Alzheimer bei Krebs

Damit war das Krebsrisiko für Alzheimerpatienten tatsächlich nur gut halb so groß wie in der Durchschnittsbevölkerung. Umgekehrt trat Alzheimer bei den Krebspatienten um 35 Prozent seltener auf. Das galt übrigens für alle der zehn häufigsten Krebsarten, wobei einige in der Studiengruppe allerdings so selten waren, dass die statistische Absicherung etwas wackelig gewesen sei, kommentieren die Forscher. Am stärksten ausgeprägt war der Schutzeffekt für Probanden jenseits der 70, am wenigsten bei denen, die gerade 60 geworden waren.

Auch frühere Studien waren schon zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Laut Musicco und seinen Kollegen hat die neue Erhebung jedoch einige Stärken, die offene Fragen aus den anderen Untersuchungen beseitigten. Da ist zunächst ihre Größe: Nicht einmal in der berühmten Framingham-Studie, die die bisher belastbarsten Ergebnisse zu diesem Thema lieferte, waren so viele Senioren erfasst wie in der aktuellen Erhebung.

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Offene Fragen geklärt

Ebenfalls entscheidend: Die Forscher berücksichtigten sowohl einen Zeitraum vor der Diagnose der Krankheiten als auch den danach. Das sei deswegen wichtig, weil es immer wieder den Verdacht gegeben habe, die geringeren Fallzahlen gingen auf übersehene oder falsch gedeutete Symptome zurück, erläutert Musicco. So würden beispielsweise Erinnerungsprobleme bei einem Krebspatienten eher als eine Folge der Krankheit oder der Behandlung interpretiert – die wirkliche Diagnose „Alzheimer“ werde in diesen Fällen meist gar nicht gestellt. Da sich das Risiko für die jeweils andere Krankheit vor und nach der Diagnose jedoch nicht unterschied, können die Wissenschaftler einen solchen Effekt in ihrer Studie nun ausschließen.

Auch ein anderes häufiges Argument konnte das Team widerlegen: Die Betroffenen entwickelten nur deswegen die jeweils andere Krankheit seltener, weil sie schlicht vorher stürben. Musicco und seine Kollegen werteten daher die Daten der Probanden, die während der Studienzeit starben, noch einmal extra aus – und konnten keinen signifikanten Unterschied zu denen der Überlebenden feststellen. Allerdings müssen sie auch eine Schwäche ihrer Studie einräumen: Da sie ausschließlich mit bereits gesammelten Daten gearbeitet hätten, sei es nicht möglich gewesen, den Einfluss von Lebensstilfaktoren wie den Body-Mass-Index, den Alkohol- oder Zigarettenkonsum oder den Grad an körperlicher Bewegung einzurechnen. Auch andere Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Beschwerden fanden keine Berücksichtigung.

Steuerung des Zellselbstmordes aus dem Gleichgewicht

Die Forscher sind dennoch sicher, dass es den Effekt wirklich gibt und er nicht auf eine fehlerhafte Statistik zurückzuführen ist. Erklärt wird er meistens damit, dass Alzheimer und Krebs in gewisser Hinsicht zwei Seiten derselben Medaille sind: Bei Krebs reagieren die Körperzellen zu wenig auf Signale, die ihnen den Selbstmord befehlen, und wachsen ungebremst drauflos. Bei Alzheimer sind die Nervenzellen dagegen offenbar überempfindlich für solche Signale: Sie sterben ab, obwohl es keinen offensichtlichen Grund dafür gibt. Wer also ein gut funktionierendes Zell-Selbstmord-System in seinem genetischen Code beherbergt, wird seltener Tumoren entwickeln, aber anfälliger für Alzheimer und – ebenfalls bereits belegt – ähnliche Krankheiten wie Parkinson sein. Wer dagegen sehr robuste Zellen besitzt, neigt zwar weniger zu Alzheimer und Parkinson, hat aber eher entartete Zellen im Körper.

Wie genau dieses Gleichgewicht reguliert ist und was es beeinflusst, müsse nun dringend untersucht werden, betont Studienleiter Musicco. Denn sollte sich diese Wechselwirkung bestätigen, bestehe eine gewisse Gefahr beim Entwickeln von Medikamenten gegen Alzheimer oder Krebs – man dürfe schließlich das Gleichgewicht nicht in die andere Richtung kippen lassen und versehentlich das Risiko für die jeweils andere Krankheit erhöhen.

Quelle:

© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel
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