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Buchstäblich verhängnisvoll

Geisternetze im Visier

Verlorengegangene oder weggeworfene Netze sind die gefährlichste Art von Plastikmüll für Meerestiere. (Bild: richcarey/iStock)

Plastikverschmutzung der verhängnisvollen Art: Umweltschützer rücken die Bedrohung der marinen Tierwelt durch Geisternetze in den Fokus. In einem Report verdeutlicht der WWF das Ausmaß und die Ursachen des globalen Problems sowie Lösungsansätze. Der Umweltschutzorganisation zufolge ist es am ehesten erfolgversprechend, die Bergung der verlorengegangenen Netze zu einer staatlichen Aufgabe zu machen.

Von den Uferzonen bis in die entlegensten Bereiche der Ozeane – überall dümpeln Plastiküberreste in den Gewässern der Erde und es wird immer schlimmer. Die hässliche Signatur des Menschen besteht vor allem aus weggeworfenen Kunststoffteilen und so ist jeder Einzelne von uns gefragt, seine Müllerzeugung möglichst einzuschränken. Doch es gibt einen weiteren wichtigen Verursacher von Plastikverschmutzung in den Ozeanen: Mindestens ein Drittel der weltweiten Belastung geht auf den Fischfang zurück, berichtet der WWF in seinem Report. Unterm Strich ist die Fischerei für jährlich etwa eine Million Tonnen an zusätzlichen Plastikmaterialien in den Meeren verantwortlich. „Fischereimüll im Meer ist ein ebenso großes Problem wie Verpackungsmüll. Wir sehen ihn jedoch nicht, weil er meistens unter der Wasseroberfläche treibt oder auf dem Grund des Meeres liegt“, sagt Andrea Stolte vom WWF.

Für den Report hat die Naturschutzorganisation viele Daten zu dem globalen Problem zusammengetragen. Das Ausmaß wird besonders am Beispiel des Pazifischen Müllstrudels deutlich, berichtet die Naturschutzorganisation: Diese gewaltige Ansammlung von Plastikabfällen im Bann der Meeresströmungen besteht sogar fast zur Hälfte aus Tauen oder Angelschnüren und Teilen von Netzen. Und wie in anderen Meeresbereichen kommt ständig neues Material hinzu: Rund um den Erdball gehen jährlich ein Drittel aller Langleinen und Angelschnüre verloren und allein in den europäischen Meeren verschwinden jedes Jahr Netze, die aneinander geknüpft eine Länge von 1000 Kilometer erreichen würden, berichtet der WWF.

„Gespenstische“ Bedrohung

Das Fatale dabei ist: Netze sind dazu gemacht, Meerestiere einzufangen und diese Funktion erfüllen die schwer abbaubaren Gebilde auch noch für eine lange Zeit, wenn sie herrenlos durchs Wasser dümpeln. In den Geisternetzen verfangen sich Fische, Schildkröten, Meeressäuger und Vögel und gehen anschließend elendig zugrunde. Zudem können sich die Netze auch wie tödliche Decken über Riffe legen „Für die Meerestiere sind sie die gefährlichste Art von Plastikmüll. Sie können sich darin verheddern, sich Gliedmaßen abschnüren und qualvoll ersticken oder verhungern“, sagt Stolte.

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Doch wie lässt sich dem Problem entgegentreten? An den gesetzlichen Grundlagen fehlt es zumindest prinzipiell nicht: Auf internationaler Ebene ist die Entsorgung von Fischereigerät auf See sowohl über das UN-Seerechtsübereinkommen als auch durch das MARPOL-Abkommen verboten. Entsprechend sind Fischer eigentlich dazu verpflichtet, verlorene Netze selbst zu bergen beziehungsweise den Verlust den nationalen Behörden zu melden. Doch wie in anderen Fällen auch, zeigen Gesetze, deren Befolgung nicht kontrolliert wird, geringe Wirkung, betont der WWF. „Eine Kontrolle ist auf internationaler Ebene auf den Meeren kaum möglich, dafür fehlt es schlichtweg an Mitteln und politischem Willen“, sagt Jochen Lamp vom WWF. Bisher übernehmen in vielen Ländern deshalb Umweltschutzorganisationen das Bergen einiger Netze – finanziert durch Spendengelder.

Lösungsansatz: Staatlich organisierte Bergung

„Das Problem der Verschmutzung durch Geisternetze lässt sich deshalb nur lösen, wenn die einzelnen Küstenstaaten Verantwortlichkeit dafür übernehmen“, sagt Lamp. „Kontrolle, Bergung und Vorsorge müssen also staatliche Aufgabe beziehungsweise Ländersache werden. Es müssen dazu klare Verantwortlichkeiten bei den Behörden geschaffen werden, damit eindeutig ist, wer die Bergung vornehmen muss“. Auch sollten nicht nur bestimmte, sondern alle Netze geborgen werden, betont Lamp. „Zurzeit gilt das nur als nötig, wenn die Sicherheit von Seeschifffahrtsstraßen gefährdet ist. Die schädliche Wirkung auf die Umwelt bleibt dabei außen vor“.

Ein wichtiger Punkt ist dem WWF zufolge auch, die Melderate verlorener Netze zu erhöhen, indem man die Fischer absichert. Klar ist: Sie lassen die Netze meist nicht absichtlich im Meer zurück – die teuren Utensilien gehen oft durch widrige Umstände verloren. Eine Fischerei ganz ohne Netzverluste erscheint leider kaum möglich. „Solange die Fischer allerdings mit der Bergung alleingelassen werden oder zur Kasse gebeten werden, ist die Bereitschaft, ein verlorengegangenes Netz zu melden, gering“, sagt Lamp. Zumindest was den Kampf gegen die Geisternetze in Europa betrifft, schlägt der WWF deshalb vor, Mittel aus dem Europäischen Fischereifonds zur Finanzierung der Bergung zu nutzen und so die Meldequote zu erhöhen.

Letztendlich ist die Bekämpfung des globalen Problems im Interesse aller, hebt die Umweltschutzorgansation hervor. Denn neben der generellen Bedrohung für die marinen Ökosysteme und für besonders gefährdete Arten schaden die Geisternetze auch der Fischerei und damit einer wichtigen Nahrungsquelle der Menschheit: Dem Report zufolge haben 90 Prozent der Arten, die sich in ihnen verfangen, kommerziellen Wert. Vor dem Hintergrund der teils dramatischen Überfischung vieler Fischbestände erscheint dies besonders bitter. Ein entschlossenes Handeln ist nun angesagt, um die Ozeane vor der gespenstischen Gefahr zu bewahren, so das Fazit des WWF.

Quelle: WWF, Report „Stop Ghost Gear“

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