Gendefekt unterdrückt rassistische Vorurteile - wissenschaft.de
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Gendefekt unterdrückt rassistische Vorurteile

Erstmals ist bei einer speziellen Gruppe von Menschen die völlige Abwesenheit von rassistischen Vorurteilen festgestellt worden: Es sind Kinder, die an dem sogenannten Williams-Syndrom leiden. Ein Nebeneffekt dieser Erbkrankheit ist die Offenheit und Kontaktfreudigkeit der betroffenen Kinder, denen sogar gegenüber Fremden Misstrauen und Abneigung oft völlig fehlen. Die Experimente deutscher Forscher zeigen nun, dass sie auch gegenüber Menschen anderer Hautfarbe vollständig vorurteilslos sind, wohingegen normalerweise Kinder „fremdeln“. Die Ergebnisse sind in ihrer Deutlichkeit erstaunlich, zumal die Williams-Syndrom-Patienten andere klischeehafte Wertungen wie geschlechtsspezifische Rollenverteilungen durchaus nachvollzogen.

Die Zuschreibung bestimmter Merkmale zu einem Menschen aufgrund von Hautfarbe, Religion oder Geschlecht ist allgegenwärtig. So zeigen auch dreijährige Kinder Misstrauen gegenüber Menschen aus fremden ethnischen Gruppen und bevorzugen Mitglieder der eigenen Gruppe. Dies gilt nicht für Kinder mit Williams-Syndrom, wie die Wissenschaftler nun gezeigt haben. Die Ursache dieser Krankheit ist das Fehlen von 26 Genen auf einem bestimmten Chromosom. Die Patienten haben eine veränderte Kopfform, das sogenannte Elfengesicht, und leiden unter Ess- und Hörstörungen sowie Infektionen und kognitiver Behinderung. Eine Besonderheit ist, dass die Erkrankten oft auch sehr kontaktfreudig sind und offen auf fremde Menschen zugehen: Ihnen fehlt die bei vielen Kinder typische Schüchternheit oder Angst in neuen gesellschaftlichen Situationen.

Ihre Experimente führten die Forscher mit 20 hellhäutigen sieben- bis sechzehnjährigen Kindern mit Williams-Syndrom durch. Diesen präsentierten sie Bilder mit jeweils zwei Personen ? eine mit dunkler, die andere mit heller Haut. Dazu wurde in einer Geschichte eine Person beschrieben: Entweder mit negativen Eigenschaften wie hässlich, dumm oder böse, oder mit positiven Eigenschaften wie schön, intelligent und nett. Die Probanden mussten dann die Geschichte einer der gezeigten Personen zuordnen. Die gleiche Aufgabe wurde einer Kontrollgruppe aus gesunden Kindern gestellt.

Die Kinder mit Williams-Syndrom verteilten dabei gute und schlechte Charaktereigenschaften gleich oft auf die zwei abgebildeten Personen, während ihre gleichaltrigen gesunden Altersgenossen die deutliche Tendenz zeigten, Personen mit heller Hautfarbe bessere Eigenschaften zuzuschreiben. Diese Abwesenheit von Vorurteilen erstreckte sich aber nicht auf die Geschlechterrollen: Wie auch die gesunden Kinder wiesen die Kranken mit dem Gendefekt männlichen und weiblichen Personen die jeweils typischen Klischees zu. „Wir vermuteten zwar, dass Kinder mit Williams-Syndrom weniger deutliche Vorlieben für Menschen der eigenen ethnischen Gruppe zeigen würden“, erklärt Meyer-Lindenberg. „Das völlige Fehlen von Vorurteilen gegenüber Personen mit anderer Hautfarbe ist aber erstaunlich.“ Mit einem besseren Verständnis der dafür verantwortlichen Gehirnprozesse hoffen die Forscher, Ansätze zu finden, um rassistischen Vorbehalten begegnen zu können: Kontaktfreudiges Verhalten sei ein Mittel gegen rassistische Vorurteile.

Andreas Meyer-Lindenberg (Zentralinstitut für Seelische Gesundheit) et al.: Current Biology, Bd. 20, Nr. 7 wissenschaft.de ? Thomas Neuenschwander
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