Gene, Hormone oder große Brüder: Homosexualität ist ganz natürlich – Doch was genau die sexuelle Orientierung prägt, ist noch immer unklar - wissenschaft.de
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Gene, Hormone oder große Brüder: Homosexualität ist ganz natürlich – Doch was genau die sexuelle Orientierung prägt, ist noch immer unklar

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Warum sind Menschen homosexuell und andere heterosexuell? Auf der Suche nach Antworten auf diese Frage haben Wissenschaftler heute verschiedene Fragmente in der Hand. Gefestigt sind mittlerweile einzelne Erkenntnisse wie: Je mehr ältere Brüder ein Mann hat, desto wahrscheinlicher ist, dass er homosexuelle Beziehungen bevorzugt. Bei Frauen besteht dagegen kein vergleichbarer Zusammenhang zur Zahl älterer Schwestern. Lesbische Frauen haben jedoch im Schnitt höhere Werte an männlichen Hormonen im Blut. Insgesamt tragen sowohl biologische als auch psychosoziale Faktoren dazu bei, welche sexuelle Orientierung ein Mensch annimmt.

Homosexualität unter Menschen gibt es, seit es Menschen gibt. Drei bis fünf Prozent der Männer bevorzugen Beziehungen unter ihresgleichen. Zwei bis drei Prozent der Frauen lieben ausschließlich Frauen. Auch gibt es Homosexualität im Tierreich, unter Affen, Flamingos und Delfinen, um nur einige zu nennen. Warum die gleichgeschlechtliche Liebe in der Natur ihren festen Platz hat, wenngleich aus ihr niemals Nachwuchs entstehen kann, versuchen Forscher seit geraumer Zeit zu enträtseln. Eine Reihe einzelner Bausteine konnten sie bislang aufdecken.

Erhärtet hat sich beispielsweise der Befund: Mit der Zahl älterer Brüder nimmt für einen Mann die Wahrscheinlichkeit zu, schwul zu sein. Sie steigt um etwa 33 Prozent mit jedem älteren Bruder. Das hat die Auswertung umfangreicher Daten ergeben. „Dennoch bedeutet dies keineswegs, dass ein Mann mit zehn älteren Brüdern zwangsläufig homosexuell ist. Es ist nur ein statistischer Zusammenhang und nur ein Baustein unter sehr vielen“, warnt Hartmut Bosinski, Professor für Sexualmedizin an der Universität Kiel, im Gespräch mit ddp.

Eine Erklärung für das Phänomen der älteren Brüder steht bislang aus. Einige Forscher vermuten, dass eine Immunreaktion der Mutter auf das ungeborene Baby im Leib der Grund sein könnte. Eine solche Reaktion auf das männliche Y-Chromosom konnte tatsächlich nachgewiesen werden. Sie nimmt mit jedem weiteren Jungen im Bauch zu. Ob diese Reaktion jedoch dessen sexuelle Orientierung mit prägt, ist bislang unklar.

Dass jedoch überhaupt in einer so frühen Phase des Menschen, nämlich in der Schwangerschaft, die Sexualität beeinflusst werden kann, belegen andere Beobachtungen: Rauchen und besonderer Stress während der Schwangerschaft gehen mit einer leicht erhöhten Rate an Homosexualität bei Männern einher. Dies förderte eine Studie an 15.000 Männern zu Tage.

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Homosexualität unter Frauen ist dagegen weit weniger untersucht. Fest steht, dass sich keine Verbindung zwischen der Zahl der Geschwister und der sexuellen Orientierung findet. Jedoch scheint das Gleichgewicht der verschiedenen Hormone im weiblichen Körper eine Rolle zu spielen. So ist bei lesbischen Frauen häufig der Gehalt an männlichen Hormonen, den Androgenen, im Blut erhöht, wie jüngst die britische Ärztin Rina Agrawal von der Londoner Frauenklinik zeigen konnte. Auch scheinen Frauen häufiger bi- oder homosexuell zu sein, wenn sie im Mutterleib mehr Androgenen ausgesetzt waren.

„Bei homosexuellen Männern wurde dagegen bislang keine ungewöhnlichen Hormonwerte gemessen“, erläutert Ray Blanchard von der Universität in Toronto. „Der Ursprung der Homosexualität bei Mann und Frau ist also gänzlich verschieden.“

Neben hormonellen Einflüssen suchten Forscher lange Zeit nach einem Gen für Homosexualität. Ein einzelnes Gen ist dafür jedoch nicht auszumachen. Allerdings lassen mehrere Untersuchungen an Zwillingen auf eine erbliche Komponente schließen: Bei eineiigen Zwillingen stimmt in etwa der Hälfte der Fälle die sexuelle Orientierung überein. Ist ein eineiiger Zwilling homosexuell, so ist der zweite mit etwa 50 Prozent Wahrscheinlichkeit auch homosexuell. Bei zweieiigen Zwillingen liegt diese Übereinstimmung nur bei 15 Prozent.

„Die Tatsache, dass eineiige Zwillinge aber nicht zu 100 Prozent in diesem Merkmal übereinstimmen, zeigt schon, dass neben genetischen noch andere Faktoren eine Rolle spielen müssen“, führt Bosinski aus. Das können sowohl biologische als auch psychosoziale Einflüsse sein, die entweder schon im Mutterleib oder aber im Laufe des Lebens wirken. Welche Einflüsse dies im Einzelnen sind, liegt nach wie vor weitgehend im Dunklen.

Einige Ergebnisse werfen sogar neue Fragen auf, wie etwa das Phänomen der älteren Brüder. Ähnlich rätselhaft ist, dass die Gehirnstruktur von Hetero- und Homosexuellen mehreren Studien zu Folge verschieden zu sein scheint. Allerdings gibt es bei solchen Unterschieden immer einen fließenden Übergang. Eine scharfe Grenze zwischen Homo- und Heterosexualität lässt sich nicht ziehen.

„Eines ist trotz allem ganz sicher: Weder zur Hetero- noch zur Homosexualität wird man erzogen oder ‚verführt’,“ resümiert Bosinski. Es gibt Homosexualität im Tierreich, und niemand käme auf die Idee, dort Einflüsse der Erziehung zu vermuten. Es ist nicht völlig klar, worin in der Natur der Sinn von homosexuellen Beziehungen besteht. Klar aber ist, dass es ihn gibt.

Susanne Donner
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