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Umwelt+Natur

Genug Platz für Wölfe

Wolf
Wildlebender Wolf (Bild: Heiko Anders)

Seit gut 20 Jahren gibt es wieder Wölfe in Deutschland und ihre Zahl nimmt langsam zu. Doch wie viel Platz gibt es in unserem teils dichtbesiedelten Land noch für diese Raubtiere? Diese Frage haben nun Biologen untersucht. Ihre Studie zeigt: Noch sind längst nicht alle für Wölfe geeigneten Territorien in Deutschland besetzt. Denn der geeignete Lebensraum in unserm Land würde für 700 bis 1400 Wolfsterritorien reichen – bislang sind gerade einmal gut 150 solcher Gebiete belegt.

Der Wolf war in Deutschland einst weitverbreitet, wurde aber durch Jagd und Verlust seines Lebensraums fast ausgerottet. Erst ab Ende der 1990er Jahre wanderten wieder Wölfe aus den östlichen Nachbarländern ein und etablierten erste Rudel und Territorien. Im Jahr 2000 gab es dann den ersten „heimischen“ Wolfsnachwuchs. Seither ist der Bestand stetig gewachsen, im deutschlandweiten Monitoring 2018/2019 zählten Biologen 105 Wolfsrudel, 29 Paare und elf territoriale Einzelwölfe.

Genügend Beute und ausreichend Rückzugsraum

Doch wie stark kann sich der Wolf in Deutschland noch ausbreiten? Bisher konzentrieren sich die meisten Territorien der Tiere vor allem in einem Streifen, der von Ostsachsen bis an die Nordsee reicht. Allerdings gibt es auch erste Vorkommen in weiteren Bundesländern. Das wirft für Behörden, Landwirte und Kommunen in vielen Regionen die Frage auf, ob auch sie sich demnächst auf Wölfe als Nachbarn einstellen müssen. „Die meisten Übergriffe von Wölfen auf Weidetiere gibt es vor allem dort, wo Wölfe sich in neuen Territorien etablieren und die Schaf- und Ziegenhalter sich noch nicht auf deren Anwesenheit eingestellt haben“, erklären Stephanie Kramer-Schadt vom Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) und ihre Kollegen.

Umso wichtiger ist es, potenziell Betroffene rechtzeitig darüber zu informieren, ob ihre Region grundsätzlich als Wolfsgebiet in Frage kommt. Das haben die Wissenschaftler nun in einer Modellstudie untersucht. Dafür haben sie zunächst erfasst, welche Merkmale die bestehenden Wolfsterritorien besitzen und welche Anforderungen ein geeignete Habitat erfüllen muss. „Die Größe der Territorien hängt vor allem von der verfügbaren Nahrung ab“, erklären Kramer-Schadt und ihre Kollegen. „Ein Wolfsterritorium muss mindestens so groß sein, dass die Elterntiere jedes Jahr genug erbeuten können, um den Nachwuchs großzuziehen. In Mitteleuropa liegen die in Studien ermittelten Reviergrößen oft zwischen 100 und 350 Quadratkilometern, in Deutschland bei rund 200 Quadratkilometern.“

Noch reichlich Platz für neue Territorien

Im nächsten Schritt berücksichtigten die Forscher die Eigenschaften der geeigneten Lebensräume. So muss nicht nur genügend Nahrung vorhanden sein, sondern auch Schutz: Wichtig unter anderem für die Jungenaufzucht sind in jedem Territorium Rückzugsräume vor Menschen, speziell in der Kulturlandschaft“, erklären die Biologen. Eher ungeeignet seien daher Großstädte und Ballungsräume wie Berlin, Hamburg, Leipzig oder das größtenteils dicht besiedelte Nordrhein-Westfalen. „Gebiete mit einer sehr guten Eignung liegen unter anderem in den bayerischen Alpen, entlang der tschechischen Grenze, in den Mittelgebirgen sowie verstreut in Nordostdeutschland“, berichten Kramer-Schadt und ihre Kollegen.

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Aus diesen Faktoren errechneten die Biologen, dass es in Deutschland insgesamt zwischen 700 und 1400 potenziell als Wolfsterritorium geeignete Gebiete gibt. Das bedeutet, dass die bisher existierenden Bestände noch reichlich Platz haben, um sich zu vermehren und auszubreiten – wenn man sie lässt. „Die Ergebnisse der Studie zeigen zudem, dass in Deutschland grundsätzlich in allen Landschaften mit durchziehenden oder in Teilen mit territorialen Wölfen gerechnet werden muss“, sagen die Forscher. Sie betonen aber auch, dass ihre Resultate nicht heißen, dass es in Zukunft auch so viele Wolfsterritorien geben muss oder sollte. Die Studie zeigt nur, wo und an wie vielen Orten in Deutschland theoretisch Lebensraum für Wölfe existiert.

„Die Ergebnisse der vorliegenden Studie liefern den für das Wolfsmanagement zuständigen Behörden und Institutionen die notwendigen Informationen, um eine vorausschauende Anpassung ihrer Maßnahmen zu ermöglichen“, so Kramer-Schadt und ihre Kollegen. Ihrer Ansicht nach ist es sinnvoll, wenn sich auch die bislang noch nicht von Wölfen besiedelte Gebiete auf deren mögliche Ansiedlung vorbereiten.

Quelle: Forschungsverbund Berlin e.V., Studie: Habitatmodellierung und Abschätzung der potenziellen Anzahl von Wolfsterritorien in Deutschland (PDF).

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