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Geschichte der Zitrone enträtselt

Zitrone
Buddhas Hand – eine mehrfingrige Zitronensorte aus China (Foto: Mathulack Photography)

Zitronen gehören heute zu den wichtigsten Zitrusfrüchten und werden gerade im Mittelmeerraum viel angebaut. Doch wie diese Früchte einst in diese Region gelangten und domestiziert wurden, war bislang unklar. Jetzt enthüllen Genanalysen: Die Juden könnten die Zitrone mitgebracht haben, als sie aus dem babylonischen Exil ans Mittelmeer zurückkehrten. Denn bei ihrem Laubhüttenfest verwendeten sie schon in der Antike traditionell eine Zitronensorte, die dank einer Genmutation weniger sauer war – und erst die Einführung dieser Sorte in den Mittelmeerraum könnte den Siegeszug der Zitrusfrüchte angestoßen haben.

Zitrusgewächse sind eine komplexe Gruppe von Pflanzen, die in vielen Ländern als Nahrungsmittel, Aromaspender aber auch als Medizin eingesetzt werden. Sie gehören heute zu den ökonomisch wichtigsten Früchten überhaupt. Doch die Geschichte ihrer Domestikation und Ausbreitung ist bis heute nur in Teilen geklärt. Bekannt ist, dass die Zitrusfrüchte ursprünglich in Asien heimisch waren – in einem ausgedehnten Gebiet von Nordindien bis nach Südostasien. In China wurden Zitronenvarianten wie die „Hände Buddhas“ – eine längliche, mehrfingrige Zitronenvariante – schon vor mehr als 3000 Jahren kultiviert. „Zitronen wurden in China wegen ihrer medizinischen Eigenschaften gezüchtet – man nutzte ihre Rinde als Arzneimittel“, erklärt Seniorautorin Cathie Martin vom John Innes Centre im englischen Norwich.

Mutation verrät Geschichte

Doch wie und wann die Zitrusfrüchte in den Mittelmeerraum gelangten, ist unklar. Erste Nachweise der Früchte stammen aus der Antike. „Zur Zeit der Römer waren Zitronen im Mittelmeerraum schon ein Luxusgut, sie wurde wegen ihres Dufts verwendet, um Bettwäsche frisch zu halten“, erklärt Martin. Um mehr über die verworrene Geschichte der Zitronen zu erfahren, nutzten Martin, ihr Kollege Eugenio Butelli und ihr Team eine genetische Eigenheit der modernen Zitrusfrüchte: Sie besitzen eine Mutation, die sie um das rund Tausendfache weniger sauer macht – und erst dadurch ihre Beliebtheit sicherte. Mittels DNA-Analysen verschiedener Zitronen und Zitrus-Arten haben die Forscher nun zurückverfolgt, wo und wann diese Noemi getaufte Mutation erstmals auftrat.

„Einige Leute dachten, dass dies eine relativ neue Mutation ist, die in Korsika oder anderswo im Mittelmeerraum entstanden ist“, sagt Butelli. Doch die genetische Detektivarbeit des Forschers und seiner Kollegen zeigt etwas ganz Anderes: „Wir haben festgestellt, dass es eine alte Mutation ist, die schon in den mehrfingrigen ‚Buddhahand‘-Zitronen der alten Chinesen vorkam“, berichtet Butelli. Schon in der Herkunftsregion der Zitrusfrüchte gab es demnach weniger saure Früchte dieser Gruppe. Eine weitere Zitronensorte, in der die Wissenschaftler diese Mutation aufspürten, ist die sogenannte „Jemen-Zitrone“ – eine sehr alte kernlose Variante.

Mit dem jüdischen Volk ans Mittelmeer gekommen?

Das Interessante daran: Die Jemen-Zitrone spielte für das Volk der Juden eine wichtige rituelle Rolle, wie die Forscher erklären. Denn diese Frucht und ihre Blätter wurde schon seit rund 587 vor Christus beim Laubhüttenfest Sukkot verwendet. Als Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, aber auch als eine Art Erntedankfest, werden bei diesem mehrtägigen Fest Hütten aus Zweigen und Blättern errichtet. Vorgeschrieben sind dabei bestimmte Pflanzen, darunter auch eine „Etrog“ genannte Zitrone. Auf Basis ihrer neuen Gendaten vermuten Butelli und sein Team, dass Jemen-Zitronen und andere mutierte und daher süßere Varianten schon vor rund 2500 Jahren als „Etrog“ verwendet wurden. „Die Annahme wird gestützt durch die Erwähnung einer ’süßen Zitrone‘ um das Jahr 200 im Talmud“, sagen die Forscher.

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Nach Ansicht von Butelli und seinem Team könnten die Juden damit eine Schlüsselrolle für die Einführung der Zitronen in den Mittelmeerraum gespielt haben. Denn als sie nach ihrem Exil in Babylon wieder zurück in den Nahen Osten kamen, brachten sie von dort möglicherweise die ersten „süßen“ Zitronen mit und bauten sie an. „Die Präsenz der Mutation in den chinesischen mehrfingrigen Zitronen und in denen, die die Juden bei ihrem Sukkotfest verwendeten, beleuchtet so erstmals einen Domestikationsweg der Zitrone – der ersten Zitrusart, die im Mittelmeerraum kultiviert wurde“, konstatieren die Wissenschaftler.

Quelle: Eugenio Butelli (John Innes Centre, Norwich) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2018.11.040

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