Gesundheit in Pillenform? - wissenschaft.de
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Gesundheit in Pillenform?

Ernährungswissenschaftler warnen – Gesundheit in Pillenform ist ein Märchen. Vitaminpillen, Omega-3-Fettsäuren und andere Nahrungsergänzungsmittel werden maßlos überschätzt. Sie schützen nicht vor Krankheit und Alter, manche von ihnen sind sogar gefährlich. Die Weltgesundheitsorganisation warnt.

Ein Beispiel für häufig gezogene Rückschlüsse: – Eine fischreiche Ernährung schützt vor Herz-Kreislauf-Beschwerden und Schlaganfällen. Fische enthalten viele Omega-3-Fettsäuren. – Omega-3-Fettsäuren sind ein Bestandteil von Nervenzellen. Dann ziehen oder suggerieren die Anbieter folgenden Schluß: – Omega-3-Fettsäuren schützen vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sind gut fürs Gehirn.

Der Schluß klingt plausibel, und viele Kunden lassen sich überzeugen: In Japan werden die Fettsäuren als Gehirn-nahrung vermarktet, die Deutschen kaufen sie, um ihre Blutgefäße zu schützen. Die Umsätze stiegen 1997 um 14 Prozent, teilt das Institut für Medizinische Statistik (IMS) in Frankfurt mit. Die Fettsäuren aus dem Meer gehören zu den neuesten und erfolgreichsten Mitteln auf dem Markt der „Mikronährstoffe“.

Der Verkauf von Vitaminen, Mineralstoffen und anderen Ergänzungsstoffen boomt. In den USA, in denen das tägliche Pillenschlucken Teil der Lebenskultur ist, verdoppelte sich der jährliche Umsatz von 1990 bis 1996 auf 6,5 Milliarden Dollar. Die deutschen Konsumenten ziehen nach. Sie schlucken inzwischen jährlich Nahrungsergänzungs-Pillen im Wert von etwa zwei Milliarden Mark – so eine Untersuchung des IMS – und legen Jahr für Jahr noch rund zwei Prozent oder 40 Millionen Mark dazu.

Doch schon die einfachen Folgerungen aus der Fischdiät erwiesen sich als Fehlschluß. Daan Kromhout vom Nationalen Institut für öffentliche Gesundheit (RIVM) der Niederlande untersuchte alte Männer. Die Fragestellung: Was hält die Senioren länger geistig fit – eine fischreiche Ernährung oder Pillen mit Omega-3-Fettsäuren? Die Fische gewannen, die Pillen versagten. „Wir wissen bis heute nicht, warum Fisch einen so schützenden Effekt hat“, meint Kromhout. „Wir kennen die wirksamen Substanzen einfach noch nicht. Aber die Omega-3-Fettsäuren allein sind es nicht.“

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Antioxidantien gehören zu den beliebtesten Forschungsobjekten der Ernährungsforscher. Sie fanden heraus: Nicht nur Beta-Carotin und bestimmte Vitamine sind effektive Radikalfänger. Wo immer die Forscher in Pflanzen suchen, finden sie hochwirksame Antioxidantien: Lycopene in Tomaten, Resveratrol in Rotwein, Epigallocatechin-Gallat in grünem Tee, und sogar das altbekannte Koffein in Tee und Kaffee enthält überraschenderweise ein viel besseres Antioxidans als Vitamin C. Dazu kommen viele andere Wirkstoffe wie das entgiftende Sulforaphan in Kohl.

Pflanzen scheinen voll mit Substanzen zu sein, die gut für den Organismus sind. Entsprechend gut sind sie zur Krankheitsvorbeugung: Zwiebeln, Äpfel und Brokkoli mindern das Risiko, an Krebs zu erkranken, Knoblauch schützt das Herz und die Blutgefäße. Die Nahrungspflanzen enthalten Wirkstoffcocktails, von denen die Pharmaindustrie nur träumen kann.

Wenn man das gesamte Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln in den Regalen von Drogerien und Supermärkten kritisch durchsieht, bleiben nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) nur zwei sinnvolle Substanzen übrig:

– Jod: Deutschland ist aufgrund seiner Böden Jodmangelgebiet. Auch wenn Milch über das Mineralfutter für Kühe inzwischen relativ viel Jod enthält, genügt die Menge nicht. Mineralpillen muß man trotzdem nicht schlucken, um eine krankhafte Vergößerung seiner Schildrüse (den „Kropf“) zu vermeiden. Jodiertes Speisesalz und regelmäßig ein Seefisch wie Scholle oder Kabeljau auf dem Teller reichen völlig aus.

– Folsäure für Schwangere: Für sie reicht der Gehalt in der normalen Nahrung nicht aus. Folsäure schützt das ungeborene Kind nachweislich vor dem „offenen Rücken“, einer der häufigsten Mißbildungen bei Babys. Folsäure sollte aber als Einzelpräparat genommen werden und nicht als Multivitamintablette. Das darin oft enthaltene Vitamin A erhöht das Risiko zu Mißbildungen des Kindes. Das Risiko macht folgender Vergleich deutlich: Manche Vitamin-A-Präparate enthalten 30000 bis 50000 Internationale Einheiten (IE) Vitamin pro Kapsel, aber schon bei einer täglichen Aufnahme von 25000 IE durch die Mutter sind Mißbildungen des Kindes – vor allem an Ohren, Augen und Mund – nachgewiesen.

Alle anderen Präparate sollten nur bei bestimmten Krankheiten oder Mangelzuständen vom Arzt verschrieben werden. Ansonsten empfehlen die Wissenschaftler viel Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte. Diese Nahrungsmittel schützen wirklich vor Krebs oder Herzkreislauf-Erkrankungen. Abwechselnd mit Fisch und auch Fleisch gegessen, enthalten sie alle lebensnotwendigen Nährstoffe. Die Ernährungsforscher haben auch erfreuliche Nachrichten: In jedem Haushalt stehen Nahrungsmittel, die – maßvoll dosiert – das Leben verlängern können. Es nützt, wenn man zu seinen gesunden Speisen ein Glas Wein oder Bier trinkt und das Essen mit einem guten Kaffee abrundet. Früher taten viele Forscher Alkohol und Koffein als Teufelszeug ab.

Heute wissen sie die gehaltvollen Getränke zu schätzen. Mehrere große Untersuchungen haben bewiesen: Wer regelmäßig aber mäßig Bier, Wein oder Schnaps trinkt, lebt länger. Alkohol „verdünnt“ das Blut wie Aspirin, erhöht den Anteil an „gutem“ HDL-Cholesterin und beugt somit Gefäßerkrankungen vor. Und den Kaffee hat die Ernährungsforscherin Dr. Alessandra Tavani vom Pharmakologischen Forschungsinstitut Mario Negri in Mailand rehabilitiert. Wer vier Tassen Kaffee pro Tag trinkt, hat sie herausgefunden, bekommt nicht so leicht Dickdarmkrebs wie der konsequente Koffeinverächter.

===Thomas Willke
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