Gewalt, Inzest und Püschelpenis - wissenschaft.de
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Umwelt+Natur

Gewalt, Inzest und Püschelpenis

Insekten und Spinnen haben Sexualpraktiken entwickelt, die selbst Biologen erstaunen. Die Evolution treibt den Kampf der Geschlechter gnadenlos an.

Schlimmer kann man alle Tabus nicht brechen, als es die Adactylidium- Milben schon vor ihrer Geburt tun. Die Tiere leben als Parasiten in Thrips- und Käfer-Eiern. Ihre Jungen reifen jedoch nicht in Eiern heran, wie die meisten Gliederfüßer, sondern im Bauch der Mutter. Dort werden sie auch geschlechtsreif – und kommen sofort zur Sache: Die ungeborenen Männchen paaren sich mit ihren Schwestern. Damit haben sie ihre Aufgabe erfüllt und sterben. Nicht so die geschwängerten Töchter: Sie fressen ihre Mutter von innen heraus bei lebendigem Leib auf. Statt einer Geburt kriechen sie irgendwann aus einer Leichenhülle heraus – um bald darauf das gleiche Schicksal zu erleiden.

Kindersex, Inzest, Kannibalismus und Muttermord – die menschlichen Moralvorstellungen bleiben beim Sexualverhalten von Spinnentieren und Insekten außen vor. Die Gliederfüßer denken sich natürlich nichts dabei, sondern folgen ihren angeborenen Verhaltensprogrammen, die sich seit Generationen bewährt haben. Der Zweck auch des skurrilsten Sexualverhalten ist dabei immer derselbe. Es soll die eigenen Gene so erfolgreich wie möglich in die nächste Generation bringen.

Soweit haben Männchen und Weibchen das gleiche Ziel. Um es zu erreichen, verwenden sie allerdings ganz unterschiedliche Strategien, denn die beiden Geschlechter investieren verschieden viel in die Fortpflanzung:

• Weibchen stellen relativ große Eier her. Das kostet viel Energie, und die Zahl der produzierten Eier ist nicht beliebig. Weibchen setzen darum auf Qualität. Sie wollen ihre Eier von dem oder den besten und kräftigsten Männchen befruchten lassen.

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• Männchen produzieren dagegen kleine Spermien. Das verbraucht nur wenig Energie, und es lassen sich fast beliebig viele davon herstellen. Männchen setzen darum auf Quantität und versuchen, sich mit möglichst vielen Weibchen zu paaren.

Die Weibchen bieten also mit den Eiern ein kostbareres Gut an, und die Männchen entwickeln ausgeklügelte Tricks, um an sie heranzukommen. Das Problem ist: Viele Weibchen haben Schliche entdeckt, um trotzdem die letzte Wahl zu haben und viele Männchen haben Kniffe gefunden, um die Tricks ihrer Konkurrenten ins Leere laufen zu lassen. Die Folge ist ein evolutionäres Tauziehen der Geschlechter, das ständig weitergeht und sich zur Freude der Forscher im Labor live verfolgen lässt.

Wie entwickeln sich solche Strategien? Zunächst bei den Weibchen: Sie wollen vor allem „exzellente“ Männer, die hervorragendes Erbgut in die gemeinsame nächste Generation einbringen. Um das zu erreichen, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder suchen sie keusch, bis sie ihren „Prince Charming“ gefunden haben – oder sie paaren sich mit allen passablen Männchen, bewahren deren Sperma auf und entscheiden am Ende, wessen Samen sie zur Vermehrung verwenden wollen. Viele Gliedertierweibchen haben sich – evolutionär gesehen – für die letzte Lösung „entschieden“ und hierfür eine Kammer, eine „ Spermatheka“, entwickelt.

Diese weibliche List macht die Paarung für die Männchen zu einem Lotteriespiel. Aber natürlich „wollen“ sie, dass sich ihr Einsatz lohnt. Welche Möglichkeiten haben die Herren, um bessere Karten zu bekommen?

Die einfachste Strategie ist: Nach der Paarung beim Weibchen bleiben, bis es die Eier befruchtet hat, andere Männchen derweil vertreiben – oder gleich mit einem „Anker“ am Penis in ihm verharren und sich dabei durch die Gegend tragen lassen. Vor allem viele Käferarten nutzen diese hartnäckige Variante. Sie hat zwar öfter unangenehme Folgen, da es nicht einfach ist, sich auf dem glatten Panzer der Geliebten zu halten. Viele Männchen rutschen ab, und werden stundenlang auf dem Rücken liegend von den oft größeren Weibchen durch die Gegend geschleift. Außerdem hat diese Strategie den großen Nachteil, dass die Männchen, während sie herumgeschleppt werden, keine anderen Weibchen begatten können, ihnen also dadurch kostbare Zeit verloren geht.

Diverse Insektenarten haben stattdessen Tricks entwickelt, um das Angebot in der Spermatheka zu ihren Gunsten zu manipulieren:

• Manche Libellen besitzen an ihrem Penis aufblähbare Enden, so dass ihr Geschlechtsteil wie ein Stößel aussieht und funktioniert. Damit pressen sie das Sperma ihrer Vorgänger so tief in die Samentheke hinein, dass das Weibchen sie nicht mehr nutzen kann.

• Andere Libellen und Käfer wischen die Spermatheka mit ihrem Penis aus oder entfernen die gegnerischen Samenpakete mit Haken. Erst dann platzieren sie ihre Spermien hinein. Mehlkäfer haben einen Gegentrick entwickelt: Ihr Samen ist so klebrig, dass er am Penis des Auswischers haften bleibt. Bei jeder weiteren Paarung überträgt der von nun an auch das Sperma seines Konkurrenten – und die Weibchen bekommen Nachwuchs von Männchen, mit denen sie sich nie gepaart haben.

Einige Schmetterlings- und Mückenmännchen machen ihre Partnerinnen nach der Paarung hässlich: Sie beschmieren sie mit Chemikalien, durch die sie für andere Männchen unattraktiv werden. Da sich diese Insekten vor allem am Geruch orientieren, haben die Weibchen keine Chance, weitere Verehrer zu finden.

Noch rabiater agieren die bei Biologen als Versuchstiere geschätzten Taufliegen der Gattung Drosophila. Sie entfernen nicht nur fremdes Sperma, sondern starten zu einem chemischen Großangriff auf mehreren Fronten: Ihr giftiges Sperma tötet den Samen des Vorgängers, und ein „Sexpeptid“ schwächt die Libido des Weibchens, damit es nicht weiter auf Bräutigamschau geht.

Wie Eric Kubli, Reproduktionsbiologe an der Universität Zürich, vor Kurzem herausfand, beschleunigt der Wirkstoff außerdem die Eireifung. Das nutzt beiden Geschlechtern: Die Weibchen produzieren ihre Eier nur, wenn sie auch Sperma bekommen. Und die Männchen profitieren, weil der Abstand zwischen Paarung und Befruchtung kurz ist. Trotzdem ist die chemische Attacke für die Weibchen eine gefährliche Angelegenheit: Die Männchen vergiften sie langsam. Mit jeder Paarung steigt ihr Risiko zu sterben. Für den Nachwuchs – und damit für die Väter – spielt das keine große Rolle. Da die Fliegen keine Brutpflege betreiben, ist es nur wichtig, dass das Weibchen bis zur Eiablage überlebt.

Aber in der Evolution gibt es keinen Stillstand – und ein derart aggressives Verhalten provoziert Abwehrmaßnahmen. William Rice, Evolutionsforscher an der University of California in Santa Barbara, hat entdeckt, dass die Fliegenweibchen Gegengifte produzieren. Ihn hat vor allem überrascht, wie schnell die Evolution arbeitet. In seinen Käfigen züchtete er Fliegen unter verschiedenen Selektionsbedingungen – und zwang in einem Versuch Drosophilas über Generationen zur Einehe. Jedes Männchen lebte nur mit einem Weibchen zusammen. Die Folge: Das toxische Sperma bot mangels Konkurrenten keinen evolutionären Vorteil mehr. In nur 47 Generationen verschwand die Fähigkeit, das Gift zu produzieren, und beide Geschlechter lebten friedlich miteinander.

In der freien Natur herrschen aber nirgendwo solch paradiesischen Zustände. Dort besteht weiter der Zwang, andere Artgenossen auszustechen. Die Evolution wird deshalb sicher noch manche Sex-praktiken erfinden, die selbst Biologen das Grausen lehren. ■

Thomas Willke

Ohne Titel

Tiere sind in einem ständigen evolutionären Wettkampf miteinander, um das eigene Erbgut so gut wie möglich in Form von Nachwuchs zu vermehren. Die auffällige Folge dieses Kampfes sind die Formen des Penis von Insekten und Spinnentieren. Er ist nicht nur Spermaüberträger, sondern auch Stößel, Wischmopp und Messer. Die Form der Geschlechtsorgane ist so markant und artspezifisch, dass Biologen sie benutzen, um Insektenarten zu unterscheiden, die sich ansonsten extrem ähneln und mit den klassischen Methoden nicht zu bestimmen wären.

Bis vor einigen Jahrzehnten war unter Entomologen sogar die Schloss-Schlüssel-Hypothese verbreitet. Sie besagte, dass Insekten ihre Geschlechtsorgane als anatomische Visitenkarte benutzen. Doch Christopher O’Toole, Entomologe am Oxford University Museum, erscheint diese Idee angesichts dessen, was Biologen inzwischen über das Verhalten von Insekten wissen, ein wenig naiv: „Sie bedeutet im Grunde, dass Insektenmännchen aufs Geratewohl herumfliegen, um ihre Geschlechtsorgane in jedes augenscheinlich passende Weibchen zu stecken. Und wenn sein ,Schlüssel‘ zu ihrem ,Schloss‘ passt, paaren sie sich. Doch das tun sie ganz sicher nicht.“

Dieses Verfahren wäre natürlich völlig ineffizient, weil viel zu zeitaufwendig und gefährlich, da kein Männchen weiß, auf wen es es beim Annäherungsversuch trifft – am Ende auf einen Fressfeind? Insekten und Spinnen haben darum ein ausgeklügeltes Paarungsverhalten entwickelt: Der gesuchte Partner muss passend aussehen – und vor allem riechen –, und er muss das artspezifische Balzverhalten zeigen – also richtig tanzen, zirpen oder dergleichen. Erst dann geht es los.

Ohne Titel

• In der Evolution geht es darum, das Erbgut so erfolgreich wie möglich in die nächste Generation zu bringen.

• Männchen und Weibchen von Gliederfüßern haben dazu bizarre Tricks und Gegentricks entwickelt.

COMMUNITY INTERNET

Aktuelle Meldungen über die Erforschung von Insekten und die Evolution der Sexualität finden Sie auf unserer Homepage unter „ Suchen“:

www.wissenschaft.de

Homepage von William Rice:

www.lifesci.ucsb.edu/eemb/faculty/rice/research/research.html

LESEN

Carl Zimmer

Evolution (auf Englisch)

480 Seiten, Arrow 2003

€ 14,95

Christopher O’Toole

Alien Empire – Das Reich der Insekten

223 S., Knesebeck 1996

(nur noch antiquarisch erhältlich)

Michael Miersch

Das bizarre Sexualleben der Tiere

Piper 2001

(nur noch antiquarisch erhältlich)

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