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Schmetterlinge

Gewinner und Verlierer der Verstädterung

Der Kleine Maivogel (links) bildetet unter den 158 untersuchten Arten das Schlusslicht für Urbanaffinität und dürfte in Europa weiter zurückgehen. (Bild: Henrik_L/iStock). Der Gelbe C-Falter (rechts) erreicht hingegen den höchsten Wert. (BU: saraTM /iStock)

Vom Kohlweißling bis zum Schwalbenschwanz – welche europäischen Schmetterlingsarten kommen mit der zunehmenden Verstädterung zurecht und welche nicht? Eine Studie beleuchtet diese Frage sowie die Ursachen der unterschiedlichen Anpassungsfähigkeit. Einige Generalisten können demnach durchaus profitieren, doch für die meisten Arten sind die menschlich geprägten Lebensräume problematisch. Zur Erhaltung der Biodiversität sollten deshalb die Bedürfnisse von spezialisierten Schmetterlingen in der Städteplanung besonders berücksichtigt werden, sagen die Forscher.

Naturnahe Landschaften verwandeln sich zunehmend in urbane Siedlungsgebiete: Weltweit wird bis 2050 ein Wachstum der Siedlungen und Städte von zwei bis drei Millionen Quadratkilometern prognostiziert. Wo einst Wälder und Wiesen Tieren und Pflanzen Lebensraum boten, machen sich dadurch versiegelte Flächen sowie nach den Vorlieben des Menschen bepflanzte Grünanlagen breit. Wie sich Wildtiere auf solche Lebensraum-Veränderungen einstellen können, wurden bisher meist bei Säugetieren und Vögeln untersucht. Die Forscher um Corey Callaghan vom Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig haben sich nun hingegen einer speziellen Insektengruppe zugewandt: den Schmetterlingen.

Verbreitungsdaten ausgewertet

Um herauszufinden, wie die Schmetterlinge auf die zunehmende Urbanisierung reagieren und welche Arten sich daran anpassen können, werteten die Wissenschaftler über 900.000 Einträge zu 158 Arten in Europa aus der Global Biodiversity Information Facility aus. „Bei unserer Studie war es ein Vorteil, dass diese Insekten bei vielen Menschen beliebt sind, was uns eine verhältnismäßig gute Datengrundlage verschaffte“, sagt Callaghan. Sein Kollege Henrique Pereira von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg führt weiter aus: „Die meisten der von uns verwendeten Schmetterlings-Beobachtungen aus der Datenbank wurden von Freiwilligen in ganz Europa zusammengetragen. Jeder kann durch Smartphone-Apps wie iNaturalist oder naturgucker dazu beitragen, das Wissen über die Auswirkungen unserer Lebensweise auf die biologische Vielfalt zu vergrößern“.

Durch die Auswertung der Verbreitungsdaten konnten die Forscher den Schmetterlingsarten Werte der Stadtaffinität zuordnen, die von minus bis plus reichen. 79 Prozent der Schmetterlingsarten meiden demnach urbane Bereiche. Am meisten trifft dies auf den Kleinen Maivogel (Euphydryas maturna) zu. Diese Art ernährt sich ausschließlich von Eschen und benötigt feuchte, lichte Wälder als Lebensraum. Doch es gibt auch einige Spezies, die das städtische Umfeld eher schätzen: 25 der 158 Schmetterlingsarten kamen dort häufiger vor als in anderen Lebensräumen. Ein ausgesprochener Stadt-Schmetterling ist beispielsweise der Gelbe C-Falter (Polygonia egea) oder auch der allseits bekannte Kohlweißling (Pieris rapae). „Überraschend war, dass wir so klare Muster über den gesamten europäischen Kontinent hinweg gefunden haben. Der Grad der Stadtaffinität deutet darauf hin, welche Arten voraussichtlich zu den Gewinnern und Verlierern der Urbanisierung gehören“, sagt Callaghan.

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Generalisten versus Spezialisten

Durch die Verbindung der Ergebnisse mit Informationen zur Lebensweise der Schmetterlingsarten ermittelten die Forscher anschließend, welche Merkmale den Arten ihre Stadt-Affinität oder -Aversion verleihen. Es stellte sich heraus, dass vor allem Generalisten sich gut an urbane Lebensräume anpassen können – also solche Arten, die sich von vielen verschiedenen Pflanzen ernähren und starke Temperaturschwankungen aushalten können. Außerdem war ein gemeinsames Merkmal der Gewinner, dass sie eine aufs Jahr gesehen längere Flugaktivität zeigten und sich mehrmals im Jahr fortpflanzten. Spezialisierte Arten hingegen, die stark von bestimmten Pflanzen und Klimabedingungen abhängen, werden im Zuge der Urbanisierungen voraussichtlich immer mehr verschwinden, sagen die Wissenschaftler.

„Wir konnten zeigen, dass sich Merkmale wie Temperatur- und Lebensraumpräferenzen gut als Anhaltspunkte nutzen lassen, um vorherzusagen, welche Arten am empfindlichsten auf menschliche Aktivitäten reagieren, um sie bei Schutzmaßnahmen zu priorisieren“, sagt Co-Autorin Diana Bowler von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Eine Möglichkeit, den Verlust der Artenvielfalt durch die Urbanisierung einzudämmen, ist den Wissenschaftlern zufolge die gezielte Pflanzung von Wirtspflanzen der spezialisierten Schmetterlinge im Rahmen der Stadtplanung. Aber auch die Bürger sind gefragt: „Jeder Gartenbesitzer kann einen Beitrag leisten, indem er heimische Pflanzen auswählt,” sagt Callaghan abschließend.

Quelle: Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung, Fachartikel: Global Change Biology, doi: 10.1111/gcb.15670

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