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Umwelt+Natur

Gift im Horn

Immer mehr südafrikanische Nashörner fallen Wilderern zum Opfer. Mit einem Giftcocktail wollen ihnen Tierschützer das blutige Geschäft verderben.

Brett Gardner zielt, hält kurz inne und drückt ab. Das Breitmaulnashorn ist getroffen. Es wankt, kämpft kurz mit dem Gleichgewicht und fällt dann mit einem lauten Krachen zu Boden. Gardner ist Veterinär im Johannesburger Zoo und unterstützt ein Projekt zum Schutz von Nashörnern. Er betäubt die Tiere mit einem Narkosegewehr und spritzt ihnen anschließend einen Cocktail aus Gift und Farbe in die Hörner, um sie für organisierte Verbrecher unbrauchbar zu machen.

In der traditionellen chinesischen und vietnamesischen Medizin setzen Ärzte das Hornpulver ein zur Steigerung der Libido, zur Krebsbekämpfung und zur Minderung der Beschwerden nach übermäßigem Alkoholkonsum – fragwürdige Anwendungen, da keine einzige Studie die Wirksamkeit des Pulvers belegt. Dennoch bezahlen Zwischenhändler den Wilderern 65 US-Dollar für ein Gramm Hornpulver, und den Kunden ist es sogar 133 US-Dollar wert. Ein einzelnes Rhino-Horn, das bis zu 3 Kilogramm wiegt, kann also locker 300 000 US-Dollar einbringen. Damit kostet es mehr als doppelt so viel wie die gleiche Menge an Gold.

Und die Nachfrage nach Rhino-Hörnern nimmt zu: Waren es 2010 noch 333 gewilderte Nashörner in Südafrika, stieg die Zahl 2011 auf 448, 2012 auf 668 und erreichte 2013 den vorläufigen Höhepunkt mit 1004 getöteten Nashörnern. Der dürfte 2014 allerdings mühelos überschritten werden: Bis Ende Februar töteten und enthornten Wilderer bereits 146 Exemplare. Das sind im Durchschnitt 2,5 Tiere pro Tag, und bis zum Jahresende könnten es mehr als 1500 werden. Leidtragende sind sowohl Breitmaulnashörner als auch die bereits vom Aussterben bedrohten Spitzmaulnashörner.

Der Tierarzt Charles van Niekerk hat deshalb zusammen mit dem Wildreservatbesitzer Ed Hern das „Rhino Rescue Project“ (RRP) ins Leben gerufen. Die beiden haben ein Gerät entwickelt, mit dem sie Nashörnern eine Mischung aus Farbe und Insektizid ins Horn injizieren können. Das Rezept haben die Tierschützer vom Einfärbesystem für Banknoten abgeschaut, das gestohlene Geldscheine unbrauchbar machen soll. Banken markieren ihre Scheine für den Fall eines Diebstahls mit leuchtend violetter, nicht mehr abwaschbarer Farbe, die sich versteckt in präparierten Geldbündeln befindet. Beim Verlassen der Bank explodiert das Päckchen und markiert die Beute. Das Besondere an der Farbe der Tierschützer: Sie ist von außen nicht sichtbar, da das Horn per Injektion von innen durchtränkt wird. Die Farbe leuchtet aber bei Flughafenkontrollen unter den Röntgenscannern auf – sogar, wenn ein Horn zu Pulver gemahlen ist. Der Schmuggel von Hörnern wird dadurch erheblich erschwert.

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Mit Brechreiz gegen Wilderei

Auch das zur Farbe hinzugegebene Insektizid soll den Wilderern das blutige Geschäft verderben. Zwar ist es für Menschen nicht lebensgefährlich, verursacht aber Kopfschmerzen, Brechreiz und schwere Übelkeit, wenn es verzehrt wird. Nashörner müssen diese Nebenwirkungen nicht befürchten. Der farbige Giftcocktail breitet sich nach der Injektion in den Hörnern aus, gelangt aber nicht in den Blutkreislauf. Da die Behandlung den Tieren von außen nicht anzusehen ist, bringen Wildreservatbesitzer Schilder an den Zäunen um ihre Gehege an, die in mehreren Sprachen auf die Behandlung der Rhino-Hörner hinweisen.

Tierarzt Brett Gardner gehört zum Team von RRP. Er betäubt die Tiere mit Etorphin (Handelsname „M99″), einem extrem starken Opioid. Allerdings: Die Betäubung ist nicht ungefährlich, wie Markus Hofmeyer, leitender Tierarzt bei der südafrikanischen Nationalparkbehörde, in einem Aufsatz von 2004 beschreibt.

Das Mittel belastet die Atemzentren von Breit- und Spitzmaulnashörnern, weswegen sie nach der Behandlung schnell wieder aufgeweckt werden müssen. Dazu kommt, dass das Eigengewicht der tonnenschweren Tiere im Liegen deren Organe erdrücken könnte. 2012 wurde das starke Narkotikum dem Breitmaulnashorn Spencer zum Verhängnis: Es wachte nicht mehr auf, nachdem das RRP-Team das Tier mit M99 betäubt hatte.

Tierarzt Gardner war damals vor Ort. Er sagt: „Ich habe bei der Wiederbelebung geholfen, aber Spencer hatte eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, weshalb er darauf nicht ansprach.“ Von mehr als 150 Tieren, die das RRP-Team in den letzten drei Jahren behandelte, ist Spencer bislang das einzige, das während der Behandlung starb. Damit so etwas nicht wieder vorkommt, muss das Team vor allem schnell und routiniert arbeiten. Sobald das Nashorn betäubt ist, füllt der Veterinär das Gemisch aus Farbe und Gift in einen Zylinder. Dieser Farbtank wird fest verschlossen und hydraulisch unter Druck gesetzt.

In der Zwischenzeit bohren die Tierschützer Löcher in die Hörner und schrauben Gummischläuche mit Metallventilen in die Bohrlöcher. Die anderen Enden der Schläuche befestigen sie an Ventilen des Farbtanks. Danach injizieren sie das Gemisch unter Druck für etwa zehn Minuten, bis die fasrige Hornstruktur komplett damit getränkt ist.

Aufwendig, aber schmerzfrei

Da Rhino-Hörner keine Blutgefäße und Nerven enthalten, ist die Prozedur komplett schmerzfrei. Die Hörner anderer Tierarten – etwa die von Elefanten – besitzen einen knöchernen, soliden Kern, der nicht durchtränkt werden kann. Sie lassen sich daher nicht behandeln. Die gesamte Prozedur inklusive Aufwachzeit dauert etwa 45 Minuten. Alle sieben Minuten wenden die Tierschützer das ohnmächtige Nashorn, damit keine Organe zerquetscht werden. Etwa 700 Euro kostet eine Behandlung, die das RRP-Team als Dienstleistung für private Wildreservatbesitzer anbietet. Die Wirkung des Giftcocktails hält drei bis vier Jahre.

Trotz des Todes von Spencer ist Gardner von der Methode überzeugt. Er will sie bald auch im Johannesburger Zoo einsetzen. Denn er befürchtett: „Die Nashörner im Zoo werden die nächsten sein, auf die sich die Wilderer stürzen.“ Solange ein Horn so viel kostet wie eine Eigentumswohnung, wird die Gier vermutlich keine Grenzen kennen. •

von Martin W. Angler