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Globalisierung nicht ohne Fair play

Überraschend und aber verständlich. Unversehens finden sich zwei Vordenker – an entgegengesetzten Polen der politischen Meinungsbildung angesiedelt – auf einer gemeinsamen Plattform wieder: Prof. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Leiter der Max-Planck-Forschungsstelle für Verhaltensforschung in Andechs, und Prof. Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Leiter des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie.

Während der eine gern von politischen Rechtsaußen zitiert wird, gilt der andere als Kronzeuge der ökologisch und sozial denkenden Linken. Was sie eint, ist ihre ketzerische Frage, ob in unserer Welt, die an der Schwelle zum 21. Jahrhundert gerade alle Schranken abbaut, nicht doch Grenzen notwendig sind.

Eibl-Eibesfeldt verweist auf die Konflikte überall dort, wo verschiedene Herden von Menschentieren um Rohstoffe, Raum und Nahrung konkurrieren, und er fragt, ob Kriege und Morde nicht vermeidbar wären, wenn nur jede Volksgruppe in ihren Grenzen bliebe. Dabei mag der eine an die Massaker zwischen Hutu und Tutsi in Afrika denken, der andere an die Aggression gegenüber vermeintlichen türkischen Arbeitsplatzkonkurrenten vor der eigenen Haustür.

Auch von Weizsäcker betont die schützende Funktion von Grenzen, wenn er sich den Thesen der Globalökonomen entgegenstellt. Die Globalisierer versprechen zwar wachsenden Wohlstand für jedermann gerade durch die Aufhebung aller Schranken, durch den ungehemmten Fluß von Energie, Rohstoffen, Waren, Informationen und Geld. Doch genau dieses „für jedermann“ ist bisher durch die Geschichte stets widerlegt worden. Jedes Öffnen von Grenzen – ob freiwillig oder unfreiwillig – hat vor allem die Starken stärker gemacht. Weil aber die Geschichte von den Siegern geschrieben wird, sind Verlierer und Verluste bald aus den Gedanken verdrängt.

Doch natürlich läßt sich der Abbau der Grenzen nicht aufhalten. Schrittmacher war immer die Wirtschaft. So verschmolz die EWG, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, zur EG und dann zur EU, der Europäischen Union, Vorläufer der Vereinigten Staaten von Europa. Die freie Wahl des Wohn- und Arbeitsortes, über die heute bestehenden nationalen Grenzen hinweg, ist die unvermeidbare Folge. Das gilt für Bauarbeiter genauso wie für Fußballspieler.

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Eine Illusion ist deshalb das Vorhaben der 1994 aus der Taufe gehobenen nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA (USA, Kanada und Mexiko), bis 2015 zwar alle Schranken für den Handel abzubauen, die Menschen aber in ihren Grenzen einsperren zu wollen. Die Menschenströme folgen den Warenströmen. Auch Eibl-Eibesfeldt weiß, daß keine Barriere einen Menschen aufhalten kann, wenn die Kirschen in Nachbars Garten locken. Natürlich fordert auch von Weizsäcker nicht die Rückkehr zur nationalen Abschottung – nur ein paar Regeln zum fairen Umgang miteinander. Wer aber soll sie schreiben?

Dennoch: Die Welt des 21. Jahrhunderts wird weniger Grenzen haben – trotz national-regionaler Tümelein á la Padanien (Norditalien) oder Quebec (Kanada). Es darf aber kein Tabu sein, zu sagen, daß, wenn auch viele vieles gewinnen werden, die Welt durch die Globalisierung gleichzeitig um einiges ärmer wird – um Völker und um Philosophien. Auch viele Menschen werden verlieren, deren Fähigkeiten nicht mehr gebraucht werden, die den Starken nicht mehr nutzen. Daß allerdings die, die heute den Abbau von Grenzen zu ihrem Vorteil forcieren, morgen tatsächlich zu den Gewinnern zählen, ist ihnen nicht garantiert.

Jürgen Nakott
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