„GRENZEN ÜBERSCHREITEN IST UNSER LEITMOTIV" - wissenschaft.de
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„GRENZEN ÜBERSCHREITEN IST UNSER LEITMOTIV“

Ein wichtiges Ziel der VolkwagenStiftung ist es, neue Entwicklungen in der Wissenschaft anzustoßen. Wie das gemacht wird, erläutern Generalsekretär Dr. Wilhelm Krull und die Programm-Managerin Dr. Henrike Hartmann. Dr. Wilhelm Krull (Jahrgang 1952) ist seit 1996 Generalsekretär der VolkswagenStiftung. Der studierte Germanist, Philosoph und Politikwissenschaftler war von 1980 bis 1984 Lektor des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD) an der Universität Oxford. Anschließend arbeitete er beim Wissenschaftsrat in Köln und in der Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft. Dr. Henrike Hartmann (Jahrgang 1964) hat in Freiburg Pharmazie studiert und an der Universität Heidelberg promoviert. Nach einem Forschungsaufenthalt an der University of Florida arbeitete sie am Children’s Hospital der Harvard Medical School in Boston, USA. Seit 1998 betreut sie in der VolkswagenStiftung biomedizinische und naturwissenschaftliche Förderinitiativen.

bild der wissenschaft: Seit 2005 fördert die VolkswagenStiftung die Evolutionsbiologie. Warum, Frau Dr. Hartmann?

Hartmann: Vor etwa fünf Jahren stellten wir innerhalb der Stiftung fest, dass es mit der Evolutionsbiologie in Deutschland nicht zum Besten bestellt ist. Obwohl sich in dieser Disziplin weltweit durch neue Methoden sehr viel tut, dämmerte sie hierzulande vor sich hin – von einigen wenigen Einrichtungen abgesehen. Eine Ursache war: Nach der Naziherrschaft, in der evolutionsbiologische Konzepte für den Rassenwahn missbraucht wurden, wollte in Deutschland kaum ein Forscher mehr auf diesem Gebiet arbeiten. In so einem Klima kann keine Spitzenforschung entstehen. Ein anderer Aspekt für unser Engagement war, dass unheilvolle Strömungen wie der Kreationismus oder das Intelligent Design, die die Evolution negieren, aus den USA nach Europa überschwappten. Aus Gesprächen mit Wissenschaftlern ergaben sich dann noch weitere Defizite.

bdw: Eine Initiative, die Sie ins Leben gerufen haben, ist der Ideenwettbewerb „Evolution heute“, dessen Sieger in dieser Ausgabe vorgestellt werden. Wie war die Reaktion auf die Ausschreibung?

Hartmann: Unsere Erwartungen wurden übertroffen – sowohl hinsichtlich der Zahl als auch der Vielfalt der eingereichten Projekte. Ich bin sehr beeindruckt vom Engagement der Bewerberinnen und Bewerber, die viel Zeit in die Vorbereitungen investiert haben und sicher als Preisträger weiter investieren werden.

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bdw: Manches in den Bewerbungsunterlagen war wenig konkret – was nachvollziehbar ist. Schließlich handelt es sich um Projekte, die erst dann mit Volldampf angegangen werden, wenn Finanzmittel zur Verfügung stehen. Wie schafft man es dennoch, bei einer Konzeptstudie die Substanz zu erkennen, Herr Dr. Krull?

Krull: Für solche Weichenstellungen rufen wir stets einen Kreis von Experten zusammen. Und der lädt die guten Bewerber zur Präsentation und Diskussion. Die VolkswagenStiftung hat die Erfahrung gemacht, dass sich dabei rasch herausschält, wer unter den Bewerbern das intellektuelle Potenzial und das Engagement hat, die Ideen auch umzusetzen.

Hartmann: Beim Ideenwettbewerb „Evolution heute“ hatten wir ein international besetztes Gutachtergremium: Neben Evolutionsbiologen gehörten dazu auch Experten der Wissenschaftskommunikation, die genau wissen, was sich in welchem Zeitrahmen umsetzen lässt. So haben wir schließlich ein sehr klares Bild von den vorgestellten Projekten bekommen.

bdw: Eine gute Bewerbung ist aufwendig. Gibt es dafür von der VolkswagenStiftung Geld?

Krull: Wir erwarten, dass die Wissenschaftler in Vorleistung gehen.

bdw: Was sind die Wesensmerkmale einer Förderung durch die VolkswagenStiftung?

Krull: Wir wollen der Wissenschaft Anstöße geben und dem wissenschaftlichen Nachwuchs neue Perspektiven eröffnen. Und das auf verschiedenen Wegen: personenbezogen – etwa durch Fellowships oder unsere Lichtenberg-Professuren – oder thematisch, zum Beispiel durch die Initiativen zur Oberflächentechnologie, zur alternden Gesellschaft, zu Integration und Migration oder eben zur Evolutionsbiologie. Generell versuchen wir, Handlungsfelder abzustecken, die uns gesellschaftlich wichtig erscheinen, aber von den öffentlich finanzierten Wissenschaftsorganisationen noch nicht aufgegriffen werden. Wir sehen uns als eine Institution mit dem Leitmotiv, Grenzen zu überschreiten – fachliche, institutionelle und nationale Grenzen.

bdw: Durch die VolkswagenStiftung unterstützte Wissenschaftler haben sich im etablierten Wissenschaftsbetrieb bereits bewiesen und könnten ja auch von dort Förderung erfahren.

Krull: Staatliche Institutionen sind weniger flexibel, sie haben viele einengende Vorgaben – vor allem schwerfällige Berichtsysteme und Finanzierungsvorschriften. Die Forschungsfreundlichkeit, die unserer Stiftung attestiert wird, hat mit unseren Handlungsmöglichkeiten zu tun. Durch unsere Flexibilität und Risikobereitschaft können wir zu einem Impulsgeber für neue Entwicklungen werden, lange bevor die öffentliche Förderung reagieren kann. Wie gut das funktioniert, zeigen unsere bisherigen Förderaktivitäten. So haben wir in der Einzelmolekülforschung oder bei der konditionalen Mutagenese in den Neunzigerjahren Perspektiven eröffnet, die wenige Jahre später in Sonderforschungsbereichen der Deutschen Forschungsgemeinschaft Früchte getragen haben. Die Kunst besteht darin, frühzeitig Begabungen zu erkennen. Wenn sich die VolkswagenStiftung nach einem strengen Auswahlverfahren für jemanden entscheidet, können wir diese Person länger fördern, als das in öffentlichen Programmen der Fall ist. Durch die Lichtenberg-Professuren bieten wir eine sieben- bis achtjährige Perspektive, im Gegensatz zu zwei- bis dreijährigen Projektlaufzeiten der öffentlichen Hand.

bdw: Doch irgendwann soll die öffentliche Hand die von der VolkswagenStiftung geleistete Förderung ja übernehmen.

Krull: Die durch uns geförderten Personen müssen bei wissenschaftlichem Erfolg darauf vertrauen können, später im öffentlichen Forschungsbetrieb angemessen weiterarbeiten zu können. Nur dadurch können wir sehr gute Leute – etwa aus den USA – wieder nach Deutschland holen.

bdw: Durch Ihr Nachwuchsgruppenleiter-Programm setzten Sie Mitte der Neunzigerjahre ein wichtiges Zeichen.

Krull: Wir konnten in etwa fünfzig Fällen zeigen, dass eine frühe Selbstständigkeit hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Ausland anzieht. Erst als die Stiftung das unter Beweis gestellt hatte, zog die öffentliche Förderung nach, initiierte ihrerseits Nachwuchsleiter-Programme und schuf die gesetzlichen Voraussetzungen für die Einrichtung der Juniorprofessur.

bdw: Wie gewinnt man die guten Leute konkret?

Krull: Indem man auf sie zugeht. Die wirklich Besten bewerben sich nicht auf eine Anzeige.

bdw: Aus dem Leistungssport weiß man, dass nicht alle Begabungen Karriere machen. Wie oft kommt es in der Wissenschaft vor, dass ein hoffnungsvolles Talent den Beweis wahrer Größe schuldig bleibt?

Krull: Auch in der Forschung erleben wir, dass nicht unbedingt jene mit einem Einser-Abitur oder -Diplom die Kreativsten sind. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit einer solchen Korrelation hoch. Ähnlich ist es später: Wer einmal eine bahnbrechende Erkenntnis hatte, ist nicht automatisch weiterhin so erfolgreich. Dennoch ist die Zusammenschau einer Bewertung der bisherigen Publikationen und Zeugnisse mit der Persönlichkeit ein gutes Mittel, um zu erkennen, ob sie oder er sich als Teamleiter eignen. Auf dem Weg dorthin lassen wir die jungen Wissenschaftler nicht allein, sondern bieten Weiterbildungsprogramme an, um die nötigen Fähigkeiten zu entwickeln.

bdw: Forschungsförderung verstehen Sie auch als Personalentwicklung?

Krull: Dass Forschung und Lehre nur dann erfolgreich praktiziert werden können, wenn Forscher und Lehrende selbst dazulernen, hat die VolkswagenStiftung viel früher als die Universitäten erkannt.

bdw: Wie überwachen Sie Ihre Förderaktivitäten?

Krull: Die teuersten Fehler werden am Anfang gemacht. Wenn Sie die falschen Projekte anschieben oder die falschen Personen auswählen, können Sie sich anschließend noch so abstrampeln: Der Erfolg lässt dann zu wünschen übrig. Deshalb investieren wir viel Zeit in eine strenge und oft auch mehrstufige Prüfung der Anträge. Das heißt: Wir machen – gestützt auf schriftliche Expertenurteile – vor einem Gutachterkreis die Feuerprobe. Daran schließt sich das Monitoring an: die Begleitung der Vorhaben durch die Programm-Manager der Stiftung und eine Rückkopplung, häufig auch durch Vor-Ort-Besuche mit Sachverständigen. Daneben führen wir in Intervallen Statussymposien durch. Dort präsentieren die Wissenschaftler, was sie inzwischen erreicht haben. Ganz entscheidend ist, dass wir am Schluss – mit mehrjährigem Abstand zur Förderinitiative – eine externe Bewertung durchführen, mit Experten meist aus dem Ausland, die beim bisherigen Prozess nicht mitgewirkt haben. Auf diese Weise sehen wir, ob es uns gelungen ist, die einstmals definierten Ziele zu erreichen und die ausgewählten jungen Wissenschaftler erfolgreich im System zu platzieren.

bdw: Dokumentieren Sie das doch bitte am Beispiel der gut fünfzig Nachwuchsgruppenleiterinnen und -leiter.

Krull: Etwa dreißig sind in deutschen Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Spitzenpositionen gelangt. Nur zwei, drei haben es mangels Leistung nicht geschafft. Etwa ein Viertel haben wir wieder ans Ausland verloren, weil die deutschen Universitäten zum damaligen Zeitpunkt noch nicht das strategische Instrumentarium des aktiven Rekrutierens beherrschten. Zum Teil hatten sie auch nicht die Mittel, diese hochkarätigen Forscher zu halten. Das hat sich in jüngster Zeit durch die Exzellenzinitiative der Bundesregierung und der Länder erfreulicherweise verändert.

bdw: Welche Erwartungen verbinden Sie in diesem Zusammenhang mit der Initiative Evolutionsbiologie, Frau Hartmann?

Hartmann: Es geht hier nicht nur darum, guten jungen Wissenschaftlern eine Perspektive in unserem Land zu geben. Defizite entstehen schon früher. Denn selbst Abiturienten mit einem Leistungskursus Biologie haben von Evolutionsbiologie leider meist wenig Ahnung. Deshalb haben wir im Rahmen der Initiative eine Ausschreibung zu innovativen Ausbildungskonzepten aufgelegt. Die hier ausgewählten neuen Studiengänge sind hervorragend angelaufen, und die von uns geforderte Vernetzung der Hochschulen hinsichtlich der Studienangebote funktioniert bereits sehr gut. Mehr noch: Endlich interessieren sich junge Evolutionsbiologen aus dem Ausland für Positionen in Münster, Leipzig, Jena oder München.

bdw: Noch vor wenigen Jahren wurde beklagt, dass es in Deutschland viel zu wenig private Wissenschaftsförderer gibt. Das ändert sich derzeit erfreulicherweise. Erwächst der VolkswagenStiftung dadurch Konkurrenz?

Krull: In der Tat ist mehr als die Hälfte der etwa 15 000 deutschen Stiftungen nach 1990 gegründet worden. Generell begrüße ich diese Entwicklung sehr, weil sich dadurch die Vielfalt der Möglichkeiten deutlich erhöht. Die VolkswagenStiftung ist dabei oft als Ratgeber gefragt, um die Dinge professionell zu gestalten. Allerdings fördern nur 15 Prozent der Stiftungen die Wissenschaft. Und über die Hälfte des Fördervolumens für wissenschaftliche Zwecke kommt von lediglich sechs Stiftungen und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.

bdw: Nochmals zur Konkurrenz. Werden Ihre Mitarbeiter verstärkt abgeworben?

Krull: Die Fluktuation hält sich in Grenzen. Manche Abgänge sehe ich positiv. Wenn jemand bei uns einen so guten Job gemacht hat, dass er dann als Leiter der Strategieabteilung von einer Hochschule abgeworben und Berater bei der nächsten Etappe der Exzellenzinitiative wird, bestätigt das unsere Arbeit.

bdw: Die VolkswagenStiftung fördert seit 47 Jahren. Was hat sich in dieser Zeit vor allem verändert?

Krull: Am Anfang hat die Stiftung erst einmal ihren Standort im deutschen Wissenschaftssystem gesucht, denn eine private Förderung gab es damals ja kaum. So begann die VolkswagenStiftung erst einmal damit, Infrastruktur zu finanzieren – beispielsweise das 100-Meter-Radioteleskop am Effelsberg. Auch das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg, die Gesellschaft für Biotechnologische Forschung in Braunschweig und das Hochschulinformationssystem in Hannover wurden von der VolkswagenStiftung initiiert. Weiterhin haben wir damals Anreize gesetzt, um prominente Persönlichkeiten der modernen Biologie nach Deutschland zu holen – etwa Max Delbrück nach Köln. Anfang der Siebzigerjahre begann die VolkswagenStiftung, ihre Rolle in Richtung Schwerpunktkonzepte zu verändern. In den Neunzigerjahren fokussierten wir uns dann stärker auf die Förderung exzellenter Personen.

bdw: Welche persönlichen Lehren haben Sie aus der Fördertätigkeit bei der VolkswagenStiftung gezogen?

Krull: Anders als so mancher Verantwortliche in US-Stiftungen bin ich der Auffassung, dass ein behutsamer Aufbau einer Förderung wirkungsvoller ist, als die Mittel voll auf ein einziges Projekt zu konzentrieren. Wenn wir beispielsweise in der Evolutionsbiologie gleich mehrere neue Institute ins Leben gerufen hätten, würden wir vermutlich auch eine Reihe von schwächeren Wissenschaftlern fördern, weil Positionen ungeachtet der wirklichen Qualifikation besetzt worden wären.

bdw: Wer bei einer Stiftung arbeitet, hat es geschafft: halber Stress, doppeltes Einkommen und eine Lebensstellung. Oder sieht das bei der VolkswagenStiftung etwa anders aus, Frau Hartmann, Herr Krull?

Hartmann: Ich habe einen attraktiven Arbeitsplatz mit interessanten Inhalten. Doch das mit dem halben Stress ist leider eine Mär. Kommen Sie einmal vorbei, wenn ich mehrere Dutzend Förderanträge auf dem Schreibtisch habe und die binnen weniger Tage zu bearbeiten sind.

Krull: Die VolkswagenStiftung versteht sich nicht als Ruhezone für Personen, die sich schon im öffentlichen Dienst gestresst fühlen. Wer die Arbeit in einer Stiftung ernst nimmt, hat einen vollen Terminkalender. Wenn wir nicht ständig neue Förderinitiativen, die gut ankommen, auf die Beine stellten, ginge die Reputation der VolkswagenStiftung sehr schnell in den Keller. Und das will ja wohl niemand. ■

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