Heringe – Profiteure der Ozeanversauerung? - wissenschaft.de
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Heringe – Profiteure der Ozeanversauerung?

Heringe könnten von der Ozeanversauerung sogar profitieren. (Foto: Nikontiger/ iStock)

Die Larven vieler Fischarten reagieren sensibel auf die Ozeanversauerung – nicht so die der Heringe. Wie nun Experimente enthüllen, gedeihen die Larven dieser Fische in saurerem Meerwasser sogar besser. Der Grund dafür: Zum einen sind sie von Natur aus toleranter gegenüber saurem, kohlendioxidhaltigen Wasser, wie Tests belegt haben. Zum anderen aber profitieren die Fischlarven von dem durch die Versauerung veränderten Nahrungsangebot.

Kaum starten sie ins Leben, geht es für junge Fische auch schon ums Überleben. Die Jungfische müssen lernen, zu fressen und Feinden zu entfliehen. Gleichzeitig sind sie in dieser Lebensphase am sensibelsten gegenüber Umweltfaktoren wie Temperatur, Sauerstoff und dem pH-Wert des Wassers. Genau diese Faktoren wandeln sich derzeit global: Temperaturen steigen und Sauerstoff geht den Meeren verloren. Außerdem gelangt immer mehr Kohlendioxid (CO2) aus der Atmosphäre ins Meerwasser, bildet dort Kohlensäure und lässt den pH-Wert sinken. Doch nicht nur direkt, auch indirekt beeinflusst zusätzliches CO2 die Überlebenschancen von Fischlarven, denn es kann auch ihr Nahrungsangebot verändern.

Heringslarven im „Mega-Reagenzglas“

Wie Heringslarven mit solchen veränderten Bedingungen klarkommen, haben nun Michael Sswat vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und seine Kollegen untersucht. Für ihre Studie ließen sie jungen Heringe in sogenannten Mesokosmen aufwachsen, die vor der schwedischen Küste verankert sind. „Die Mesokosmen isolieren wie in einem riesigen Reagenzglas 50 Kubikmeter Meerwasser mit allen darin vorkommenden Planktonorganismen“, erklärt Co-Autor Ulf Riebesell vom GEOMAR. In fünf Mesokosmen hatte das Wasser erhöhte CO2-Konzentrationen, wie sie für das Ende des Jahrhunderts vorhergesagt werden. Fünf Mesokosmen wurden zum Vergleich bei gegenwärtigen CO2-Werten gehalten.

Das überraschende Ergebnis: Sechs Wochen nach dem Schlupf hatten fast 20 Prozent mehr Heringslarven unter zukünftigen als unter heutigen CO2 Bedingungen überlebt. Offenbar profitierten die jungen Heringe sogar von der Ozeanversauerung. „Dieser insgesamt positive Effekt von Ozeanversauerung auf Heringslarven war zunächst überraschend, da frühere Studien für viele andere Fischarten negative direkte Effekte von Versauerung auf das Überleben der Larven gezeigt haben“, sagt Co-Autorin Catriona Clemmesen vom GEOMAR.

Doppelter Effekt

Eine erste Erklärung für die verblüffend positive Reaktion der Heringslarven auf das saurere Wasser lieferte ein indirekter Effekt: In den Mesokosmen mit erhöhten CO2-Konzentrationen verstärkte sich die natürliche Algenblüte zwischen Februar und Juni. „Dadurch vermehrte sich auch das tierische Plankton besser und von diesem erhöhten Nahrungsangebot profitierten dann die Heringslarven“, erklärt Sswat. Der Einfluss der Ozeanversauerung auf Algen und die Nahrungskette kommt demnach den Heringen sogar eher entgegen.

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Doch das ist noch nicht alles: Eine parallel zu den Mesokosmen durchgeführte Laborstudie enthüllte, dass die Heringslarven generell widerstandsfähiger gegenüber pH-Wert-Veränderungen sind. „Geschwister der Heringslarven in den Mesokosmen wurden im Labor bei vergleichbaren CO2 Werten aufgezogen, ohne Änderungen im Futterangebot“, erklärt Sswat. „Somit konnten wir den direkten Effekt des Kohlendioxids auf die Heringslarven von dem indirekten Einfluss über die Nahrungskette trennen.“ Es zeigte sich: Auch ohne besseres Nahrungsangebot gedeihen die Heringe im sauren Wasser problemlos.

Von Natur aus toleranter

Die Forscher vermuten, dass diese Toleranz der Heringslarven gegenüber pH-Wert-Veränderungen an der Lebensweise der Fische liegt: „Heringe laichen meist nahe dem Boden, wo natürlicherweise hohe CO2-Werte vorherrschen“, erklärt Clemmesen. „Sie sind somit vermutlich schon besser angepasst als andere Fischarten wie zum Beispiel der Kabeljau, der nahe der Wasseroberfläche laicht.“ Sswat ergänzt: „Möglicherweise werden Heringe in einem saureren Ozean der Zukunft einen Vorteil gegenüber anderen, empfindlicheren Arten haben.“

Allerdings: Wie sich die Fischbestände in der Zukunft entwickeln, ist von vielen Faktoren abhängig, wie die Forscher betonen. Zusätzlich zur Ozeanversauerung verändern auch die ansteigende Temperatur und die Überfischung die Lebensgemeinschaften im Meer weltweit und längst nicht alle dieser Folgen sind absehbar. „Veränderungen im Ökosystem sind allerdings wahrscheinlich. Deshalb ist das Risiko hoch, dass die direkten und indirekten Folgen eines ungebremsten CO2-Ausstoßes die Fischbestände insgesamt negativ beeinflussen“, fasst Riebesell zusammen.

Quelle: GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, Fachartikel: Nature Ecology & Evolution, doi: 10.1038/s41559-018-0514-6

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