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Verhaltensforschung

„Höfliche“ Umgangsformen bei Menschenaffen

Grundzüge vieler unserer Verhaltensweisen finden sich auch bei den Menschenaffen. (Bild: Jeff McCurry/iStock)

Freundliche Signale zu Beginn sowie am Ende: Spezielle Kommunikationsmuster prägen bekanntlich unsere sozialen Interaktionen. Das gilt offenbar auch für unsere nächsten Verwandten im Tierreich, belegt eine Studie: Schimpansen und Bonobos zeigen ebenfalls bestimmte Verhaltensweisen, um Interaktionen zu initiieren sowie abzuschließen. Wie sehr sich die Tiere dabei kommunikativ Mühe geben, hängt bei den Bonobos interessanterweise auch von ihren jeweiligen Beziehungsverhältnissen ab. Insgesamt spiegeln sich im Verhalten unserer Verwandten damit Grundzüge der menschlichen Höflichkeit wider, sagen die Wissenschaftler.

Gemeinsam sind wir stark: Die komplexe Kooperationsfähigkeit ist ein Schlüsselelement des Erfolgs des Menschen. Das zugrundeliegende Sozialverhalten ist dabei bekanntlich mit vielen Regeln verbunden – wer sie nicht einhält, hat mit ablehnenden Reaktionen seiner Mitmenschen zu rechnen. Zu diesem System gehört auch das Gefühl einer gewissen Verpflichtung gegenüber Personen, mit denen wir Kontakt aufgebaut haben. Dies spiegelt sich in unseren Umgangsformen wider: So verdeutlichen wir etwa den Beginn von Interaktionen durch bestimmte Redewendungen, Gesten und unsere Körpersprache. Das Gleiche gilt für das Ende der jeweiligen Kontaktaufnahme. Wer sich hingegen ohne ein Wort oder eine Verabschiedungsgeste einfach abwendet und geht, verhält sich unhöflich oder will sein Gegenüber bewusst brüskieren.

Fragender Blick auf unsere Verwandten

Diese komplexen Verhaltensweisen sind typisch menschlich, könnte man meinen – doch es gibt bereits Hinweise darauf, dass auch Menschenaffen sich beim Umgang mit Artgenossen verpflichtet fühlen: Wenn zwei Tiere etwa bei einer gemeinsamen Tätigkeit unterbrochen werden, nehmen sie diese anschließend wieder gezielt mit demselben Partner auf, haben Forscher bereits beobachtet. Doch zeigen sie auch zum Beginn und Ende von Interaktionen spezielle Kommunikationssignale – ähnlich wie wir? Dieser Frage sind die Wissenschaftler um Raphaela Heesen von der Durham University durch eine Verhaltensstudie an in Zoos gehaltenen Schimpansen (Pan troglodytes) und Bonobos (Pan paniscus) nachgegangen. Insgesamt analysierten sie die kommunikativen Merkmale von 1242 Interaktionen zwischen zwei Tieren.

Wie sie berichten, bestätigten ihre Auswertungen: Bei beiden Menschenaffenarten schauten sich Individuen auffallend häufig an und zeigten kommunikative Signale, um Interaktionen wie gegenseitige Fellpflege oder Spielen sowohl zu beginnen als auch zu beenden. Bei den wegen ihres „speziellen“ Sozialverhaltens als „Hippie-Schimpansen“ bekannten Bonobos war dies noch etwas deutlicher ausgeprägt: Sie tauschten in 90 Prozent der Fälle Eingangssignale und gegenseitige Blicke aus – bei den Schimpansen beobachteten die Biologen dies bei rund 70 Prozent der Interaktionen. Das Ende war bei beiden Arten noch häufiger von auffallendem Kommunikationsverhalten gekennzeichnet: In 92 Prozent der Fälle bei den Bonobo- und 86 Prozent bei den Schimpansen-Interaktionen. Zu den Signalen gehörten dabei Gesten wie gegenseitiges Berühren, Händchenhalten, Kopfstoßen oder das gegenseitige Anblicken, berichten die Forscher.

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Parallelen zum Menschen

Im Rahmen ihrer Studie erfassten sie außerdem die sozialen Beziehungen zwischen den jeweiligen Partnern – die speziellen Freundschaftsverhältnisse oder den Status in der Rangordnung. Dabei zeigte sich: Bei den Bonobos war die Dauer der Ein- und Ausstiegs-Kommunikation tendenziell kürzer, je näher sich die Individuen standen. Den Autoren zufolge ähnelt dieses Muster dem, wie wir als Menschen mit anderen kommunizieren: „Wenn man mit einem guten Freund interagiert, ist es weniger wahrscheinlich, dass man sich intensiv Mühe gibt, besonders höflich zu kommunizieren“, sagt Heesen.

Interessanterweise stellten die Forscher bei den Schimpansen keinen Zusammenhang zwischen dem Verhalten und dem sozialen Beziehungsverhältnis fest. Wie sie erklären, könnte dieser Unterschied mit den verschiedenen Grundlagen der Gesellschaftsstrukturen bei Schimpansen und Bonobos zu tun haben: Bonobo-Gemeinschaften sind intensiver von Freundschaften und Bündnissen geprägt als die auf Dominanz basierenden Systeme der Schimpansen. Möglicherweise sind die Umgangsformen bei den Bonobos deshalb etwas vielschichtiger.

Wie die Wissenschaftler abschließend hervorheben, werfen die Ergebnisse auch Licht auf die Entwicklung von Verhaltensweisen in der gemeinsamen Evolutionsgeschichte von Schimpanse, Bonobo und Mensch: Die Ergebnisse legen nahe, dass die Verhaltensweisen im Zusammenhang mit dem Gefühl von „Verbindlichkeit“ bereits bei unserem letzten gemeinsamen Vorfahren vorhanden waren, so die Wissenschaftler. „Verhalten versteinert nicht – man kann keine Knochen ausgraben, um zu sehen, wie sich das Verhalten entwickelt hat. Aber man kann unsere nächsten lebenden Verwandten studieren, um Hinweise zu gewinnen“, so Heesen.

Dieses Video zeigt die offenbar typischen Verhaltensweisen zu Beginn und zum Ende einer spielerischen Interaktion zweier Schimpansen. (Credit: Raphaela Heesen and Emilie Genty)

Quelle: Cell Press, Fachartikel: iScience, doi: 10.1016/j.isci.2021.102872

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