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Nachgefragt Umwelt+Natur

Wissen Hunde, ob man weiß?

Bigandt_Photography/iStock
Was geht im Kopf meines Hundes vor? Das fragt sich so mancher Hundehalter. Doch wie sieht es umgekehrt aus – inwieweit ist auch unser „bester Freund“ zum geistigen Perspektivwechsel fähig? Auf dieses Thema hat und Angela T. aufmerksam gemacht – vielen Dank dafür. Wie aus einer Studie hervorgeht,  sind offenbar auch Hunde zu der sogenannten mentalen Zuschreibung (Theory of Mind) fähig:  Die Vierbeiner können anhand von Beobachtungen erfassen, ob ein Mensch eine für sie wichtige Information besitzt oder nicht.

Gefühle, Bedürfnisse, Absichten… Wer gut einschätzen kann, was im Kopf seiner Mitmenschen vorgeht, hat Vorteile. Um diese Informationen zu gewinnen, müssen wir jedoch die Perspektiven anderer einnehmen können. Diese Fähigkeit entwickelt sich in den ersten vier bis fünf Lebensjahren. Es handelt sich dabei zweifellos um eine hohe Leistung des menschlichen Verstandes und einen wichtigen Baustein unserer sozialen Intelligenz. Damit drängt sich fast die Frage auf: Gibt es auch Tiere, die zu dieser kognitiven Leistung fähig sind?

Der beste „Freund des Menschen“ im Test

Bei Menschenaffen und Rabenvögeln haben Studien belegt, dass sie tatsächlich Befindlichkeiten oder Wissenszustände anderer erfassen und dieses Wissen nutzen können. Aber wie sieht es mit unseren engsten Freunden im Tierreich aus – den Hunden? Den Forschern um Ludwig Huber von der Veterinärmedizinischen Universität Wien ist es durch einen cleveren experimentellen Ansatz gelungen, überzeugende Beweise für die entsprechenden Fähigkeiten der Vierbeiner zu liefern.

Die Wissenschaftler gingen ihrer Forschungsfrage zunächst mittels des sogenannten Guesser-Knower-Paradigmas nach: Bei den Experimenten gab es immer zwei menschliche Versuchsleiter – einen „Wissenden“ und einen „Unwissenden“. Der Wissende platzierte das Futter für den Hund unsichtbar in einer von mehreren Schalen oder wusste, wo es von jemand anderem platziert worden war. Der Unwissende war beim Verstecken des Futters entweder nicht im Raum oder hielt sich die Hände vor das Gesicht. Eine undurchsichtige Wand machte es den Hunden unmöglich, das Verstecken des Futters zu sehen. Danach wurden die beiden Menschen zu Informanten, indem sie mit der Hand auf unterschiedliche Futterschalen zeigten.

Der Wissende zeigte dabei stets auf das tatsächliche Versteck – der Unwissende hingegen auf eine leere Schale, wobei beide Schalen gleichermaßen nach Futter rochen. Um sich für den richtigen Napf zu entscheiden, mussten die Hunde folglich verstehen, wer das Futterversteck kannte (Wissender) und wer nicht (Unwissender) und begreifen, wer dadurch der bessere Informant war. Wie die Forscher berichten, bestanden die Hunde den Test klar: In knapp siebzig Prozent der Fälle wählten die Hunde die vom Wissenden angezeigte Schüssel. Diese Versuchsreihe bestätigte damit Ergebnisse einer früheren Studie aus Neuseeland. Den eindeutigen Nachweis erbrachte dann aber erst der neue Test des Teams, der sogenannte „Schau hin, schau weg“-Test.

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„Schau hin, schau weg“-Test bestanden

Dabei platzierte eine Person in der Mitte zwischen zwei weiteren Menschen das Futter, ohne später selbst einen Hinweis zu geben. Beide potenziellen Informanten standen links und rechts von diesem Futter-Verstecker und richteten ihren Blick in spezielle Richtungen: Eine der beiden Personen hatte den „Futterbereiter“ genau im Blick, die andere Person sah von ihm weg – er konnte nicht sehen, was er tat. „Die getesteten Hunde mussten also durch Einnahme der Perspektive der Informanten und dem Folgen ihrer Blicke beurteilen, wer der wissende Informant ist, um an das Futter zu kommen“, erklärt Huber. Selbst bei diesem für die Tiere schwierigeren Test waren die Hunde wieder in knapp siebzig Prozent aller Versuche erfolgreich, berichten die Verhaltensforscher.

„Die Studie zeigt, dass Hunde herausfinden können, was Menschen oder Artgenossen sehen oder nicht sehen können“, so Huber. „Indem sie die Position eines Menschen einnehmen und von dort aus seiner Blickrichtung folgen, finden sie heraus, was der Mensch sieht und daher weiß, folglich wem man trauen kann oder nicht“, resümiert Huber.

„Die offenbar über eine Kombination aus Domestikation und individueller Erfahrung entwickelte Fähigkeit, unser Verhalten zu interpretieren und unsere Absichten zu antizipieren, scheint bei Hunden auch das Vermögen der Perspektivenübernahme gefördert zu haben“, erklärt der Wissenschaftler. „Diese Fähigkeit hilft den Vierbeinern, sich in unserer Welt ausgezeichnet zurecht zu finden.“

Quelle: Veterinärmedizinischen Universität Wien, Animal Cognition, doi:10.1007/s10071-017-1082-x

Wenn Sie auch eine Frage oder einen Themavorschlag für unsere Rubrik „Nachgefragt“ haben, schicken Sie uns einfach eine E-Mail an: fragen@wissenschaft.de

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