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Klimawandel

Hungerrisiko durch früheres Brüten

Eine junge Sumpfschwalbe bettelt um Futter. (Bild: SteveByland/iStock)

Gefährliche Anpassung an die Klimaerwärmung: Wenn insektenfressende Vögel früher brüten, riskieren sie den Hungertod ihrer Küken, geht aus einer Langzeitstudie an einer Schwalbenart hervor. Problematisch sind demnach die häufigen Kälteeinbrüche im verfrühten Frühling: Bei der schlechten Witterung sind kaum Fluginsekten unterwegs und somit gibt es zu wenig Nahrung für die Brut. Neben dem generellen Rückgang der Insektenbestände könnten auch diese Tageseffekte hinter den besonders starken Populationseinbrüchen bei den insektenfressenden Vogelarten in Europa und Nordamerika stecken, sagen die Forscher.

Der Klimawandel beschert uns immer früher im Jahr ungewöhnlich warme Tage. Viele Studien belegen bereits, wie die Natur mit einer entsprechenden Vorverlegung ihrer Entwicklung reagiert. Man könnte meinen, dass nun eben einfach alles etwas früher beginnt. Doch diese Verschiebung ist problematisch, wie bereits aus Studien hervorgeht. Sie haben gezeigt, dass einige biologische Systeme aus dem Takt geraten, die auf ein optimales Timing angewiesen sind. Beispielsweise kann der zeitige Frühjahrsbeginn bei voneinander abhängigen Arten zu asynchronen Entwicklungen führen. So erwachen manche Tiere etwa aus der Winterruhe, wenn es noch kaum Futter gibt, oder Pflanzenarten blühen, wenn ihre Bestäuber noch nicht unterwegs sind.

Problematische Wetterkapriolen

Ein weiteres Problem ist die Launenhaftigkeit des zeitigen Frühlings: Es gibt eine Entkopplung zwischen der allgemeinen Erwärmung der Frühjahrstemperaturen und dem Auftreten von Kälteeinbrüchen. Die ungewöhnlich warmen Frühlingstage wechseln sich dadurch noch häufig mit sehr kalten Bedingungen ab. Für viele Organismen ist dies problematisch. So kann etwa eine durch Wärmespitzen besonders früh ausgelöste Blüte von anschließenden Kälteeinbrüchen zerstört werden. Wie nun das Forscherteam festgestellt hat, können diese Wetterkapriolen des verfrühten Frühlings offenbar auch den Bruterfolg einiger Vogelarten beeinträchtigen.

Im Fokus ihrer Studie standen Sumpfschwalben (Tachycineta bicolor) im US-Bundesstaat New York. Wie bei den europäischen Vertretern der Schwalben handelt es sich um Zugvögel, die im Norden brüten und in südlichen Gefilden überwintern. Ihr Bruterfolg ist dabei von der Verfügbarkeit von Fluginsekten abhängig, mit denen sie ihre Küken im Frühjahr füttern. Im Rahmen der Studie haben die Forscher Daten aus über 30 Jahren zur Nahrungsverfügbarkeit und dem Brutverhalten der Schwalben untersucht und mit Wetterdaten verknüpft. „Langzeitstudien wie die unsrige sind unerlässlich, um zu verstehen, wie und warum Arten von Klimaveränderungen betroffen sind“, betont Co-Autorin Maren Vitousek von der Cornell University in Ithaca.

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Hunger bei Kälteeinbrüchen

Wie die Forscher berichten, haben die Sumpfschwalben im Zuge der Klimaerwärmung ihren durchschnittlichen Brutbeginn alle zehn Jahre um drei Tage vorverlegt. Aus den Analysen der Wetterdaten ging in diesem Zusammenhang hervor: Die Küken aus den vorverlegten Gelegen sind heute deutlich häufiger als vor 30 Jahren ungünstigen Wetterereignissen ausgesetzt. An entsprechenden Tagen mit niedrigen Umgebungstemperaturen kommt es dann zu einem starken Einbruch der Anzahl fliegender Insekten, konnten die Forscher dokumentieren.

Dies hat wiederum deutlich negative Auswirkungen auf den Bruterfolg: Schon ein einziges Schlechtwetterereignis kann die Überlebenschancen der Küken um 50 Prozent reduzieren, geht aus den Ergebnissen des Teams hervor. „Die Entkopplung zwischen dem Auftreten von Kälteeinbrüchen und der allgemeinen Erwärmung der Frühjahrstemperaturen kann den Fortpflanzungserfolg deutlich beeinträchtigen und den langfristigen Fortbestand von Populationen bedrohen“, resümieren die Forscher. „Unsere Ergebnisse legen somit nahe, dass Tiere, die auf Nahrung angewiesen sind, deren Häufigkeit sich wetterbedingt schnell ändern kann, durch den Klimawandel ganz besonders gefährdet sind“, sagt Shipley.

Die Studie könnte auch Hinweise darauf liefern, warum die Bestände der Fluginsekten-fressenden Vögel wie Schwalben, Mauersegler, Fliegenschnäpper und Ziegenmelker in weiten Teilen Nordamerikas und Europas schneller zurückgeht als die anderer Gruppen. Offenbar sind diese Vogelarten von einem Doppelschlag betroffen: „Der weit verbreitete Rückgang der Insektenpopulationen trifft diese Arten besonders hart. Aber offenbar gibt es darüber hinaus einen Faktor, der gar nicht mit der generellen Veränderung des Insektenreichtums verbunden ist: Auch die Änderung der Verfügbarkeit über eine kurze Zeit macht den Vögeln zu schaffen“, sagt Shipley.

Quelle: Max-Planck-Institut für Tierverhalten, Fachartikel: PNAS: 10.1073/pnas.2009864117

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