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Interview mit Helgolands Wahrzeichen

„Ich habe chronische Bröckelitis“

Die „Lange Anna“ über Sollbruchstellen im Buntsandstein, Heisenbergs Quantenmechanik und vergebliche Rettungsversuche. Hallo Anna, wie geht’s? Viele Menschen machen sich Sorgen um Sie. Jou, ich leide an Morbus erosionis im fortgeschrittenen Stadium, verbunden mit chronischer Bröckelitis. Pro Jahr geht ’ne Tonne Material wech. Dramatisch! Manche befürchten, Sie könnten schon im nächsten Winter einstürzen. Könnte passieren! Ich hab so eine Art Sollbruchstelle, eine recht lockere Gesteinsschicht – die Katersandlage unterhalb der Mitte. Wenn ich einknicke, dann

Jou, ich leide an Morbus erosionis im fortgeschrittenen Stadium, verbunden mit chronischer Bröckelitis. Pro Jahr geht ’ne Tonne Material wech. Dramatisch!

Manche befürchten, Sie könnten schon im nächsten Winter einstürzen.

Könnte passieren! Ich hab so eine Art Sollbruchstelle, eine recht lockere Gesteinsschicht – die Katersandlage unterhalb der Mitte. Wenn ich einknicke, dann dort.

Die „Stiftung Lange Anna“ hat ein Sanierungskonzept für Sie entwickelt. Ihr Fuß soll durch einen Betonkranz gesichert und die Katersandlage mit Sandsteinziegeln ausgemauert werden.

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Lieb gemeint! Aber ich glaub nicht so recht dran. Die Jungs haben mir schon 1979 untenrum so ’n büschen Beton reingestopft, weil meine Standfläche immer kleiner wurde. Aber das hält alles nur ’n paar Jahre.

Ihr Bürgermeister Frank Botter hält ohnehin nichts davon. Er sagt: „Wenn sie umfällt, fällt sie um.“

Nuja, der gute Frank kann das man schön gelassen sehen. Es ist ja nicht er, der umkippt.

Wieso sind Sie eigentlich weiblich?

Eigentlich heiße ich ja „Nathuurnstak“. Das ist Halunder, also Helgoländer Platt, und bedeutet „Felsturm am Nordhorn“. Die Idee mit Anna hatte ein Tourist, der sich in eine Bedienung verguckt hat, die Anna hieß. Im Café oben auf den Klippen. Im vorletzten Jahrhundert.

Auch Kaiser Wilhelm soll seinerzeit als Kind zu Ihren Füßen gespielt haben…

Legendenbildung! Ich hab den Bengel nie gesehen. Aber ein anderer ist tatsächlich auf den Klippen rumgeklettert, auf den bin ich richtich ’n büschen stolz: Werner Heisenberg. Der hat hier ’ne Eingebung gehabt, die die Physik revolutionierte!

Echt wahr?

Jou, er kam im Juni 1925 hierher, weil er Heuschnupfen hatte. Und dann diese blitzartige Erkenntnis! „Es war spät in der Nacht“, schrieb er Carl Friedrich von Weizsäcker, „ich rechnete es mühsam aus, und es stimmte. Da bin ich auf einen Felsen gestiegen und habe den Sonnenaufgang gesehen und war glücklich.“ Ich weiß es noch wie heute, da drüben ist er rumgekraxelt.

Was genau ist ihm denn klar geworden?

Nuja, wie Sie sicher wissen, war die Atomtheorie damals quasi in eine Sackgasse geraten, nöch? Man hatte gemerkt, dass das Atommodell von Bohr und Sommerfeld in bestimmten Fällen nicht mit den spektroskopischen Messungen übereinstimmte. Und Heisenberg erkannte plötzlich, dass die Energie eines einfachen Atommodells zeitlich konstant war. Und dass es physikalisch überhaupt keinen Sinn machte, die Rydberg-Formel im Sinne von Kreis- und Ellipsenbahnen der klassischen Geometrie zu interpretieren – verstehen Sie?

Äh ja . natürlich. Und das war dann die berühmte Unschärferelation?

Jou, die kam dann, als die quantenmechanischen Deutungen immer weitergetrieben wurden. Matrizenmultiplikation, Schrödingers Wellenmechanik, Diracs mathematische Ausformulierung und so. Aber das ist ja alles bekannt, nöch?

Jaja, klar. Aber jetzt sagen Sie mal – wie lange wird es denn nun dauern, bis Sie umstürzen?

Tja, wenn ich das wüsste, würd‘ ich es Ihnen sagen. Mein Sandstein ist 250 Millionen Jahre alt, das relativiert alles so ’n büschen. Und das Material verschwindet ja nicht, es wandelt sich nur um. Alles fließt.

GESPRÄCH: MARTIN RASPER

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