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Umwelt+Natur

Insektenrückgang auch weltweit nachweisbar

Insekt
Gerade fliegende Insekten sind für die Bestäubung wichtig. (Bild: Gabriele Rada)

Schon mehrfach haben Studien einen starken Rückgang von Insekten nachgewiesen – meist aber nur für einzelne Länder. Jetzt haben Forscher diesen Trend auf globaler Ebene überprüft. Die bisher umfassendste Metastudie zu diesem Thema bestätigt, dass die Häufigkeit der Insekten weltweit um knapp ein Prozent pro Jahr abnimmt. Am stärksten sind die Verluste dabei in Teilen Nordamerikas und in Europa, darunter vor allem auch in Deutschland. Im Gegensatz dazu hat die Menge der Süßwasser-Insekten um gut ein Prozent pro Jahr zugenommen, wie die Forscher berichten. Insgesamt sind die Trends je nach Region und Lebensraum jedoch sehr unterschiedlich.

Insekten sind für Ökosysteme unverzichtbar und auch die Bestäubung vieler Nutzpflanzen wäre ohne diese tierischen Helfer nicht möglich. Umso beunruhigender sind die Ergebnisse mehrerer Studien, die in den letzten Jahren teils drastische Rückgänge der Insektenzahlen festgestellt haben. In Deutschland hat demnach die Biomasse fliegender Insekten in den letzten 27 Jahren um 76 Prozent abgenommen, die Zahl aller Arthropoden ist einer weiteren Erhebung zufolge in zehn Jahren sogar um 78 Prozent gesunken. „Dennoch bleibt es unklar, ob diese Rückgänge auch über geografische Regionen und Lebensräume hinweg bestehen“, erklären Roel van Klink vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und der Universität Leipzig und seine Kollegen. Denn Studien aus anderen Ländern und Regionen ergaben teilweise ähnlich starke Insektenverluste, aber auch weniger schwere oder sogar leichte Zunahmen.

Insektentrends
Trends für Landinsekten (oben) und Süßwasser-Insekten. (Bild: Van Klink et al., Science 2020)

Abnahme der Landinsekten um rund ein Prozent pro Jahr

Um mehr Klarheit zu schaffen, haben van Klink und sein internationales Team nun die bisher umfangreichste Metastudie zu diesem Thema durchgeführt. Sie analysierten dafür Daten von 166 Langzeitstudien an weltweit 1676 Orten, in denen Häufigkeiten sowie Biomasse von Insekten und Spinnen erhoben worden waren. Einige Studien reichten bis ins Jahr 1925 zurück, im Schnitt lag die Studiendauer jedoch bei rund 20 Jahren. Die Forscher werteten die Insektenzahlen getrennt nach Landinsekten und Süßwasserinsekten aus, außerdem erfassten sie die Werte nach Ländern und Regionen getrennt.

Die Auswertung bestätigt, dass die Menge der Insekten auch weltweit zurückgegangen ist – im Schnitt um 0,92 Prozent pro Jahr. Allerdings ist der globale Schwund deutlich geringer als zuvor beispielsweise für die fliegenden Insekten in Deutschland ermittelt. Dennoch sehen die Forscher wenig Grund zur Entwarnung: „0,92 Prozent klingt vielleicht nicht nach viel, aber es bedeutet 24 Prozent weniger Insekten über 30 Jahre und sogar eine Halbierung über 75 Jahre“, erklärt van Klink. „Angesichts der entscheidenden Rolle, die Insekten in Nahrungsnetzen und Ökosystemen spielen, ist ein solcher Rückgang beunruhigend und könnte auch mit anderen Veränderungen wie dem Rückgang der insektenfressenden Vogelpopulationen zusammenhängen.“

Gute Nachrichten gibt es dagegen aus Flüssen, Seen und Tümpeln, denn die Zahl der Insekten, die ihr Leben zeitweise im Wasser verbringen wie Libellen, Wasserläufer und Köcherfliegen, hat im Schnitt um 1,08 Prozent pro Jahr zugenommen, wie die Forscher berichten. Allerdings: Da auch hier die Häufigkeit und nicht die Vielfalt der Insekten ermittelt wurde, sagt dies nichts darüber aus, ob auch die Biodiversität dieser Wasserbewohner zugenommen hat – rein theoretisch könnte auch eine Massenvermehrung von Mückenlarven solche Zunahmen verursachen.

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Geografische und habitatspezifische Unterschiede

Gleichzeitig zeigten die Ergebnisse, dass es erhebliche geografische und habitatspezifische Unterschiede gibt – selbst zwischen nahegelegenen Standorten. So hat die Häufigkeit von fliegenden Insekten und von Insekten am Boden, beispielsweise in Wiesen, stärker abgenommen. Im Gegensatz dazu ist die Zahl der Insekten, die in Baumkronen leben, fast gleichgeblieben. Auch in Gebieten mit starker landwirtschaftlicher Nutzung war der Insektenschwund vergleichsweise gering ausgeprägt. Angesichts oft ausgedehnter Monokulturen mag dies verwundern, doch es gibt eine Erklärung, wie der nicht an der Studie beteiligte Ökologe Christoph Scherber von der Universität Münster erklärt: „Das ist ein ganz normales Phänomen: Eine Zunahme der Masse an Insekten kann hier heißen, dass bestimmte Insekten der Agrarlandschaft – oder sogar Schädlinge – zugenommen haben. So gibt es zum Beispiel umso mehr Schwebfliegen und Rapsglanzkäfer, je mehr Getreide und Raps angebaut wird.“ Welche Rolle die Landwirtschaft insgesamt für die Entwicklung der Insektenzahl und Artenvielfalt spielt, verrät die Metastudie daher nicht.

Deutliche Unterschiede fanden die Wissenschaftler auch zwischen den Regionen weltweit: Am stärksten ist demnach der Rückgang der landlebenden Insekten im Westen und Mittleren Westen der USA sowie in Europa. Auch Deutschland gehört zu den Ländern mit besonders großen Verlusten. Für Europa stellten die Forscher zudem einen sich verschlimmernden Trend fest: „Hier wurde die Kurvensteigung für die terrestrischen Insekten im Laufe der Zeit immer negativer und ab 2005 war der Abfall am steilsten“, berichten sie. Der Insektenschwund hat sich demnach bei uns in den letzten Jahren messbar verstärkt. In Nordamerika ist er dagegen im Laufe der Zeit eher zurückgegangen. Warum das so ist, können van Klink und sein Team auf Basis ihrer Studie nicht sagen. In Asien und Afrika scheint die Zahl der Insekten dagegen eher zuzunehmen oder gleich zu bleiben.

Allerdings: „Unsere Quellen waren nicht repräsentativ über die Welt verteilt“, sagen die Forscher. „Und selbst in Nordamerika und Europa, von wo die meisten Daten stammten, waren intensiv veränderte Standorte unterrepräsentiert. Geschützte Gebiete waren überproportional stark vertreten.“ Das aber bedeutet, dass gerade die Gegenden mit den stärksten menschlichen Eingriffen bisher kaum erfasst sind – und gerade dort könnte der Insektenrückgang besonders stark ausgeprägt sein, wie van Klink und seine Kollegen erklären. Ihrer Einschätzung nach scheint insbesondere die Zerstörung natürlicher Lebensräume – vor allem durch Verstädterung – landlebende Insekten zurückzudrängen.

Quelle: Roel van Klink (Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung, Leipzig) et al., Science, doi: 10.1126/science.aax9931

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