Jojo-Effekt macht krank - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesundheit+Medizin Umwelt+Natur

Jojo-Effekt macht krank

jojo_adina80xx.jpg
Der Jojo-Effekt ist schlechter für die Gesundheit als andauerndes Übergewicht. Bild: adina80xx, PhotoCase
Fast jeder, der einmal eine Diät gemacht hat, kennt das Problem: Kaum hat man abgenommen, kehren die Pfunde auch schon wieder. Doch dieser sogenante Jojo-Effekt ist nicht nur lästig, sondern auch ungesund, haben Wissenschaftler entdeckt. Er fördert Herz-Kreislauf-Erkrankungen stärker als das Übergewicht selbst und belastet zudem die Psyche der Betroffenen.

Es ist zum Verzweifeln! Da hungert man Tage, Wochen, ja sogar Monate, um unschöne Speckpolster an Bauch, Beinen und Po loszuwerden – und kaum lässt man die Zügel ein wenig schleifen, sind sie wieder da, in voller Pracht und nicht selten noch ausladender als vorher. Doch dieses gezeitenartige Auf und Ab des Gewichts, von Ernährungsforschern sehr bildhaft als Jojo-Effekt bezeichnet, ist nicht nur deprimierend und lästig: Immer mehr kristallisiert sich heraus, dass es extrem ungesund ist, schädlicher sogar als konstantes, stabiles Übergewicht – und zwar für Körper und Seele.

Da ist beispielsweise das Risiko für Herzinfarkte, bei beleibten Männern bekanntermaßen schon per se nicht gerade niedrig. Eine Langzeitstudie aus den USA zeigt jedoch, dass sich die Gefahr für eine tödliche Herzkrankheit sogar noch verdoppelt, wenn das Körpergewicht mehrmals um mehr als fünf Prozent schwankt, wie das Magazin “bild der wissenschaft” in seiner März-Ausgabe berichtet.

Ein ähnliches Bild ergab auch eine Untersuchung aus dem Jahr 2005 mit mehr als 27.000 gesunden Frauen und Männern, geleitet von dem Epidemiologen Heiner Boeing vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung ( Dife) in Potsdam: “Weight Cycler” – Opfer des Jojo-Effekts also – litten nicht nur messbar häufiger unter zu hohem Blutdruck als die Teilnehmer mit einem stabilen Gewicht, sondern sogar häufiger als diejenigen, die zuvor stetig zugenommen hatten.

Doch woran liegt das? Ganz genau beantworten können die Wissenschaftler diese Frage noch nicht. Aufgrund von Studien an Ratten verdächtigen sie jedoch vor allem das Fettgewebe selbst. Denn je häufiger man die Fettdepots leert und wieder füllt, desto emsiger arbeiten die Enzyme, die für das Einlagern von Fett zuständig sind – und desto mehr gesättigte Fettsäuren schaffen sie in die Speicher. Diese wiederum gelten vor allem für das Herz und die Gefäße als Belastung: “Je mehr gesättigtes Fett in den Depots schlummert, desto größer ist das Risiko für Herzkrankheiten”, fasst der Schweizer Mediziner Jean-Pierre Montani von der Universität Fribourg zusammen.

Anzeige

Doch die gesättigten Fettsäuren sind nicht das einzige, was den Gefäßen zu schaffen macht: Wenn das Gewicht zunimmt, steigen gleichzeitig auch Blutdruck und Puls sowie die Mengen an Leptin, Glukose und Insulin im Blut sowie die Blutfettwerte inklusive des Cholesterinspiegels unverhältnismäßig stark an. “In dieser Zeit wird den Gefäßen extrem zugesetzt und ein Diabetes Typ 2 begünstigt. Das kann in den Abnehm-Phasen nicht wiedergutgemacht werden”, mahnt Montani. Als wäre das noch nicht genug, leiden auch die Nieren unter dem Auf und Ab, Gallensteine treten häufiger auf, und auch Gebärmutterkrebs und Osteoporose werden verstärkt registriert. Unterm Strich bleibt ein unbequemes Resümee übrig, das Boeing für die Weltgesundheitsorganisation WHO so formuliert hat: “Weight Cycler haben eine erhöhte Sterblichkeitsrate”.

Nicht ganz so dramatisch, aber für die Betroffenen ähnlich belastend ist eine andere Folge der immer wiederkehrenden Speckrollen: Der Jojo-Effekt drückt aufs Selbstwertgefühl. “Die Betroffenen berichten von Gefühlen wie Kontrollverlust und Versagen und machen sich Selbstvorwürfe”, erklärt die Psychologin Johanna Friedli vom Kompetenz-Zentrum für Essstörungen und Adipositas in Zürich in “bild der wissenschaft”. Sogar eine Zunahme von Depressionen und Suchterkrankungen sind dem Jojo-Effekt bereits zugeschrieben worden. Schuld an den Problemen sind nicht selten Kommentare aus dem Umfeld – schließlich fällt es viel mehr auf, wenn jemand ständig zwischen schlank und wohlbeleibt hin- und herschwankt als wenn er langsam, aber stetig an Gewicht zulegt.

Konkrete Angaben, wieviele Menschen genau mit den kommenden und gehenden Pfunden und ihren Folgen zu kämpfen haben, gibt es bislang nicht. Eine Studie aus den USA kommt zu dem Schluss, dass etwa ein Drittel der Übergewichtigen das Phänomen bereits am eigenen Leib erfahren hat. In Finnland soll gar knapp ein Drittel der Bevölkerung betroffen sein. Gefährdet ist aber eigentlich jeder, der schon einmal eine Diät gemacht hat – denn schockierende 90 bis 95 Prozent schaffen es nicht, ihr neues Gewicht länger als ein Jahr zu halten.

Und was kann man nun tun, um dem Jojo-Effekt zu entgehen? Die Empfehlung der Wissenschaftler ist unbequem und auch nicht neu: Keine Crash-Diäten, sondern dauerhafte Umstellung der Ernährungsgewohnheiten und körperliche Aktivität, lautet das Rezept. Nur so lässt sich der Körper austricksen – denn schließlich handelt es sich bei der rasanten Gewichtszunahme nach einer Hungerperiode um ein uraltes Notfallprogramm, mit dem sich der Körper gegen kommende schlechte Zeiten, sprich weitere Diäten, wappnet.

Kathrin Burger: “Vorsicht Joschka!”, bild der wissenschaft 3/2008, S. 43 ddp/wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel
Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Dif|fe|ren|zi|al|quo|ti|ent  〈m. 16; Math.〉 Quotient zweier Differenziale in der Differenzialrechnung; oV 〈fachsprachl.〉 Differentialquotient ... mehr

Ver|kehrs|fluss  〈m. 1u; unz.〉 Bewegung der Fahrzeuge im Straßenverkehr

Spit|zen|rei|ter  〈m. 3〉 1 〈Sp.〉 1.1 hervorragender Turnierreiter  1.2 Tabellenführer ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige