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Umwelt+Natur

Jungen Meeresschildkröten auf der Spur

Meeresschildkröte
Grüne Meeresschildkröte zwischen Sargassum-Algen. (Bild: Gustavo Stahelin)

Wie verhalten sich junge Meeresschildkröten während ihrer ersten Zeit im offenen Meer? Diese Frage war bislang schwer zu beantworten, da es keine geeigneten Methoden gab, um Tracker für längere Zeit an kleinen, schnell wachsenden Meerestieren zu befestigen. Nun haben Forscher eine solche Technik entwickelt und damit 21 junge Grüne Meeresschildkröten fast ein halbes Jahr lang per Satellit beobachtet. Die Bewegungsmuster der Tiere sind demnach komplexer als bisher angenommen. Statt sich vorwiegend passiv treiben zu lassen, schwimmen sie aktiv in bevorzugte Gebiete. Ein besonders wichtiges Habitat der gefährdeten Spezies ist demnach die Sargassosee im Nordatlantik.

Als „Suppenschildkröten“ wurden sie gejagt, bis sie fast ausgestorben waren, heute sind sie durch den Klimawandel und die Zerstörung ihres Lebensraums bedroht: Grüne Meeresschildkröten (Chelonia mydas) gelten als stark gefährdet und stehen unter internationalem Schutz. Wichtig für Bemühungen zur Erhaltung der Art sind Informationen darüber, wie die Schildkröten leben, wandern und sich vermehren. Doch diese Daten sind lückenhaft. Vor allem über die frühe Lebensphase der Meerestiere ist wenig bekannt. Ein Grund dafür: Da die jungen Schildkröten schnell wachsen, ist es schwierig, Satellitentracker an ihrem Panzer zu befestigen, die lange daran haften bleiben, aber nicht das Wachstum oder sonstige Wohlbefinden des Tieres beeinträchtigen. Bisherige Erkenntnisse beruhen deshalb vorwiegend auf kurzfristigen Beobachtungen und Sichtungen.

Neues Trackingverfahren

Ein Team um Katherine Mansfield von der University of Central Florida in Orlando hat nun ein Trackingverfahren eigens für junge Grüne Meeresschildkröten entwickelt und damit 21 Individuen bis zu 152 Tage lang verfolgt. Alle Schildkröten wurden unmittelbar nach dem Schlüpfen an einem Strand in Florida gesammelt und drei bis neun Monate lang in großen Tanks im Meereslabor der Universität aufgezogen, bis sie mindestens 300 Gramm wogen. Dann statteten die Forscher sie mit solarbetriebenen Satellitentrackern aus und setzten sie nahe ihres Geburtsstrandes im Golfstrom aus.

Erfahrung mit dem Tracking von Meeresschildkröten hatten Mansfield und Kollegen schon durch frühere Studien mit Unechten Karettschildkröten (Caretta Caretta), die sie ebenfalls als Jungtiere per Satellit beobachtet hatten. „Der Panzer der Grünen Meeresschildkröte ist anders aufgebaut und hat eine wachsartige Oberfläche, sodass wir für die Anbringung des Trackers eine neue Methode entwickeln mussten“, berichten die Forscher. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, bei denen die Tracker nach wenigen Tagen wieder abfielen, fanden die Forscher eine Lösung: Bevor sie den Spezialkleber auftrugen, schmirgelten sie die wachsartige Schicht auf dem Panzer leicht ab. Erst dann befestigten sie den Satellitentracker. Diese Methode kann den Forschern zufolge auch in Zukunft dabei helfen, Grüne Meeresschildkröten über mehrere Monate hinweg zu beobachten.

Sargassosee als Aufzuchthabitat

„Unsere Daten zeigen, dass das Verhalten der Grünen Meeresschildkröten komplexer ist als bisher angenommen“, berichten Mansfield und Kollegen. Während man früher davon ausging, dass sich die Tiere vorwiegend passiv treiben lassen, zeigen die neuen Daten eindeutig, dass sich die Tiere aktiv orientierten und aus großen Strömungen wie dem Golfstrom herausschwimmen. Ein besonders beliebtes Ziel ist offenbar die Sargassosee, ein Meeresgebiet im Atlantik östlich von Florida, das seinen Namen von den dort reichlich vorkommenden Braunalgen der Gattung Sargassum hat. „Zwei Drittel unserer nachverfolgten Grünen Meeresschildkröten befanden sich in den Gewässern der Sargassosee, als ihre Tags aufhörten zu senden“, berichten die Forscher. „Das deutet darauf hin, dass viele atlantische Grüne Meeresschildkröten die Sargassosee als Aufzuchthabitat nutzen.“

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Die Sargassosee bietet den jungen Schildkröten reichlich Nahrung, einen gewissen Schutz vor Fressfeinden und eine gute Temperatur zum Wachsen. „Die Schildkröten in dieser Studie blieben in der ozeanischen Oberflächenschicht und erhielten wahrscheinlich thermische Vorteile durch die Exposition gegenüber direktem Sonnenlicht an der Meeresoberfläche“, so die Forscher. Wie lange die Schildkröten in der Sargassosee bleiben und warum zwar viele, aber nicht alle Individuen dorthin geschwommen sind, ist bislang noch unklar. Denkbar wäre beispielsweise, dass kleinere, schwächere Schwimmer zunächst in den großen Strömungen bleiben. Das wollen die Forscher in zukünftigen Studien mit mehr Grünen Meeresschildkröten unterschiedlichen Alters klären.

Erkenntnisse für den Artenschutz

Ihre Ergebnisse verglichen die Forscher auch mit früheren Erkenntnissen zu Unechten Karettschildkröten aus der gleichen Region. Demnach unterscheiden sich die Routen und Bewegungsmuster der beiden Arten zwar, doch für beide ist die Sargassosee eine wichtige Station im frühen Lebensverlauf. „Nun, wo immer mehr Daten über die ersten Jahre der Meeresschildkröten im Nordatlantik zur Verfügung stehen, ist klar, dass die Sargassosee ein wichtiges Entwicklungs- und Aufzuchthabitat für Meeresschildkröten ist“, schreiben die Autoren. Deshalb sei es besonders wichtig, diesen Lebensraum zu bewahren. „Das Verständnis des frühen Verhaltens und die Identifizierung der frühen Entwicklungshabitate sind entscheidend für das erfolgreiche Management und die Erhaltung dieser bedrohten Art“, so Mansfield und Kollegen.

Quelle: Katherine Mansfield (University of Central Florida, Orlando) et al., Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, doi: 10.1098/rspb.2021.0057

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