Kaum Schutz in Schutzgebieten - wissenschaft.de
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Umwelt+Natur

Kaum Schutz in Schutzgebieten

Schutzgebiet
Der Madidi Nationalpark in Bolivien gehört zu den wenigen relativ intakten Positivbeispielen. (Foto: Rob Wallace/WCS)

Schutzgebiete sollen die Natur erhalten und den Verlust der Artenvielfalt stoppen. Doch erfüllen die rund 200.000 weltweiten Schutzgebiete diesen Zweck? Vielerorts erschreckend schlecht – so lautet das Fazit einer aktuellen Studie. Ein Drittel der als geschützt ausgewiesenen Gebiete stehen demnach in Wahrheit enorm unter Druck, vor allem durch Straßenbau, Landwirtschaft und Urbanisierung. Einige Positivbeispiele belegen allerdings auch, dass sich Naturschutz lohnt – wenn er konsequent umgesetzt wird, so die Forscher.

Schutzgebiete bilden heute die Basis von Naturschutzgebieten weltweit. Denn sie sollen für bedrohten Pflanzen und Tiere Refugien vor der anhaltenden Zerstörung ihrer Lebensräume und anderer destruktiver Einflüsse sein. „Wir wissen, dass Schutzgebiete funktionieren, wenn sie gut finanziert, gut verwaltet und an den richten Stellen platziert sind“, erklärt Seniorautor James Watson von der University of Queensland und der Wildlife Conservation Society (WCS). „Dann sind solche Gebiete extrem effektiv darin, die Bedrohungen aufzuhalten, die den Artenverlust verursachen. Sie können sogar Arten vom Rand des Aussterbens zurückholen.“ Auf den ersten Blick ist die Entwicklung der Schutzgebiete daher sogar eine Erfolgsgeschichte: Seit dem Erdgipfel von Rio de Janeiro im Jahr 1992 hat sich die geschützte Landfläche weltweit fast verdoppelt, wie die Forscher berichten. Sie macht heute 14,7 Prozent der Landfläche aus.

Menschliche Störeinflüsse fast überall

Doch Naturschutzgebiet ist nicht gleich Naturschutzgebiet: Einige stehen unter strengstem Schutz und dürfen nicht betreten werden, in anderen Schutzgebieten sind bestimmte menschliche Eingriffe und sogar die Entnahme von Ressourcen in Teilen erlaubt. Ob diese Gebiete ihren Zweck erfüllen können und wie groß der Druck durch menschliche Einflüsse in diesen Arealen tatsächlich ist, haben Watson und sein Team nun erstmals genauer untersucht. Für ihre Studie untersuchten sie den menschlichen „Fußabdruck“ in 50.000 Naturschutzgebieten weltweit. Dafür werteten sie Daten zu Bebauung, Straßen, Schienenwegen und Schifffahrt aus, aber auch den Grad der landwirtschaftlichen Nutzung sowie die Bevölkerungsdichte und die Lichtverschmutzung aus. „Die Präsenz dieser Stressfaktoren ist direkt mit Belastungen und Verlusten der Biodiversität verknüpft“, erklären die Forscher.

Schutzgebiete in Europa
Vor allem in Europa ist kaum ein Naturschutzgebiet unbelastet (Grafik: GreenFireScience)

Ihre Auswertung ergab: Der größte Teil der Naturschutzgebiete weltweit ist durch menschliche Einflüsse belastet. „Mehr als 90 Prozent der geschützten Regionen, wie Nationalparks oder Naturschutzgebiete, zeigte Anzeichen für zerstörerische menschliche Aktivitäten“, berichtet Erstautor Kendall Jones von der University of Queensland. Ein Drittel der Schutzgebiete – insgesamt rund sechs Millionen Quadratkilometer – stufen er und seine Kollegen sogar als schwer belastet ein. „In diesen eigentlich für die Erhaltung der Natur reservierten Gebieten haben wir umfangreiche Infrastruktur wie Autobahnen, industrielle Landwirtschaft und sogar ganze Städte gefunden“, so der Forscher. Besonders viele belastete Schutzgebiete liegen ihren Ergebnissen nach in Europa, in Teilen Asiens und Afrikas.

Es geht auch anders

„Am meisten Besorgnis weckt die menschliche Präsenz in den Landschaften, die bei Einrichtung des Schutzgebiets noch intakt waren“, sagen die Wissenschaftler. „Von den um 1993 unter Schutz gestellten Arealen haben sich 280.000 Quadratkilometer von einem fast unberührten zu einem intensiv unter menschlichem Einfluss stehenden Kategorie gewandelt.“ In drei Vierteln aller Länder weltweit stehe dadurch heute mehr als die Hälfte der Schutzgebiete unter immensem Druck. „Regierungen sagen zwar, dass sie diese Areale zur Erhaltung der Natur bewahren, aber in Wirklichkeit passiert dies nicht“, sagt Watson. „Das ist einer der Hauptgründe, warum die Artenvielfalt noch immer katastrophal absinkt, obwohl mehr und mehr Land in den letzten Jahrzehnten unter Schutz gestellt wurde.“

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Doch es gibt auch gute Nachrichten: „Es gibt viele Schutzgebiete, die noch immer in gutem Zustand sind und die die letzten Refugien von bedrohten Arten effektiv schützen“, betont Watson. Zu diesen Positivbeispielen gehören seinen Angaben nach vor allem die Areale, die gut finanziert sind, die eine relativ große Fläche umfassen und unter den strengsten Schutzkategorien stehen. In diesen Gebieten hat sich der menschliche Einfluss kaum erhöht und die Belastung für Tiere und Pflanzen ist noch immer relativ gering. „Die Herausforderung ist es nun, das Management derjenigen Schutzgebiete weiter zu verbessern, die für die Erhaltung der Natur am wertvollsten sind“, so Watson. Geeignete Maßnahmen wären nach Ansicht der Forscher vor allem eine objektive und transparente Erfassung der jeweiligen Zustände und eine Heraufstufung der Schutzkategorie, weil dies die Möglichkeiten menschlicher Eingriffe verringert.

Quelle: Kendall Jones (University of Queensland, St. Lucia) et al., Science, doi: 10.1126/science.aap9565

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Er|in|ne|rungs|tech|nik  〈f. 20; unz.〉 Technik der erzählenden Dichtung, bei der eine Gestalt Erinnerungen erzählt, die die Haupthandlung bilden

Bü|schel|ent|la|dung  〈f. 20; El.〉 = Büschellicht

♦ Mi|kro|waa|ge  〈f. 19〉 Feinstwaage zur Messung im Mikrogrammbereich

♦ Die Buchstabenfolge mi|kr… kann in Fremdwörtern auch mik|r… getrennt werden.
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